Vorbemerkung:
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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 4. TEIL (mit LINKS ins Internet)
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INHALT DES 4. TEILS:
VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE (Definitionen - Das Unbewusste - Süchte, Persönlichkeitsstörungen, Geistes- und Gemütskrankheiten - Therapieformen) ⇘
Dieses 8. Kapitel ist das umfangreichste des gesamten Kompendiums. Es wird nach Maßgabe der Möglichkeiten überarbeitet und versucht laufend neuere Erkenntnisse einzuarbeiten. Wie bei den Behinderungen (s. o.) verändern sich die Terminologien in der Forschungsgeschichte genau so wie die Inhalte. Auch die Krankheiten selbst verändern ihre Ausprägungsformen im Laufe der Zeit. („Wenn du die Antwort gefunden hast, ändert das Leben die Frage.“) Die Frage, ab wann ein Mensch überhaupt als „krank“ zu bezeichnen ist, beantwortete Freud etwa so: „Wenn er nicht mehr arbeiten und / oder lieben kann.“ Andere Antworten zielen auf den subjektiven Leidensdruck, ältere Herangehensweisen eher auf „abnormale Phänomene“ ab.
* Tiefenpsychologie: 1910 vom Züricher Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) geprägter Ausdruck für die Psychologie des Unbewussten (s. a. o.)
* Psychiatrie: ein medizinisches Hauptfach, dessen Forschungsgebiete Diagnose, Verlauf und Heilung von seelischen Erkrankungen sind (griech. ψυχή = „Seele“, ἰατρός = „Arzt“). Zunehmend an Bedeutung gewinnt durch die moderne Hirnforschung die Neuropsychiatrie, die die neurologischen Ursachen (und ev. Folgen) psychiatrischer Erkrankungen erforscht.
* Psychotherapie: entweder als Überbegriff für psychologische Verfahren (durch Psychologen ausgeführt) und medizinische Verfahren (durch Psychiater, die auch Medikamente verschreiben dürfen, ausgeführt) oder ausschließlich für die (sprachlich vermittelte) psychologische Behandlung mentaler Störungen gebraucht. (Vgl. folgendes Video; inzwischen existieren - s. u. - zahllose Schulen. In der Praxis werden häufig vermischte Verfahren angewendet; letztendlich entscheidet die Effektivität.) Das Wort ist von griech. ψυχή = „Seele“ und θεραπεύειν = „behandeln“, „sorgen“ abgeleitet.
Kaum ein psychologisches Konzept erlangte derartige Wirkmächtigkeit und strahlte weltweit in alle gesellschaftlichen Bereiche aus wie die von Freud (s. u.) entwickelte Theorie vom Unbewussten (fälschlich Unterbewussten). Gegner der Tiefenpsychologie (z. B. der Wiener Rohracher, s. o. oder der kritische Rationalismus von Popper, s. o.) lassen nur physiologische Prozesse (z. B. Hormonausschüttung) als unbewusst gelten bzw. halten die Tiefenpsychologie und das Unbewusste für eine Hypothese, die zwar vieles erkläre, selbst aber weder falsifiziert noch bewiesen werden könne.
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Definition:
Dem Konzept vom „Unbewussten“ als hypothetischer Persönlichkeitsinstanz, in deren
Rahmen dynamische Prozesse ablaufen, liegt die Annahme zugrunde, dass es neben den bewussten Vorgängen
und Zuständen auch nicht wahrnehmbare („unbewusste“) seelische Komponenten gebe,
auf die man nur indirekt schließen könne (s. a. o.),
die aber dennoch das bewusste Erleben und Verhalten beeinflussen. Nach dem
Eisbergmodell finden weit mehr Prozesse im unbewussten als im bewussten Bereich
statt.
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Zugangsmöglichkeiten:
Nach Sigmund Freud
(s. u.) gibt es vier Möglichkeiten,
Zugang zum Unbewussten zu finden (in dem allerdings laut heutiger Hirnforschung
nichts vorhanden sei, was theoretisch bewusst gemacht werden könne; abgedrängt
könne nach heutiger Terminologie höchstens ins Vorbewusste - s. o. - werden):
* Traumdeutung: Seit Aristoteles von Stagyros (Ἀριστοτέλης; 384-322 v. Chr.: „Traum ist Reaktion auf eine Störung“) wird der Traum psychologisch gedeutet. Artemidor (Ἀρτεμίδωρος ὁ Δαλδιανός; 1. Hälfte 2. Jh. n. Chr.) unterschied in seiner Ονειροκριτικά („Traumdeutung“) zukunftsdeutende und Vorhandenes spiegelnde Träume. Freuds Hauptwerk Die Traumdeutung (s. hier; für ihn die „via regia der Psychoanalyse“) erschien - vordatiert - 1900. Darin betrachtet er den Traum als „Hüter des Schlafs“, der in codierten Botschaften, die interpretiert werden müssen, unbewusste Wünsche ausdrücke. Die Träume spielen für das Es dieselbe Rolle wie die Wahrnehmungen für das Ich (zu Freuds Instanzenlehre s. u.). Freud unterscheidet folgende
Trauminhalte:
| ° | manifester Inhalt: der vordergründige, erzählbare Inhalt, der von der Traumzensur metaphorisch erstellt wird |
| ° | latenter Inhalt: der „wahre“, durch die Zensur verschlüsselte, verborgene Inhalt, der erschlossen werden muss |
Mit dem Begriff „Traumarbeit“ bezeichnet Freud die Umwandlung vom latenten in einen manifesten Inhalt. Zur Verfügung stehen folgende
Mittel der Traumarbeit:
| ° | Verdichtung (z. B. Verschmelzung verschiedener Personen zu einer Traumfigur) = Agglutination |
| ° | Zerlegung: Merkmale einer Person können z. B. auf zwei oder mehrere Personen aufgeteilt werden = Deglutination |
| ° | Verschiebung (z. B. peinlicher Inhalte auf harmlose, vgl. a. u. „Abwehrmechanismen“) = Dilation |
| ° | Symbolisierung: Verwendung einer mehrdeutigen Bildsprache, von Freud z. T. entschlüsselt (z. B. stehe alles Ragende, Aufgerichtete, Lange für Männliches, alles Hohle, Ausgebreitete, Runde für Weibliches) = Permutation |
Weiteres zum Thema Traum: s. o.
* Fehlleistungen (von Freud in Zur Psychopathologie des Alltagslebens - s. hier - behandelt) treten v. a. im sprachlichen Bereich als „Freud'scher Versprecher“, aber auch in Form von Vergreifen, Verschreiben, Vergessen etc. (sog. Symptomhandlungen, s. a. u. „Abwehrmechanismen“) auf. Fehlleistungen entstünden laut Freud keineswegs aus Unaufmerksamkeit oder zufällig, sondern seien Ausdruck unbewusster Konflikte. (Beispiele: „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen.“ - „Bitte ziehen Sie ab.“) Oft (wie in den Beispielen, die tw. aus dem Buch Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten - s. hier - stammen) bestehen Versprecher aus Kontaminationen (Zusammenziehungen) zweier Redewendungen, die die eigentliche Redeabsicht entlarven (hier „anstoßen“/„aufstoßen“ bzw. „ablegen“/„ausziehen“).
* Hypnose: Versetzen in einen Trance-Zustand, in dem man Suggestionen, also einer Übertragung gefühlsbetonter Zustände oder Überzeugungen von einer Person auf eine andere, besonders leicht zugänglich ist (in den man aber nicht gegen seinen Willen gebracht werden kann). Auch Autosuggestion ist möglich. Vom Berliner (NS-)Psychiater Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) wurde die Hypnose zu Entspannungsübungen, die er Autogenes Training nannte, genutzt. Heute wird Hypnose manchmal als Anästhesieersatz in der Medizin eingesetzt. Diese Analgesie-Anwendung wurde v. a. vom Amerikaner Ernest Hilgard (1904-2001) erforscht.
Technik: Freud hat die Hypnosetechnik in Paris von Jean-Martin Charcot (1825-1893; gilt als Begründer der modernen Neurologie und hat z. B. als Erster die Krankheit ALS beschrieben) gelernt. Fixieren eines meist glänzenden Gegenstandes in entspannter Ruhelage unterstützt die Müdigkeit, suggerierende Worte des Hypnotiseurs bewirken die verschiedenen
Hypnosestadien:
| ° | Stadium der Somnolenz (Schläfrigkeit) |
| ° | Stadium paralyticum (passives Zurückfallen der Gliedmaßen, wenn sie angehoben werden) |
| ° | Stadium der Katalepsie (Gliedmaßen behalten jede Stellung bei, in die sie gebracht werden). |
| ° | Stadium des Somnambulismus: In diesem letzten Stadium können Heilsuggestionen (z. B. bei hysterischen Lähmungen) durchgeführt oder posthypnotische Aufträge erteilt werden, die nach dem Aufwachen ausgeführt werden, wenn sie nicht moralischen Grundsätzen widersprechen (z. B. Mord) oder unmöglich durchzuführen sind. Die hypnotisierte Person sucht dann nach Scheinrechtfertigungen (z. B. dafür, warum sie gerade gemäß ihrem Auftrag Papierschnitzel aus dem Fenster wirft). In diesem letzten Stadium erwartet man, dass die Erinnerung weiter als im Wachzustand reicht und verdrängte Wunschvorstellungen sich zur Äußerung bringen lassen. |
Weiteres zum Thema Hypnose: MEG-Gesellschaft für klinische Hypnose und hypnose.de
* Freies Assoziieren: Der Patient liegt (um Hemmungen - den Widerstand - auszuschalten) ohne Sichtkontakt zum Psychiater auf der durch Freud berühmt gewordenen Couch (das Original ist im Londoner Freud-Museum - s. hier - zu besichtigen) und muss rasch, von Stichwörtern geleitet, frei erzählen. (Eine Assoziation ist eine erlernte oder, wie hier, spontan auftretende Gedankenverbindung.) Da - wie bei den Fehlleistungen - laut Freud nichts zufällig passiert, lassen sich durch die Überlistung der zensurierenden Vernunft Rückschlüsse auf Verdrängtes ziehen.
Folgende Formen treten auf:
| ° | Gegensatzassoziationen (am häufigsten): z. B. groß-klein |
| ° | Ähnlichkeitsassoziationen: z. B. Hitze-Wärme |
| ° | Funktioneller Bezug: z. B. Vogel-Ei |
| ° | Logische Kategorie: z. B. Dogge-Hund |
| ° | Kontinuität: z. B. elf-zwölf |
| ° | Phonetische Assoziationen: z. B. Rose-Dose |
| ° | Spezifische Identifikation: z. B. Meer - Adria |
| ° | Persönlich Gefärbtes: z. B. auf Schule, Eltern |
Die letzten beiden Kategorien sind im angesprochenen Zusammenhang besonders wichtig. Prinzipiell treten Abweichungen von den durchschnittlich erwartbaren Antworten desto eher auf, je gebildeter bzw. geisteskranker jemand ist (Volksschulbildung 5%, Akademiker 12%, Schizophrene 25% Abweichung).
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Abwehrmechanismen:
Auch Abwehrmechanismen gelten als
Fenster, die einen Einblick in den unbewussten Bereich des Menschen bieten. Sie ermöglichen einen Ausgleich der oft unerwünschten
Trieb-/Instinktforderungen mit den gesellschaftlichen Konventionen und stellen
Ersatzhandlungen für das Ausleben des Unbewussten dar. Freud
(s. u.; und andere, v. a. seine
Tochter Anna;
s. u.) unterschieden:
* Verdrängung: „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ der unerwünschten Triebansprüche oder unangenehmer Bewusstseinsinhalte. Das auf diese Art „Vergessene“ lässt sich durch die oben genannten Techniken wieder aktivieren, wobei der Bewusstwerdung Widerstand (der laut Freud von derselben Energie gespeist wird, die früher die Verdrängung bewirkt hat) entgegengesetzt wird. Ist der Energiebedarf nicht zu groß, gelingt die Verdrängung, sonst misslingt sie. Die Verdrängung wird als eine Methode der „Unterbringung“ der Libido = Triebenergie angesehen (= Ökonomisches Persönlichkeitsmodell; s. u. zum topischen und dynamischen Modell). Verdrängung (z. B. einer sexuellen Misshandlung im frühen Kindesalter) kann manchmal ein Weiterleben erst ermöglichen.
* Isolierung: Im Gegensatz zur Verdrängung bleibt die abgelehnte Vorstellung bewusst. Ziel ist vielmehr sie zu isolieren, also - laut Freud ähnlich dem magischen Denken bzw. einem Berührungstabu -, eine psychische Assoziation durch scheinbare Abtrennung (z. B. durch Pausen, Unterbrechungen, aus dem Zusammenhang reißen, verbergen) bedeutungslos werden zu lassen.
* Rationalisierung: nachträgliche Scheinbegründung für in Wahrheit trieb- oder instinktbedingtes Handeln (z. B. Vorgabe wissenschaftlichen Interesses bei der Lektüre von Pornoheften; oft interpretierbar als Versuch einer Reduktion einer kognitiven Dissonanz: s. u.)
* Substitution: Ausrichtung der Trieb- oder Instinkttätigkeit auf ein Ersatzobjekt (z. B. Übertragung der Liebesgefühle für eine unerreichbare Person auf eine andere oder von Gefühlen für die Eltern auf den Analytiker)
* Reaktionsbildung: Umschlagen eines Verhaltens in sein Gegenteil, wenn die Triebwünsche unerfüllt bleiben (z. B. verdrängte Liebe in Hass)
* Verneinung: Im Unterschied zur Reaktionsbildung wird ein Sachverhalt nicht durch einen anderen ersetzt, sondern überhaupt negiert,
* Sublimation: Überführen der für „primitive“ Regungen zur Verfügung stehenden Triebenergie in sozial höher bewertete Tätigkeiten. (Freud erwähnt als Beispiel das Malen nackter Männerkörper durch den homosexuellen Leonardo da Vinci, 1452-1519.) Das Ich (s. u.) setzt der anstößigen Erregung eine Gegenbesetzung entgegen, die es als bleibende Veränderung aufnimmt. In einer dritten Phase kann das Verdrängte wiederkehren (Abnahme der Gegenbesetzung).
* Projektion: Die eigenen gehemmten Triebe oder unerwünschten Verhaltensweisen werden anderen zugeschrieben („von sich auf andere schließen“, Außenprojektion).
* Identifikation: Übernahme der Gründe der die eigenen Triebregungen unterdrückenden Autorität (z. B.: „Ich bin ja noch zu jung für eine sexuelle Beziehung“, wenn die Eltern eine solche torpedieren). Eigenschaften und Verhaltensweisen anderer Personen werden adoptiert (auch Introjektion, Internalisierung genannt). Die Übernahme der Eigenschaften der Angst einflößenden Autoritäten wirkt angstmildernd, da die Differenz vermeintlich ausgeglichen wird.
* Kompensation: Ausgleichen einer Minderwertigkeit durch Anstrengungen auf einem anderen Gebiet (z. B. Einschlagen der Militärlaufbahn bei physischer Unterentwicklung)
* Verschiebung: Die Affektbesetzung eines unerwünschten Bewusstseinsinhaltes wird auf einen harmlosen verschoben (s. a. o.: Traumarbeit), was sich als Phobie (z. B. Angst vor Mäusen statt vor einer peinlichen Neigung) oder Zwangshandlung (z. B. Pflastersteine zählen statt Ausleben von Geiz) auswirken kann.
* Regression: Das Zurückfallen in eine ontogenetisch (die Individualentwicklung betreffend im Unterschied zu phylogenetisch: die Stammesentwicklung betreffend) bereits überwundene Entwicklungsphase (z. B. Enuresis eines Dreijährigen bei der Geburt einer kleinen Schwester).
* Konversion: Überführen von psychischen Zuständen in physische Symptome (Psychosomatisches Syndrom, Somatisierung; bekannt ist z. B. der Zusammenhang von Stress: s. z. B. hier - zumindest von „schlechtem“ Disstress im Gegensatz zu „gutem“ Eustress; s. u. - und dem Verdauungssystem unter Beteiligung des vegetativen Nervensystems und des vom Hypothalamus ausgeschütteten Stresshormons CRF / Corticotropin Releasing Factor). Spezialfall: die artifizielle Störung des Münchhausen-Syndroms (nach dem Lügenbaron Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, 1720-1797), das im Vortäuschen und künstlichen Hervorrufen von Krankheiten (als Münchhausen-Stellvertretersyndrom von solchen anderer, oft eigener Kinder) besteht.
SÜCHTE, PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN, GEISTES- UND GEMÜTSKRANKHEITEN
Im Folgenden werden zunächst generelle Aspekte behandelt, danach die einzelnen Zustandsbilder - getrennt nach Abhängigkeiten, Neurosen und Psychosen - besprochen.
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Allgemeines:
* Klassifikationen: Man unterscheidet
Abhängigkeiten
(Verlust der Selbstregulation), Neurosen (Verlust der Lebensfreude) und
Psychosen (Verlust der Realität). Bei den ersten beiden Gruppen herrscht meist
(zumindest potentiell) volle Krankheitseinsicht (wenn auch die Bedeutung ihrer
Zustände von den Patienten oft heruntergespielt
oder gar geleugnet wird), beim letzten Krankheitsbild wird der eigene Zustand nicht mehr
wirklichkeitsgemäß eingeschätzt. („Der Neurotiker baut ein Luftschloss, der
Psychotiker lebt darin. Und der Psychiater kassiert die Miete.)“ Häufig
besteht Kommorbidität im Verbund mit anderen psychischen Erkrankungen.
Eines der ersten Systeme der Klassifizierung psychischer Störungen (z. B. die Unterscheidung des Begriffs „Dementia praecox“ - heute Schizophrenie - und „Manisch-depressives Irresein“ - heute affektive Störung) geht auf den (zeittypisch sozialdarwinistischen) deutschen Psychiater Emil Wilhelm Georg Magnus Kraepelin (1856-1926) zurück, der früh mit Wilhelm Wundt (s. o.) in Kontakt war. Schon weit früher postulierte der persische Universalgelehrte ابو زید احمد بن سهل بلخی / Abu Zayd al-Balkhi (ca. 850-934) das Gleichgewicht von Nafs (Psyche), Qalb (Herz) und 'Aql (Geist) als Voraussetzung für geistige Gesundheit. Die klinischen Anzeichen eines Krankheitsbildes nennt man Symptome (z. B. Kopfschmerzen; s. hier). Sie können subjektiv bemerkbar und / oder (nur) objektiv nachweisbar sein. Werden nur sie bekämpft, spricht man von symptomatischer Therapie, geht man auf die Ursache ein, von kausaler Therapie. Bündel von Symptomen heißen Syndrome (z. B. Alkoholsyndrom). Heute existieren
2 internationale Diagnoseklassifikationen:
| ° | die ICD 10 (International Classification of Deseases), eine Klassifikation der WHO, die auf den ersten internationalen statistischen Kongress in Brüssel 1853 zurückgeht, dessen Ergebnis der Beschluss war, eine einheitliche, internationale Nomenklatur der Todesursachen zu schaffen, und die alle, unter dem Buchstaben F auch psychische, Erkrankungen, umfasst. (Im Mai 2019 erschien die ICD 11 - auch in deutscher Entwurfsfassung -, die seit 1. 1. 2022 gilt.) |
| ° | das von der APA (American Psychiatric Association) seit 1952 hgg. American Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine v. a. in den USA verbreitete Klassifikation der andauernden oder wiederkehrenden psychischen Störungen. 1980 hatte das DSM III zum ersten Mal der unzureichenden Nomenklatur durch Angabe expliziter Kriterien für die Diagnose psychischer Störungen Rechnung getragen. (2013 wurde das DSM IV vom DSM V abgelöst. Das erwünschte Ausmaß an Zuverlässigkeit der Diagnosen wurde aber auch dadurch nicht erreicht.) |
Die in Österreich verwendeten Diagnoseverschlüsselungen finden sich hier. - Vgl. auch „Onmeda - Krankheiten von A-Z“ und das umfassend informierende MSD-Manual (Suche A-Z).
* Statistische Ausgangslage (Zahlen für Österreich tw. nach Psychosoziale Dienste Wien):
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Zahlen zur psychischen Gesundheit in Österreich (tw. geschätzt) |
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| ° | Jeder vierte Mensch wird zumindest einmal in seinem Leben ernsthaft psychisch krank. |
| ° | Davon nimmt etwa ein Fünftel professionelle Hilfe in Anspruch. |
| ° | Mindestens 20 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres unter psychischen Störungen und davon ist etwa ein Viertel schwer betroffen. |
| ° | Etwa 2 – 3 % der Bevölkerung (für Österreich: ca. 200 000 Menschen) konsumieren an einem Stichtag wegen einer erheblichen psychischen Störung fachspezifische Hilfe. |
| ° | Etwa 1 % der Bevölkerung (für Österreich: ca. 90 000 Personen) wird jährlich erstmals psychisch krank. |
| ° | Die Depression ist inzwischen international auf dem ersten Platz, was „verlorene Lebensjahre durch Erkrankung“ betrifft. |
| ° | Das Suizidrisiko bei affektiven Störungen beträgt 15 %. |
| ° | Für 90 % der Sterbefälle in Folge von Suiziden werden psychische Erkrankungen und davon insbesondere Depressionen und Suchterkrankungen verantwortlich gemacht. |
| ° | In Österreich gibt es pro Jahr (mehr als) dreimal so viele Suizide wie Verkehrstote. |
| ° | Die Lebenserwartung psychisch kranker Menschen ist etwa um 10% verringert. |
| ° | Krankenstandstage und Frührente werden ca. zu 20% von psychischen Erkrankungen (mit)verursacht. |
| ° | Österreich weist 39 substanzbedingte Suchttodesopfer pro 1 Mio. Ew. auf (EU-Durchschnitt: 18) |
Weltweit litten nach WHO-Untersuchungen 2025 bei steigender Tendenz etwa eine Milliarde Menschen an psychischen Erkrankungen. Von 2011 bis 2021 wuchs diese Zahl (vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen) prozentuell schneller als die Weltbevölkerung. Betroffen waren überproportional der europäische und der (nord)amerikanische Raum. Der Westpazifik und Afrika wiesen geringe(re) Raten (aber möglicherweise - vor allem bei Frauen - eine höhere Dunkelziffer) auf. Die Bandbreite der Versorgung psychisch kranker Menschen schwankte, je nach Wirtschaftskraft eines Landes, zwischen 13 und 2 Spezialisten pro 100 000 Menschen; dabei wurden zwischen 65$ und 4 Cent pro capita aufgewendet.
* Normalitätsbegriff: Problematisch (da in Wahrheit eher graduelle Abstufungen denn klar definierbare substantielle Grenzen angenommen werden und immer die Vorannahmen des Beobachters miteinkalkuliert werden müssen) erscheint - wie bei Behinderungen, s. o. - das Aufstellen einer exakten Trennlinie zwischen „normalen“ Menschen mit angemessener Realitätswahrnehmung und „psychisch kranken“ Menschen mit abweichendem Verhalten bzw. der Normalitätsbegriff überhaupt, der mathematisch-statistisch (im Sinn von durchschnittlich), funktional (im Sinn von aufgaben-, zweckerfüllend) oder sozial (im Sinne einer erwünschten Idealnorm, die letztlich ein gesellschaftliches Konstrukt ist) aufgefasst werden kann. In der Psychiatrie werden Krankheiten und „Störungen“ (die leicht, mittel oder schwer ausgeprägt sein können) gemäß den in Lehrbüchern bzw. Diagnosemanuals beschriebenen Kriterien diagnostiziert bzw. Exazerbationen (Symptomverschlimmerungen), Remissionen (Zustandsverbesserungen) und Rezidive (Rückfälle) beobachtet.
Nach einer um 1995 entstandenen Terminologie nennt man Personen, die keine neurologischen Auffälligkeiten aufweisen und deren Befund somit der „Norm“ entspricht, neurotypisch. Innerhalb einer sehr breiten, wertneutral gedachten Neurodiversität befinden sich alle Krankheiten und Störungen als Varianten. (Diese Sichtweise soll Diskriminierungen verhindern und die positive Selbstsicht Betroffener fördern.)
Richard Bentall (*1956), der alle Gemütszustände auf einem Kontinuum angeordnet sah, in dessen Extreme jede/r abrutschen könne, schlug (um darauf hinzuweisen, dass Klassifikationen von Werturteilen verzerrt würden) vor, dass z. B. Happiness (Fröhlichkeit, Glücksgefühl) genauso wie eine Depression als mentale Erkrankung behandelt werden sollte, weil ihr Auftreten nicht „normal“ sei. (Vgl. auch Egon Friedell, 1878-Suizid 1938: „Gesundheit ist eine Stoffwechselerkrankung.“) Darüber hinaus bestimmen kulturelle Einflüsse, was als normal empfunden wird. Der Festinger-Schüler Elliot Aronson (*1932) wies darauf hin, dass „Menschen, die verrückte Dinge tun, [...] nicht unbedingt verrückt“ seien, da die Situation, in der sich Menschen befinden, enormen Einfluss auf sie haben könne, was konstant unterschätzt werde (vgl. fundamentaler Attributionsfehler; s. o.). Zu beachten ist auch die nicht immer leicht zu treffende Unterscheidung zwischen mad und bad (vgl. o.).
Ein 1972 veröffentlichtes Ex., das das Vertrauen in die Zuverlässigkeit psychiatrischer Diagnosen nachhaltig erschütterte, stammt von David L. Rosenhan (1929-2012):
| Rosenhan ließ sich unter Vortäuschung schizophrener Symptome in eine Psychiatrie, an der er unbekannt war, aufnehmen und wurde dort, obwohl völlig gesund, problemlos diagnostiziert. Danach verhielt er sich ganz normal, wurde letztlich aber nur gegen Revers entlassen, da alle seine Äußerungen und Verhaltensweisen als im Einklang mit der Diagnose stehend interpretiert wurden. Rosenhan machte diese Situation publik und kündigte an, dass in nächster Zeit ein weiterer gesunder „Patient“ versuchen würde, Einlass zu finden, der jedoch in Wirklichkeit gar nicht existierte. Daraufhin wurden zahlreiche echte Patienten der Simulation verdächtigt. Es gelang also professionellen Psychiatern nicht, „normale“ und „kranke“ Menschen einwandfrei voneinander zu unterscheiden. (Vgl. Karl Kraus, 1874-1936: „Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose.“) |
Schon 1964 hatte eine Studie enthüllt, dass die Übereinstimmung zweier psychiatrischer Diagnosen, die unabhängig voneinander am selben Fall erstellt werden, durchschnittlich nur 57% beträgt. Prinzipiell gibt es in der Psychopathologie so gut wie kein Phänomen, dass nicht auch im Normalbereich auftaucht. Die Quantität (Dauer) und zunehmende Intensität führt jedoch manchmal zu einer neuen (pathologischen) Qualität. (C. G. Jung, s. u.: „Alles, was uns an anderen stört, kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen.“)
* „Red Flags“: Darunter werden Warnsignale verstanden, die zunächst von der Umwelt der betroffenen Personen erkannt (oder verdrängt) werden und zu einem Arztbesuch führen sollten. Nicht jeder Alarm deutet tatsächlich auf eine psychische Erkrankung hin, umgekehrt gehen aber fast allen seelischen Leiden (tw.) folgende Merkmale voraus, die (s. hier) als Red Flags gelten: Interessensverlust (Hobbys, Weltgeschehen), sozialer Rückzug, längerer Zustand der Hoffnungslosigkeit (Traurigkeit), Schlafstörungen, Gedächtnisprobleme, Stimmungsschwankungen (ev. mit Angstzuständen), verändertes Essverhalten, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit, Vernachlässigung alltäglicher Verrichtungen (Haushalt, Körperpflege), Verwirrtheit (Halluzinationen) und selbstverletzendes Verhalten (SVV).
* Drei Ursachengruppen werden nach dem biopsychosozialen Modell (1977 von George Engel, 1913-1999, propagiert und bald akzeptiert) immer wieder als Erklärung für psychische Krankheiten und Störungen genannt, können aber meist nicht eindeutig auseinandergehalten und identifiziert werden:
| ° | Biologie, v. a. Erbfaktoren:
die
genetisch-epigenetische Weitergabe einer Geisteskrankheit bzw. bestimmter
Veranlagungen als Voraussetzung dafür hängt möglicherweise mit allen
Ursachengruppen zusammen. Biologische und physiologische Faktoren betreffen
auch ev. noch nicht in allen
Einzelheiten bekannte biophysikalische und -chemische (hormonelle) Vorgänge
im Körper. (Die beliebige Beeinflussbarkeit der Stimmung durch
Psychopharmaka beweist ihre Mitbeteiligung.) Es geht wohl hauptsächlich um
neuromodulatorische Fehlregulationen bzw. strukturelle und funktionelle
Veränderungen des limbischen Systems. |
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Die moderne Hirnforschung weist
hauptsächlich Störungen des serotonergen und des oxytocingesteuerten
Bindungssystems und eine Schwächung der Stress-Achse (HPA-,
dt. HHN-Achse, da die Hormone kaskadenartig einen endokrinologischen
Regelkreis zwischen Hypothalamus, Hypophyse - engl. pituitary - und Nebennierenrinde
- engl. adrenal - durchlaufen) nach. (Zu Stress
s. a. o.)
Gerade im Vulnerabilitäts- (Diathese)-Stress-Modell zeigt sich die Wechselwirkung
zwischen angeborener Diathese (Krankheitsneigung) und schädlichen
Umweltfaktoren besonders gut. Bleiben letztere aus, kommt eine angelegte
Störung oder Krankheit manchmal gar nicht zum Ausbruch. (Dies betrifft u. a.
das Stresshormon
CRH - corticotropin releasing hormone -, das erst aktiviert wird,
wenn das bremsende Antistressgen, z. B. durch unsichere Bindung -
s. o. - epigenetisch -
s. o.
- deaktiviert wurde.) Umgekehrt verträgt ein von Vornherein gesünderer
Mensch denselben Stresslevel unbeschadet.
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Der Begriff „Stress“ wurde zum ersten Mal von Walter Cannon (1871-1945; s. a. u.) im Zusammenhang mit physiologischen Reaktionen im Rahmen früher Theorien verwendet. Die erste grundlegende Untersuchung zum Thema „Stress“ verfasste 1950 Hans Selye (1907-1982): The Physiology and Pathology of Exposure to Stress. In ihr beschreibt er die 3 Stadien Alarm - Widerstand - Erschöpfung. Besondere Beachtung erfuhren in der Forschung so genannte Life Events (unerwartete Todesfälle, Verbrechensopfererfahrungen, Kriegserlebnisse, Bankrott etc.), die 1967 von Thomas H. Holmes, 1918-1988, und Richard H. Rahe, 1936-2022, (s. hier) klassifiziert wurden. Diese Holmes-Rahe stress scale reicht von „Tod des Partners“ (100 Pt.) und „Scheidung“ (73 Pt.) bis zu „Weihnachten allein verbringen“ (12 Pt.) und „Geringe Gesetzesverstöße“ (11 Pt.). Mehr als 150 Pt. innerhalb der letzten 730 Tage bedeuten Risiko, mehr als 300 Pt. hohes Risiko. |
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| ° | Psychologische Faktoren wie labile Persönlichkeitsstrukturen, der persönliche Lebensstil und seine Verhaltensmuster (die ihrerseits wieder auf biologische oder Umweltfaktoren zurückzuführen sein könnten) bilden die zweite Ursachengruppe psychischer Erkrankungen. Laut Reinhard Haller (*1951) ist die (weithin unterschätzte und oft durch Liebesvorenthalt verursachte) Kränkung (s. a. o., die manchmal auf mangelnde Resilienz trifft bzw. deren Ausmaß übersteigt, einer der Hauptursachen psychischer Krankheiten (sowie für Terror, Mord und Krieg. Weltweit werden jährlich bis zu 20 000 Tote durch Ehrenmorde und Blutrache verursacht; vgl. a. u.) Als Kränkung wird nicht die Emotion, sondern eine Interaktion bezeichnet, die das Selbst (jenen Teil des Ich, dessen sich eine Person bewusst ist) und seine Werte nachhaltig erschüttert. Sie reicht von (der v. a. im Internet viel zu wenig ernst genommenen) Beleidigung über die Verbitterung (einer unheilbaren Kränkung, die Symptome wie bei PTBS, s. u., auslöst und zu psychogenem Tod führen kann) bis zur Demütigung (Entmenschlichung bei einseitiger Machtverteilung). Adelheid Kastner (*1962) definiert Kränkung als „Erschütterung des Selbstwerts durch eine relevante Person“. Es gebe allerdings kein Recht darauf, ungekränkt durchs Leben zu gehen. Die Entwicklung von Frustrationstoleranz sei eine Entwicklungsaufgabe (vgl. folgendes Interview). Positiv betrachtet können Kränkungen bei der Selbstkenntnis helfen, da sie (allerdings in unzumutbarer Art und Weise) immer wunde Stellen treffen und damit nicht verarbeitete Probleme offenlegen. | ||||||||||||||
| ° | Umwelteinflüsse - sei es, dass
sie in der Familiensituation (gestörte Kommunikationsmuster innerhalb der
persönlichen Umgebung des Patienten; erfordert oft die Mitbehandlung der
Angehörigen) oder als fehlgegangene Lernprozesse, sei es, dass sie als (ev.
epigenetisch - bestimmte Gene aktivierend -wirksame) frühkindliche Gewalterlebnisse oder negative
Erfahrungen in späterer Kindheit oder Jugend, die zu psychodynamischen
Effekten führen, auftreten (Life Events, Stressoren bis zu Traumatisierungen aller Art) - haben
ebenfalls Einfluss auf die spätere Verfasstheit der Psyche. Auch
wirtschaftliche Faktoren können eine Rolle spielen (wobei nicht nur Armut
psychische Probleme hervorruft, sondern die Kausalität auch umgekehrt gilt). Die frühkindliche
Bindungserfahrung (s.
o.) gilt als wichtigster Faktor für die spätere Entwicklung des
Menschen. Daher spielt eine besonders negative Rolle die
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Zur sozialen Situation von Kindern und Jugendlichen s. OECD-Dashboard |
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* Resilienz: Der Begriff Resilienz (von lat. resilire = abprallen) stammt ursprünglich aus der Materialienforschung und bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, innere oder äußere Störungen kompensieren zu können (im Gegensatz zu Vulnerabilität, also Verletzlichkeit). Im engeren Sinn geht es um die Widerstandskraft gegenüber ungünstigen Einflüssen während des Aufwachsens (bzw. im restlichen Leben), die jedoch in der Bevölkerung ungleich verteilt und von einigen Faktoren abhängig ist.
Mit der Frage, unter welchen Unständen manche Personen (bis zu einem Drittel) auch unter ungünstigsten Umständen ihre psychische Gesundheit und ein erfolgreiches Coping (= Reaktion auf Bedrohung, Bewältigung von Entwicklungsaufgaben bzw. Belastungen aller Art; „mit etwas fertig werden“) aufrecht erhalten können (bzw. nicht süchtig, kriminell etc. werden), beschäftigt sich die Resilienzforschung. Als Begründerin gilt Emmy Werner, 1929-2017, die 1977 nach jahrzehntelanger Untersuchung von fast 700 in schwierigen Verhältnissen aufgewachsenen Kindern in Hawaii in ihrem Buch Die Kinder von Kauai deren unterschiedliche Reaktionen auf ihre Situation bzw. die zugrunde liegenden Faktoren beschrieb. (Ca. ein Drittel schaffte den Sprung in ein erfülltes Leben.) Die hilfreichen Faktoren (vgl. Abb. 4/1) waren laut Werner die Überzeugung, dass Krisen vorübergehen werden, die innere Zustimmung zu Unvermeidlichem, die Lösungsorientiertheit, die Überzeugung von Selbstwirksamkeit (ein von Albert Bandura, 1925-2021, entwickeltes Konzept von der Erwartung eines Menschen, gewünschte Handlungen auch in schwierigen Situationen aufgrund eigener Kompetenzen erfolgreich ausführen zu können), die Übernahme von Verantwortung, die Suche nach Bindungen und die Zukunftsorientierung:

Abb. 4/1: Resilienzfaktoren nach E. Werner
(vgl. z. B.
hier)
Weitere wichtige Resilienzfaktoren sind „gute“ Gene (z. B. keine das Enzym Monoaminoxidase produzierende MAO-A-low-Genvariante, die aber - aufgrund der sie womöglich hemmenden Epigenetik - keinesfalls zu einem gescheiterten Leben verurteilt; vgl. die Video-Dokumentation Wie Gene unsere Persönlichkeit beeinflussen), Weiblichkeit, Fähigkeit zur Impulskontrolle, Intelligenz, soziale Kompetenzen und Anpassung (nicht nur als Ursache, sondern auch als Folge), interne Kontrollüberzeugungen (die im Unterschied zu den externen eine Stärkung nicht vom Schicksal, glücklichen Umständen etc., sondern von eigenen Anstrengungen erwartet), positive Selbstwahrnehmung, Interesse an der Umwelt, persönliche Beziehungen (am besten in sicherer frühkindlicher Bindung - s. o. - zu den primären Bezugspersonen, aber auch zu Lehrern, Großeltern etc., wenn dies nicht funktioniert hat) und Ähnliches mehr.
Ein ähnliches Konzept beschreibt Hans-Otto Thomashoff (*1964) mit den
4 Säulen des Lebensglücks:
| ° | erfüllende Beziehungen (beeinflusst von Kindheitserfahrungen) |
| ° | ausreichende Selbstwirksamkeit (das Gefühl, Einfluss nehmen zu können) |
| ° | ausgeglichener Stresshaushalt (Ruhephase und Anspannungsphasen stehen im Gleichgewicht) |
| ° | größtmögliche Kohärenz (Gefühl der Stimmigkeit in den Lebensvollzügen) |
Insgesamt geht die Resilienzforschung im Unterschied zu den Konzepten der Achtsamkeit (s. u.) oder Selbstsorge davon aus, dass die umgebende Welt schwierig, unsicher und bedrohlich ist (oder zumindest sein kann), ein gutes Leben in ihr aber bei entwickelter emotionaler Widerstandskraft, die eine Anpassung an die ungünstigen Verhältnisse ermöglicht, trotzdem möglich ist. (Zur unterschiedlichen Resilienz von Kindern in Bezug auf die Corona-Pandemie 2020ff s. folgendes Audiofile.)
Resilienzfaktoren (wie die obigen von Werner oder die folgenden von Schulte-Markwort) sind solche, die in Untersuchungen - unter Ceteris-paribus-Bedingungen! (s. o.) - statistisch signifikant aufschlagen. Der Umkehrschluss (dass das Fehlen eines dieser Faktoren bzw. das Vorliegen eines Risikofaktors automatisch Probleme verursache) ist daher unzulässig.
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Resilienzfaktoren nach Michael Schulte-Markwort (*1956; zit. nach einem Vortrag vom 11.11.2006 in Salzburg - ÖZBF) |
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| ° | mütterliche Berufstätigkeit im 1. Lebensjahr | ° | eine psychisch gesunde Mutter |
| ° | längere Trennung von der Bezugsperson im 1. Lj. | ° | eine stabile, positive Bezugsperson |
| ° | Geschwistergeburt in den ersten 17 Lebensmonaten | ° | gute Intelligenz |
| ° | körperliche oder seelische Erkrankung der Eltern | ° | positives Selbstwertgefühl |
| ° | chronische familiäre Disharmonie | ° | soziale Unterstützung |
| ° | väterliche Abwesenheit | ° | aktiv-problemlösendes Coping (s. o.) |
| ° | Armut | ° | internale Kontrollüberzeugungen |
| ° | Misshandlung | ° | liebevolle Beziehungen |
| ° | außerfamiliäre Unterbringung | ° | ein flexibles, annäherungsorientiertes Temperament |
| ° | Scheidung der Eltern | ° | sichere Bindungen |
| ° | ernste Erkrankungen in der Kindheit | ° | eine stabile Werteorientierung |
| ° | Geschwister mit einer Behinderung | ° | ein direktiver, aber liebevoller Erziehungsstil |
| ° | bei Mädchen: Schwangerschaft vor dem 18. Lj. | ° | das Fehlen von Risikofaktoren |
Vgl. a. das (außeruniversitäre) Mainzer Leibniz-Institut für für Resilienzforschung
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Abhängigkeiten (Süchte):
Abhängigkeiten (das Wort „Sucht“ - „addiction“ - wurde 1964 von der WHO durch „Abhängigkeit - „dependence“ - ersetzt,
ohne dass dadurch die Problematik geringer geworden wäre)
sind Drangerlebnisse, die mit den Trieben (s. u.)
vergleichbar sind. Im Gegensatz zu diesen sind Süchte jedoch erworben und biologisch nicht sinnvoll.
Die allermeisten Suchterkrankungen entspringen psychiatrischen
Grunderkrankungen. Die
verwendeten Suchtmittel können je nach kulturellem Hintergrund legal
(in Österreich z. B. Alkohol, illegal (z. B. Heroin) oder je nach
Situation eines von beiden (Glückspiel) sein. Die kombinierte
Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln (sie tritt mit zunehmender
Häufigkeit auf) durch Suchterweiterung nennt man Polytoxikomanie.
(Sie spielt bei Todesfällen eine große Rolle.) Die Schätzungen der
(substanzgebundenen) Konsumentenzahlen beruhen auf Abwasseranalysen, Umfragen
und Obduktionen. Der Nachweis eines vermuteten Drogenkonsums über die
Haaranalyse ist nicht mehr alleiniger State of the Art, da eine Kontamination
auch von außen erfolgt sein kann. Jede Abhängigkeit hat
* Allgemeine Suchtmerkmale:
| ° | Der zwanghafte Drang zum Suchtmittelmissbrauch (Abusus) besteht über längere Zeit (Meidungsunfähigkeit) und zeigt einen phasischen Verlauf. |
| ° | Die Zuführung der euphorischen Dosis lässt sich nur schwer oder nicht beherrschen (Kontrollverlust trotz noch lange anhaltender Kontrollillusion). |
| ° | Es entsteht eine Toleranzentwicklung. (Das Suchtmittel wird eine Zeit lang immer „besser“ - in höheren Dosen - vertragen.) |
| ° | Es entwickelt sich eine starke Verdrängungsbereitschaft für die Gefährlichkeit des Suchtverhaltens bei gleichzeitigem Auftreten von Schuldgefühlen. |
| ° | Es entstehen relativ starre Suchtrituale bei relativ geringer Entspannung. Ohne Suchtmittel kommt es zum Entleerungserlebnis. |
| ° | Zum Suchtmittel wird eine quasipersönliche Beziehung aufgenommen; es erfolgt eine Funktionszuschreibung (z. B. Spannungsabbau). |
| ° | Es besteht Koartanz (Einengung der Handlungen und Gedanken auf die Beschaffung und den Genuss des Suchtmittels), das starke Substanzverlangen (Craving) ist unbändig. |
| ° | Eine Tendenz zur Dosissteigerung (Progression) der die Lustgefühle herbeiführenden bzw. Spannungen abbauenden Stoffe bzw. Erlebnisse bis zu Exzessen wird deutlich. |
| ° | Entzugssymptome (Unruhe, Schwitzen, Zittern etc.) und Versuche, diese durch den Suchtmittelkonsum zu vermeiden, treten auf. |
| ° | Die Schädlichkeit für den Einzelnen bzw. die Gesellschaft muss gegeben sein (daher keine „Sucht“ nach Salz, Sauerstoff, Schlaf, Zucker etc., wenn die Konsumation, die ja von der Natur erzwungen wird, nicht außerhalb des normalen Rahmens erfolgt - wofür jedoch im letzten Fall die in Supermärkten angebotene Produktpalette und die dazugehörigen Werbemaßnahmen sorgen). |
| ° | Suchterkrankungen bestehen lebenslang. Ähnlich einer Allergie kann die Krankheit nicht geheilt, sehr wohl aber abgestoppt werden, solange die Exposition zum Suchtmittel nicht mehr gegeben ist bzw. diesem widerstanden werden kann. |
Die Grenze zwischen Sucht und Nicht-Sucht (bzw. Noch nicht-Sucht und Nicht mehr-Sucht) ist nicht immer leicht zu ziehen und bezieht sich nicht (ausschließlich) auf die konsumierte Menge des Suchtmittels (das substanzgebunden - z. B. Kokain - oder substanzungebunden - z. B. Glückspiel - sein kann). Wesentlich für die Grenzziehung ist vor allem die Beantwortung der Frage, ob der Stoff bzw. das Verhalten der Wirkung wegen konsumiert wird (und nicht nur des Genusses wegen). Man unterscheidet moderaten / erhöhten / problematischen / hochproblematischen Konsum. Um das Vorliegen eines Suchtverhaltens zu beurteilen, fragt man auch nach der durchschnittlichen Anzahl der Tage pro Woche, die ohne das Suchtmittel verbracht werden. (Liegt sie bei 0, 1 oder 2, ist eine problematische Abhängigkeit so gut wie sicher.) Letztendlich erreichen alle Suchtmittel die von den Konsumenten angestrebten Ziele nur kurzfristig bis gar nicht, langfristig verdammen sie zunächst zur (oft vergeblichen) Beschäftigung mit den Entzugserscheinungen bzw. zu Krankheit und Tod. (Zu Allgemeinem vgl. a. hier)
* Suchtpotential: Darunter versteht man die potentielle Gefährlichkeit eines Suchtmittels, also die Wahrscheinlichkeit, dass es Abhängigkeit erzeugt. Sie errechnet sich aus dem Verhältnis von suchtkranken Konsumenten zu nicht suchtkranken Konsumenten (z. B. bei Heroin vs. Orangensaft: nur wenige Heroinkonsumenten bzw. die meisten Orangensaftkonsumenten sind nicht süchtig).
* Probleme einer Legalisierung: Ob eine Droge in einem Staat legal oder illegal ist, kann nicht aus ihrer Gefährlichkeit für Leib und Leben abgeleitet werden (sonst wären Alkohol und Zigaretten in Österreich längst verboten), sondern ergibt sich aus den historischen Umständen und Entwicklungen in der Politik, die dazu führen (geführt haben), dass Suchtgifte in unterschiedlichem Ausmaß „domestiziert“ werden (bzw. wurden). Die Verantwortungsträger sehen sich bei ihren diesbezüglichen Entscheidungen gezwungen, auf den „Volkswillen“ Rücksicht zu nehmen, der selbst wieder durch die bis dahin abgelaufene Geschichte geformt wurde. (In einer IFES-Umfrage 1993 hielten z. B. 90% der Wiener Bevölkerung Cannabis für gefährlich, 61% dagegen dosierten Alkoholkonsum für gesund.)
Die Subsumierung einer Substanz unter den Begriff „Droge“ erfolgt also nicht pharmakologisch, sondern politisch. Deshalb sind in den verschiedenen Staaten unterschiedliche Drogen legal bzw. tw. (durch das Zugeständnis einer persönlichen Mindestmenge) entkriminalisiert. (Regelungen für Österreich finden sich im Suchtmittelgesetz und in entsprechenden UN-Abkommen.)
Die Vorteile einer Freigabe würden im Verschwinden der Subkulturen und damit der beim Erwerb entstehenden Kriminalität sowie in der Kontrollmöglichkeit und möglichen Verhinderung medizinischer Folgen durch verunreinigte Stoffe und / oder einer Drogeneinnahme unter unhygienischen oder gefährlichen Bedingungen bestehen. Zusätzlich würde der Staat Steuereinnahmen lukrieren. Nachteilig würden andererseits Zugang und damit Verfügbarkeit der entsprechenden Suchtmittel (auch für Kinder und Jugendliche) drastisch erhöht werden und die vom Staat durch eine Legalisierung ausgesendeten Signale womöglich zu unerwünschten Entwicklungen führen. Die Annahme, dass Prohibition den Reiz des Verbotenen befördere und ihren Zweck deshalb verfehle, lässt sich nicht erhärten. In Deutschland ergaben wissenschaftlich fundierte Schätzungen, dass durch drastische Einschränkung der Zugänglichkeit alkoholischer Getränke etwa ein Drittel der jährlich dort pro Kopf konsumierten 10 l reinen Alkohols nicht konsumiert würden (wie dies während der amerikanischen Prohibitionszeit oder heute in Skandinavien ja tatsächlich beobachtbar war/ist; die Rate der Leberzirrhosetoten ist in klassischen Alkoholländern wie Österreich oder Frankreich bei weitem höher als in solchen mit Restriktionen).
* Schulische Vorgangsweise: Das Vorgehen im österreichischen Schulwesen basiert (zumindest, was den Konsum, nicht, was den Vertrieb von Drogen anbelangt) auf dem Prinzip „Helfen statt Strafen“. Im Vordergrund steht das Überführen der Betroffenen in professionelle Betreuung. Nur wenn dies verweigert wird, folgen weitere Maßnahmen. - Vgl. Handlungsleitfaden und Abb. 4/2:
Abb. 4/2: Vorgehen bei Suchtmittelverdacht in Schulen Österreichs
* Verlauf: Die wichtigsten Gründe, einer Sucht nachzugeben, liegen in folgenden nur kurzfristig erreichbaren, langfristig jedoch vergeblich erhofften oder erwarteten Effekten: Stressabbau, Entspannung, Stimmungsaufhellung, Gefühlsintensivierung, Enthemmung, Betäubung, Verdrängung, Steigerung von Leistung und Ausdauer, Sinneserweiterung und ähnlichen Auswirkungen. Dazu werden Suchtmittel über die Nase, das Blut, die Lunge oder den Magen aufgenommen und dem Gehirn zugeführt, das die Hauptrolle in diesem Geschehen (auch bei Süchten ohne Substanzen) spielt, da dessen Belohnungszentren aktiviert werden. Alles, was rasch zu einem Dopaminkick führt, drängt aus biologischen Gründen zur Wiederholung. Wenn im weiteren Verlauf Abhängigkeiten (die zunächst meist übersehen werden) entstanden sind, beginnt ein meist jahr(zehnt)elanger Leidensweg für die Suchtkranken und deren persönliches Umfeld.
Der Beginn besteht meist in einem langsamen (unmerklichen) Erlernen von Routinen, die den Suchtmittelkonsum beinhalten. Das alte Spiralmodell (der/die Süchtige gerät in eine sich selbst verstärkende Spiralbewegung vom Genuss zur Abhängigkeit „nach unten“) wurde durch das Korridormodell vom Hamburger Suchtforscher Peter Degkwitz (*1948) abgelöst: Der/die Süchtige betritt, aus der Abstinenz kommend, einen Korridor, an dessen beiden Seiten Zimmer liegen, aus denen eine Rückkehr eventuell noch möglich erscheint: links „Konsum“ und „regelmäßiger Konsum“, rechts „Genuss“ und „missbräuchlicher Konsum“. Erst am Ende des Ganges liegen die Zimmer „Gewöhnung“ und „Sucht“, die man ohne Hilfe nicht mehr verlassen kann.
* Wirkung: Die Wirkungsweise einzelner Suchtmittel ist unterschiedlich (s. u. „Süchte im einzelnen“). In den meisten Fällen liegt eine biochemische Beeinflussung des ZNS vor. (Die Hirnchemie kann auch durch Sekten, Kriminalität, Meditation etc. verändert werden.) Prinzipiell geraten Substanzen über den Blutkreislauf in das Gehirn und docken dort, z. B. mittels Dopamin, an die Belohnungszentren an, sodass der Wunsch nach Wiederholung dieses Vorgangs ausgelöst wird. Zu beachten ist, dass Ursache und Wirkung (z. B. Drogenprobleme / soziale Probleme oder Gehirnarchitektur / Suchtverhalten) nicht immer auseinandergehalten werden können (Henne-Ei-Problematik).
Es käme darauf an, die entsprechenden Neurotransmitter auf natürlichem, unschädlichem Wege zu stimulieren, wie dies zahllose isländische Kommunen bei Kindern und Jugendlichen ca. seit dem Jahr 2000 durch die Investition von ca. 10% der Haushaltsbudgets in „Natural Highs“ wie Sport-, Musikunterricht, gesunde Ernährung etc. mit Erfolg versuchen: Risiko- und Schutzfaktoren - z. B. wenig / viel emotionale Unterstützung, kein Wissen über den Verbleib der Kinder / positive Beobachtung der Kinder, wenig / viel gemeinsame Eltern-Kind-Zeit, keine / viele gemeinsame, von allen anerkannte Regeln, über die nicht diskutiert werden muss etc. - werden erhoben und die entsprechenden Maßnahmen unter Wirkungsnachweispflicht implementiert, was z. B. den (auch gesellschaftlich bedingten) Alkoholkonsum bei 15-Jährigen von 52% auf 5% reduziert hat.
| ° | Physische Abhängigkeit: nicht bei allen Süchten vorhanden (vgl. u. z. B. Spielsucht). Führt im Extremfall zum Tod bei übergangslosem Entzug, sonst zu Entzugserscheinungen. (Ausschließlich körperlich ist die Abhängigkeit nur bei süchtigen Neugeborenen drogenabhängiger Mütter.) |
| ° | Psychische Abhängigkeit: immer vorhanden, letztendlich wirkmächtiger als die physische Abhängigkeit; liegt v. a. im Erlebnis der Zwanghaftigkeit. Entzugserscheinungen können sich trotzdem z. T. physisch (z. B. im Zittern, Schwitzen etc.) äußern. |
* Ko-Abhängigkeit: Darunter wird die Situation der Angehörigen der Suchtkranken bzw. deren Rolle bei der Entstehung und v. a. der Aufrechterhaltung der Sucht verstanden. Die Reaktionen der Umwelt schwanken zwischen Bagatellisierung und Dramatisierung bzw. Stigmatisierung. Bei laienhaften Versuchen, sich selbst eine Art Therapeutenrolle in Bezug auf das kranke Familienmitglied anzumaßen, entwickelt sich oft ein negatives Froschkönigsyndrom: Der geküsste (umsorgte) Frosch wird trotz der Bemühungen um ihn nicht zum Prinzen, man selbst aber womöglich zum Frosch, der in die Situation hineingezogen wird und selbst in Nöte gerät (ein Beweis dafür, dass externe Hilfe angefordert werden muss).
Beobachtbar ist in betroffenen Familien nach Thomas von Villiez (*1943; Sucht und Familie 1986) oft die zentrale, organisierende Kraft, die z. B. das Alkoholismus-System verleiht, die Familiensucht der Suchtfamilie, die Kohäsion durch Selbstdestruktion bei gleichzeitiger Taubheit für außerfamiliäre Informations- und Hilfsmöglichkeiten. Nach Joan K. Jackson (1922-2016) erfolgt der Verlauf einer Ko-Abhängigkeit in
7 Phasen:
| ° | Verleugnung der Erkrankung des/der Angehörigen |
| ° | Soziale Isolierung der Familie, im Inneren (untaugliche) Kontrollausübung |
| ° | Kapitulation: Aufgabe des Versuchs, die Abhängigkeit des Kranken zu kontrollieren |
| ° | Rollenverschiebung: Familienmitglieder kompensieren die Rolle des/der Abhängigen |
| ° | Trennung von der abhängigen Person |
| ° | Reorganisation der Familie, jetzt ist Veränderung bei dem/der Abhängigen möglich |
| ° | Neubeginn durch Wiederaufnahme des/der Abhängigen oder getrennte Entwicklung |
Die richtige Vorgangsweise gegenüber suchtkranken Angehörigen (s. a. u.) bestünde darin, eine Vertrauensbasis herzustellen, Empathie zu zeigen, sich selbst Hilfe zu holen, keine Diagnosen zu stellen und vor allem den Kranken dazu zu bringen, seine Krankheit als solche anzuerkennen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. (Bei Alkoholkranken beträgt z. B. der Zeitraum vom Auftreten der Symptome bis zur ersten Therapie im Durchschnitt 8 Jahre; viele Betroffene haben sich in diesem Zeitraum bereits suizidiert.)
* Ursachen: Eine Prädisposition zu einer in früheren Zeiten vermuteten „Suchtpersönlichkeit“ scheint es nicht zu geben. Meist treffen mehrere, in ihrer Gewichtung nachträglich nicht mehr quantifizierbare Faktoren zusammen (s. a. o.: Ursachengruppen; vgl. dazu auch die informative Seite der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren). Die gängigsten der dieser Frage zugrundeliegenden Theorien verwenden den kognitiven Ansatz (ursächlich seien dysfunktionale kognitive Prozesse), den biologischen Ansatz (ursächlich seien genetische Faktoren und/oder dysfunktionale Neurotransmitter), den lerntheoretischen Ansatz (ursächlich seien fehlerhafte Lernprozesse und falsch konditionierte Verhaltensweisen) und den psychodynamischen Ansatz (ursächlich seien unbewusste Kindheitskonflikte und unterdrückte Triebimpulse). Sie beziehen sich auf folgende Faktoren:
| ° | Labile Persönlichkeit: macht frustrationsintolerant, entsteht oft durch verzärtelnde oder Scheinanpassung hervorrufende autoritäre Erziehende. Noch schlechtere Prognosen haben Unsicherheit erzeugende wechselnde Erziehungsstile, in denen Kinder nicht mehr wissen bzw. „ausrechnen“ können, ob sie für bestimmte Verhaltensweisen Lob, Ignoranz oder Strafe erwarten können. Wenn Kinder keine Orientierungsmöglichkeit angeboten bekommen, so schädigt dies ihre Entwicklung nachhaltig. (Sogar übermäßige, aber konsequente, gewaltlose Strenge schneidet manchmal besser ab. Dies wird oft als Suchtursache (auch als Ursache für die Entwicklung krimineller Energien etc.) angesehen. Süchte gelten als in einer sinnentleerten und Angst machenden Umwelt zunehmend auftretende Abwehrversuche bei Hoffnungs- und Interesselosigkeit, als Sicherungsangst, die uneingestandene Unterlegenheit verdecken und der Tarnung von Depressivität und ähnlichen Phänomenen dienen. |
| ° | Äußere Umstände: z. B. frühkindliche Traumen, Gewalt-, Misshandlungserfahrung, Entbehren oder Verlust einer Bezugsperson, Versagen in Beruf oder Schule, depressive Mutter, tyrannischer Vater und vieles mehr. Auch die Verfasstheit der umgebenden Gesellschaft (und der Peergroups) mit ihren Einstellungen und Werten und suchtkranke Angehörige als „Vorbilder“, von denen man „lernt“, können Einfluss auf das Abhängigkeitsverhalten nehmen. |
| ° | Erbfaktoren (kongenitale Disposition) und/oder physische / biochemische Ursachen: Die dritte Faktorengruppe bezieht sich z. B. auf wegen fehlender oder schadhafter Enzyme auftretende Defizite in der Verarbeitung von Alkohol, der dann eine Triggerfunktion hat. Die Alkoholdehydrogenase, die Ethanol in Ethanal umwandelt, funktioniert allgemein bei Frauen oder manchen indigenen Völkern schlechter als bei Männern oder weißen Europäern. In letzter Zeit wird die Aktivierung gewisser Neurotransmitter untersucht, die das Gehirn „belohnen“. Das Nervensystem beeinflusst nach Theorien des US-Hirnforschers Jon-Kar Zubieta (*1961?) je nach dem Spiegel der körpereigenen Opioidrezeptoren, der auch die Schmerzverarbeitung und Stimmungen steuert, die Neigung zum Drogenkonsum. Chronisches Suchtverhalten wird von der Suchtforscherin Nora Volkov (*1956), einer Urenkelin Trotzkis, (eig. Лев Давидович Бронштейн, 1879-Eispickelmord 1940) auf fehlerhaft arbeitende Rezeptoren für Dopamin (das Belohnung, Selbstkontrolle, Entscheidungskraft und Urteilsvermögen signalisiert) zurückgeführt. |
* Behandlung: Süchte werden mit Entziehungskuren (in Österreich z. B. im Therapiezentrum Mutters oder im 1956 von Hans Hoff - s. u. - und seinem „Verein Trinkerheilstätte“ gegen den Widerstand der Sozialversicherungsträger als „Genesungsheim Kalksburg“ gegründeten Anton Proksch Institut, benannt nach dem unterstützenden damaligen Sozialminister Anton Proksch, 1897-1975, einer der größten europäischen Suchtkliniken), die z. T. ambulant, z. T. stationär durchgeführt werden, behandelt. Das Suchtmittel wird
| ° | abrupt abgesetzt (das Entzugssyndrom wird mit Beruhigungsmitteln abgefangen) oder |
| ° | ausschleichend dosiert (z. T. mit dem Ziel des kontrollierten Konsums) und / oder |
| ° | durch ein weniger stark wirksames Suchtgift ersetzt (Substitution; z. B. Methadon oder Substitol statt Heroin) bzw. medikamentös bekämpft (z. B. mit Naltrexon - C20H23NO4 - oder Semaglutid - C187H291N45O59 - bei Alkoholismus; beide Medikamente dienen auch zur Gewichtsreduktion bei adipösen Patienten). |
Die Methode der Wahl hängt von der Art der Abhängigkeit, der Ausrichtung der Therapeut/innen und der Persönlichkeit der Patient/innen ab und beginnt mit der Kontakt- und Motivationsphase. Ambulante Therapien scheitern oft an der Rückkehrmöglichkeit in das gewohnte Suchtmilieu. („Man wird nicht dort gesund, wo man krank geworden ist.“) Ein Entzug besteht immer aus der oft unangenehmen, aber im Verhältnis zum Kommenden relativ unproblematischen Entgiftungsphase (unter ärztlicher Aufsicht) und der weit schwierigeren Entwöhnungsphase (mit therapeutischer Begleitung). Die Dauer einer Therapie beträgt meist mehrere Jahre, die Rückfallquoten sind hoch. (Mark Twain, eig. Samuel Langhorne Clemens 1835-1910: „Eine schlechte Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muss sie die Treppe runterboxen, Stufe für Stufe.“) Eine psychotherapeutische Betreuung - vor allem eine Nachsorge- und Rehabilitationsphase - ist zur Rückfallvorbeugung unbedingt notwendig.
Erfolgreich hat sich das von Michael Musalek, *1955, entwickelte Orpheus-Therapieprogramm erwiesen. Es beruht darauf, dass andere Quellen von Dopaminduschen als die der Suchtmittel genutzt werden. (Die Analogie besteht darin, dass Ὀρφεύς / Orpheus den Gesang der Sirenen als attraktiv, jedoch lebensbedrohend erkennt, aber letztlich mit seiner Leier etwas entgegenzusetzen hat, das die Verführungskraft der Fabelwesen besiegt.) Die Therapie durchläuft nach der Motivationsphase, der Entzugsphase und der Stabilisierungsphase, in der Begleiterkrankungen behandelt werden, eine lebensnahe Gestaltungsphase, die mit dem Ziel neue Schwerpunkte setzt, das Leben lust- und sinn(en)voll zu machen und mit soviel Schönem anzureichern, dass das Suchtmittel seine prominente Rolle verliert.
Besser als Therapie ist vorausschauende Problemvermeidung, also Prävention bzw. Prophylaxe (vgl. Fachstelle für Suchtvorbeugung Niederösterreich oder Informationen zur Suchtprävention bei Schüler/innen), die am wirksamsten (durch Erziehung mit liebevoller Konsequenz in einem wohlwollenden Umfeld) in den ersten drei bis sechs Lebensjahren erfolgt.
* Einige Übersichten und Graphiken (Zahlen und Grahiken zu einer europaweiten Studie über Drogenkonsum auf Basis von Abwasseranalysen finden sich auf der Seite der European Union Drugs Agency EUDA.)
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Suchtfördernde Faktoren im Jugendalter |
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| Droge: | |
| Verfügbarkeit | |
| Erreichbarkeit | |
| Wirkungsweise | |
| Suchtpotential (s. o.) | |
| Umwelt: | |
| Elternhaus: | Erziehungsstil |
| Einstellung zu Suchtmitteln | |
| Ressourcen (Geld) | |
| Freundeskreis: | Kommunikationskompetenz |
| Einstellung zu Drogen | |
| Konsument: | |
| Selbstwertgefühl | |
| Belastungsfähigkeit | |
| Frustrations-/Spannungstoleranz | |
| Kontakt-/Beziehungsfähigkeit | |
| Zukunftsperspektiven | |
| Einstellung zu Rauschmitteln | |
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Folgende Substanzen wurden von Österreicher/innen
mindestens einmal konsumiert |
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| Alkohol | 97% | Aufputschmittel | 7% |
| Nikotin | 76% | Abmagerungsmedikamente | 6% |
| Schlaftabletten | 15% | Ecstasy | 4% |
| Beruhigungsmittel | 14% | Kokain | 6% |
| Illegale Drogen (ohne Cannabis) | 10% | LSD | 2% |
| Cannabis | 25% | Opiate | 2% |
| Cannabis bei Unter-24-Jährigen | 45% | Amphetamine | <1% |

Abb. 4/3

Abb. 4/4 (Quelle: David
Nutt, *1951, u. a.,
Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis
zit. nach https://de.wikipedia.org/wiki/Droge)
| ° | ||||||||||||
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Alkoholismus: Vgl.
Anton
Proksch-Institut,
What are the effects of alcohol on the brain?,
BBC
Seite 1, Seite der Suchthilfe Wien und
ein „Metareferat“
zum Thema Alkohol. In der westlichen Welt ist Alkohol eine der führenden
Drogen. Gemessen an volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden
verblassen in vielen Staaten der Erde andere negative Einflüsse. Laut
WHO waren 2016 weltweit 2,6% aller Über-14-Jährigen alkoholabhängig. |
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|
+ Typischer Verlauf:
Der Weg in den Alkoholismus beginnt, wenn das Genusstrinken vom
Wirkungstrinken abgelöst wird. Die euphorische Dosis übersteigt die
Rauschdosis, man trinkt „um zu“ (z. B. um sich für einen anstrengenden Tag
zu belohnen). Der schädliche Gebrauch geht fließend in die Sucht
über. Typische Stadien sind: Gelegentliches Entlastungstrinken - Steigerung der
Toleranzdosis - Trinken zu unüblichen Zeiten, heimliches
Trinken - Leugnen des Alkoholproblems (das kein bewusstes Lügen, sondern alternative Realitätswahrnehmungen
bzw. Wunschvorstellungen, die Teil der Erkrankung sind, darstellt) -
Erinnerungslücken, Korsakow-Syndrom (s. o.) - Zunehmender Kontrollverlust und soziale Probleme -
Schuldgefühle - Hochtrabendes, aggressives Imponierverhalten - Trinken mit
sozial „Tieferstehenden“ - Vernachlässigung der Nahrungsaufnahme,
körperlicher Verfall - Zittern - Alkoholverträglichkeit nimmt ab - Vorrat an
Ausflüchten der Umwelt (die oft lange gutgläubig bzw. naiv agiert) gegenüber ist erschöpft -
Auffälligkeit im öffentlichen Raum - Alkoholhalluzinose,
Delirium tremens (mit herabgesetzter Bewusstheit, Orientierungsstörungen,
Situationsfehleinschätzungen, oft
Fieber, Halluzinationen; Übergänge Entzugssystematik - Prädelir - Delir sind
fließend) - Eingeständnis völliger Hilflosigkeit (Voraussetzung für Beginn
einer erfolgreichen Therapie; oft erst nach Zusammenbruch von Familien- und
Berufsleben). |
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|
+ Wirkung: Alkohol kann aufgrund
seiner Fettlöslichkeit barrierelos die
Blut-Hirn-Schranke passieren. Binnen Minuten werden GABA und
Serotonin ausgeschüttet, Dopamin, Noradrenalin und körpereigene
Opiate steigen an. Alkohol wirkt zunächst leicht stimulierend, dann
aber bald dämpfend bis narkotisierend, langfristig im schlimmsten
Fall psychotisierend. Am Folgetag des Abusus kann aufgrund der Hirndehydrierung ein hyperästhetisch-emotionaler Schwächezustand
(Himleistungsschwäche mit dynamischer Verschiebung, neuroasthenischer
Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Launenhaftigkeit, Schreckhaftigkeit,
Verstimmbarkeit, vegetativer Labilität etc.; „Kater“ genannt) entstehen. |
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+ Erscheinungsformen (tw. Stadien) nach Elvin
Morton Jellinek
(1890-1963): Er beschrieb 1951 folgende Typologie der Trinkgewohnheiten (vgl.
Seite über Jellinek). |
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+ Probleme und Gefahren: Omnipräsenz des Alkohols, „gesellschaftliches Trinken“,
Missbrauch von Alkohol als „Medikament“, zahlreiche Folgeschäden (Unfälle,
Gewaltdelikte, Partnerschaftsprobleme etc.) und vor allem der Verlust des
Verantwortungsbewusstseins. Im Unterschied zu anderen psychotropen Substanzen hat
Alkohol eine Vielzahl von Wirkungen und schädigt alle Körpersysteme: in niedriger Dosierung
wirkt er euphorisierend,
schmerzstillend, enthemmend und anxiolytisch, in höherer Dosierung
bewirkt er kognitive Beeinträchtigungen und eine Zunahme aggressiven
Verhaltens, ruft
Dysphorien hervor oder wirkt gar depressiogen (was in Verbindung mit der Dämpfung
der Hemmungen manchmal im ungeplanten Suizid -
s. a. u. - endet).
Die körperliche
Vergiftung kann von der Leber bald nicht mehr verarbeitet werden. Als Folge treten
Leberzirrhose und zahlreiche Krebsformen auf. Weitere Gefahren: Durch die
Plazentagängigkeit von Alkohol negative Beeinflussung von Schwangerschaften
(fetales Alkoholsyndrom;
s. o.),
negative Beeinflussung der noch anhaltenden Gehirnentwicklung bei unter
20-25-Jährigen, negative Beeinflussung des Schlafrhythmus,
Herabsetzung der Reaktionsfähigkeit, veränderte Zeitwahrnehmung, was zu
(Verkehrs)unfällen führt, durch den Wegfall der Aggressionshemmung Gewaltdelikte, Misshandlungen, Mord
etc. (vgl. auch den Gewaltausbruch im
australischen Outback nach Aufhebung des Alkoholverkaufverbots 2022),
Senkung der Krampfschwelle (und damit Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für
epileptische Anfälle), Beeinflussung des Herzmuskels (dilatative
Kardiomyopathie) und anderes mehr. Durch
das Absterben von Nervenzellen in der Peripherie ist die Polyneuropathie
eine der häufigsten Folgeerscheinungen. Weiters betroffen sind
z. B. die Haut, die Bauchspeicheldrüse, das Verdauungssystem und
die Knochen. (Zusätzlich sind indirekte Folgen zu befürchten,
wenn z. B. aufgrund der Einschränkung sportlicher Betätigung
orthopädische Probleme auftreten.) Über das GABA-, das Glutamin-
und andere Systeme wirkt Alkohol zudem negativ auf das Gehirn
ein, was bis zur Atemlähmung führen kann. Weltweit sterben
jährlich über 3 Mio. Menschen an Alkoholmissbrauch (alle
10 Sekunden einer; mehr als durch Gewaltverbrechen,
Verkehrsunfälle und illegale Drogen zusammen). |
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In der EU
gibt es über 20 Mio.
Abhängige. Der weltweite Umsatz der
Alkoholindustrie, deren enormer Einfluss auf die Torpedierung des Ziels der
Verminderung des Alkoholkonsums sich dadurch erklärt, wurde 2024 auf 1591 Mia.
€ (ca. 8% durch den Verkauf an Minderjährige; allein in China 198 Mia. €
häuslicher Umsatz) geschätzt. Nach der 2021 erstellten Global Burden of Disease Study
(s. hier)
muss inzwischen jede positive Wirkung von Alkohol ausgeschlossen werden
(vgl. auch den treffenderen englischen Ausdruck „intoxication“ für Rausch),
im besten Fall kommen (bei Nicht-Süchtigen und geringen Mengen)
keine negativen Wirkungen zum Tragen. Alkohol
verantwortet als psychoaktives Zellgift mehr als 200 gesundheitliche Folgen
(Krankheiten bzw. Unfälle), jede konsumierte Menge ist risikobelastet und
gilt als potentiell gesundheitsschädlich. (In diesem Zusammenhang sind auch
die bisher so genannten Harmlosigkeitsgrenzen - Männer 24g reiner Alkohol, Frauen
16g - zu verstehen. Ein gesunder, nicht vorgeschädigter Körper verträgt nach
neueren Schätzungen durchschnittlich höchstens 20g m / 10g w Alkohol pro Tag, und auch
das nur dann, wenn diese Menge nicht regelmäßig konsumiert wird.) |
||||||||||||
|
||||||||||||
Abb. 4/5a: Grafik der
OECD 2000/2013
Seit den
2020er-Jahren liegt Österreich nach Lettland, Litauen, Tschechien, Bulgarien und
Estland an 6. Stelle


Abb. 4/5b: Zwei Grafiken des IHS zum Thema „Alkohol in Österreich 2011“
| ° | ||
| Nikotinsucht: Die Zigarettensucht ist die trotz einer
seit einiger Zeit recht starken Gegenbewegung, die gesetzliche Maßnahmen
provoziert hat, häufigste Abhängigkeit in Österreich
(20-25% der Erwachsenen über 16 rauchen;
s. u.). Legal darf Tabak (von Christoph Kolumbus,
1451-1506,
populär gemacht), der das - nach dem frz. Gesandten Jean
Nicot (1530-1604) benannte - Gift
Nikotin
(C10H14N2; ein Alkaloid) enthält, geraucht werden. International versucht man seit
geraumer Zeit, den Nikotinkonsum durch diverse Maßnahmen (wie z. B. den
Aufdruck von Warnhinweisen) zu bekämpfen. Neuseeland hat Ende 2022
beschlossen, das Rauchen aufsteigend ab dem Jahrgang 2009 zu verbieten. |
||
| Neben Zigaretten kursieren (vor allem unter Jugendlichen) zunehmend alternative
Nikotinprodukte wie Pouches (Beutel, die man unter die Lippe schiebt;
tw. tabakhaltig = Snus), Heets (Tabaksticks), Shishas
(Wasserpfeifen) und E-Zigaretten (Vapes = Vaporizer, deren Konsum sich bei
Jugendlichen in kurzer Zeit vervierfacht hat), die ebenfalls hohes Suchtpotential
aufweisen. Das TNRSG (Tabak- und Nichtraucherschutzgesetz; s.
hier)
regelt Tabak und E-Zigaretten. Nikotinbeutel und E-Liquids wurden erst
ab 1. 4. 2026 erfasst, der Internetverkauf wurde untersagt; Einweg-Vapes
wurden mit 31. 12. 2026 verboten. Vgl. z. B. Rauchen 1, 2, Nikotinsucht-Test |
||
|
+ Verlauf: Durch Gruppendruck meist schon sehr früh Erstkontakt zu
Zigaretten (in Österreich oft schon im Alter von 9 bis 12 Jahren). Schon
bald starke psychische Abhängigkeit. Ursache ev. Fixierung der oralen Phase
(s. u.). Entwicklung im Extremfall zum Kettenraucher mit chronischem Nikotinismus,
einer Vergiftung. (60 mg Nikotin sind für den Menschen tödlich.) Begleitende
Symptome: Appetitlosigkeit, Blutgefäßschädigungen
(Herzkranzgefäße!), Magen-, Darmgeschwüre, Pankreaskrebs etc. |
||
|
+ Wirkung: Nikotin wirkt anregend, macht wach, unterdrückt das
Hungergefühl und verursacht einen massiven Dopaminkick. Die oft angestrebte erhöhte Leistungsfähigkeit besteht aber
nur kurz und wird durch die Folgeerscheinungen hart erkauft. |
||
|
+ Gefahren: Nikotin ist ein Nervengift, das die
Blut-Hirn-Schranke (die das Gehirn vor schädlichen Blutproteinen
schützt, aber hinderlich ist, wenn Medikamente eingeschleust werden sollen) rasch passiert. Es stört die Schlafarchitektur, senkt die Hauttemperatur (bewirkt schnelleres Frieren),
steigert die Atemfrequenz und wegen der Übererregung der entsprechenden
Rezeptoren auch die Schmerzempfindlichkeit. Die Rauchinhaltsstoffe, z. B.
Teer, sind kanzerogen (ca. 90% aller 3500 Lungenkrebstoten, die es jährlich
in Österreich gibt, waren vor ihrem Ableben Raucher). Eine Hauptgefahr liegt
im frühen Einstiegsalter und dem hohen Suchtpotential (s. o.)
des Zigarettenrauchens. (Darüber hinaus sind E-Zigaretten Elektroschrott,
der oft nicht sachgemäß entsorgt, sondern nachlässig weggeworfen wird,
wodurch Brände verursacht werden können.) |
||
|
||
| ° |
Koffeinsucht (Koffeinismus):
ist die dritte (und am wenigsten gefährliche) der drei (in Europa) so
genannten Alltagssüchte. Koffein - ein Purinalkaloid mit der
Summenformel C8H10N4O2
- ist in Kaffee, Tee, Cola, Guarana, Schokolade, Energy Drinks usw.
enthalten. + Wirkung: Koffein ist psychoaktiv und aufputschend. Es verbreitete sich in Europa im 17. Jhdt. im Zusammenhang mit den Türkenbelagerungen. Die Halbwertszeit der Substanz im Körper beträt etwa 5 Stunden. + Gefahren (vor denen schon Carl Gottlieb Hering, 1766-1853, in seinem Kanon „C-A-F-F-E-E / trink nicht Caffee, Caffee / nicht für Kinder ist der Türkentrank / schwächt die Nerven, macht dich blass und krank / sey doch kein Muselmann / der ihn nicht missen kann“ warnte) bei Überdosierung: Verwirrung, Unruhe, Herz- und Kreislaufprobleme, Magenprobleme, Schlafprobleme etc. |
|
| ° |
Medikamentensucht: Die Bedeutung
dieser sogenannten „stillen Sucht“ wird drastisch unterschätzt. Die
Sensibilität ist bei leistungssteigernden Substanzen in Bezug auf den
Sport noch relativ hoch, in Bezug auf das Alltagsdoping (unter
empfundenem Erfolgsdruck hauptsächlich bei Freizeitaktivitäten, in
geringerem Ausmaß auch in der Arbeit angewendet) jedoch erstaunlich
gering. |
|
|
+ Verlauf: Medikamentensucht entsteht oft durch Vorbildwirkung: Kinder
sehen, manchmal täglich, ihre medikamentenschluckenden Eltern und einen immer
vollen Arzneischrank, der auch ohne ärztliche Vorschreibung und auch
dann, wenn der Körper seine Beschwerden selbst bewältigt hätte (also in
den meisten Fällen), benutzt wird. |
||
|
+ Gefahren bestehen im Suchtpotential
der eingenommenen Wirkstoffe, in den Nebenwirkungen und den mittel- bis
langfristigen Ablagerungen der Substanzen in den Knochen, der Leber oder
anderen Körperteilen. Zuätzlich muss mit Reboundeffekten gerechnet werdn
(Symptome - z. B. Schlafprobleme, die vielleicht von allein
vorübergegangen wären -, deretwegen Medikamente - im Beispiel
Schlafmittel - eingenommen wurden, treten nach dem Absetzen bzw. dem
Entzug stärker auf als vorher.) |
||
|
+ Ursache der dieser Abhängigkeit oft zugrunde liegenden Überforderungs- und
Überlastungssituationen sind nach Günter
Ropohl (1939-2017; ausgeführt
2014 im Buch Besorgnisgesellschaft) neben Gründen, die im persönlichen Umfeld liegen,
zeittypische Phänomene wie die von ihm identifizierten |
||
|
4 Hauptbesorgnisse: |
||
|
+ Sekuratismus (Sicherheitswahn) |
||
|
+ Sanitarismus (Gesundheitskult) |
||
|
+ Ökologismus (Naturvergötterung) |
||
|
+ Paternalismus (Bevormundungsdrang) |
||
| Sie lösen Ansprüche aus, die durch ihre Unerfüllbarkeit Stresssituationen
und damit Überlastung und Reizbarkeit (s. o.)
zur Folge haben. (Wie oft überschätzt der Mensch die Möglichkeiten, die Grundlage
aller seiner Besorgnisse verschwinden lassen zu können, und wird daher -
öfter, als es bei einer realistischen bzw. pragmatischeren Weltsicht der
Fall wäre - enttäuscht.) |
||
|
||
| Als Suchtmittel
verwendet werden v. a. folgende, z. T. ärztlich verschreibbare, durch ihre
Nebenwirkungen gefährliche und (zumindest) psychische Abhängigkeit erzeugende |
||
| Psychopharmaka: |
||
|
+ Hypnotika:
Dazu zählen
Barbiturate und andere, das Aktivierungssystem blockierende Schlafmittel =
Sedativa, Analgetika (z.
B. Epivan C12H18N2O3, Luminal
C12H12N2O3, Veronal
C8H12N2O3 oder das in der Suchtszene verbreitete
injizierbare Narkosemittel Ketamin C13H16CINO, das - ähnlich wie das
Hustenmittel Dextromethorphan C18H25NO - einen dissoziativen,
realitätsverändernden Zustand bewirkt). Auch das Anästhetikum Lachgas (Distickstoffmonoxid
N20) wird aufgrund leichter Verfügbarkeit von Jugendlichen als
Partydroge verwendet. Durch die Unterbrechung des Vitamin B12-Stoffwechsels
kommt es dadurch bei häufigem Konsum zu Auswirkungen auf das ZNS, die
neurologische Schäden und motorische Beeinträchtigungen nach sich ziehen,
sodass 2024 ein europaweites Vertriebsverbot diskutiert wurde. |
||
| +
Tranquilizer: Das sind
durch rasche Toleranzbildung zu starker Abhängigkeit führende
Beruhigungsmittel, „Downer“ mit angst- und spannungslösender = anxiolytischer Wirkung
(ohne stimmungsaufhellenden Effekt); z. B. Meprobamat (Equanil) C9H18N2O4 - 1950
synthetisiert -, Valium C16H13CIN2O, Librium
C16H14CIN3O. Die zugrunde liegende
Stoffklasse der Derivate nennt man Benzodiazepine. |
||
| +
Neuroleptika: Sie
dämpfen das ZNS, vermindern Aktivierung und Aufmerksamkeit („Chemische Zwangsjacke“;
z. B. Clozapin C18H19CIN4). (= desaktivierende Psychopharmaka) |
||
| +
Stimulantia, die am häufigsten
konsumierten Pharmaka, sind Aufputschmittel,
die Schlaf und Hunger unterdrücken.
Amphetamin C9H13N,
Weckamine, Psychotonica; auch das in Kaffeebohnen und Teeblättern enthaltene
Koffein C8H10N4O2
und der Kakaobestandteil Theobromin
C7H8N4O2
stimulieren. Sie scheinen aber gleichzeitig die funktionelle Konnektivität,
also das Zusammenspiel einzelner Hirnregionen, im Ruhezustand zu senken. |
||
|
+
Antidepressiva wirken stimmungsaufhellend
(Thymoleptica; z. B. Fluotexin C17H18F3NO) oder hemmungslösend (Thymerethica;
z. B. Tranylcypromin C9H11N). |
||
|
+
Amphetamine sind nach dem Suchtgiftgesetz
verbotene, synthetische Stoffe, die zu scheinbarer Leistungssteigerung,
in Wahrheit aber zu unproduktiver Geschäftigkeit, Reizbarkeit, Unruhe
und Misstrauen führen. Sie bewirken starke psychische Abhängigkeit (z. B. Captagon C18H23N5O2).
Als Derivat
existiert
das euphorisierende und stimulierende MDMA
(Methylendioxymethylamphetamin C11H15NO2; es führt zur Ausschüttung von körpereigenem
Serotonin C10H12N2O
im Gehirn, das dann die Rezeptoren stimuliert. Als (im Labor
erzeugte) Designerdroge
Ecstasy wurde es vom „Godfather of Ecstasy“, dem Chemiker Alexander
Shulgin (1925-2014) populär
gemacht; vgl. dazu
folgende
Review. (Das Patent für die erste Synthetisierung von MDMA, das Anton
Köllisch, 1888-Kriegstod 1916,
als Vorstufe für den Blutstiller Hydrastinin C11H13NO3 entwickelte, wurde bereits
1912 von Merck, der weltweit
ältesten pharmazeutisch-chemischen Firma, - benannt nach nach Friedrich Jacob
Merck, 1621-1678 -
eingereicht.) In Österreich konsumiert etwa jeder 200ste Amphetamine. (= aktivierende Psychopharmaka) |
||
|
+
Psycholytica
haben psychotomimetische Wirkung, rufen also toxisch Halluzinationen und
künstliche Psychosen hervor (z. B. das in manchen Pilzen vorkommende
Psilocybin C12H17N2O4P). |
||
| Die verarbeiteten
Substanzen und Wirkstoffe sind häufig dieselben wie bei manchen illegalen Suchtgiften.
Nur durch die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen (vgl. z. B. das
Oxycodon, C18H21NO4,
ein Opioid, das als Schmerzmittel in extremen Fällen
verschrieben werden kann, obwohl es stark suchterregend ist) ergibt sich
der terminologische Übergang zur |
||
| ° | ||
| Drogensucht: (vgl.
Drogenabhängigkeit,
UNO-DC) in Österreich seit 1966 beobachtet. (Davor war das
Problem fast ausschließlich auf die medizinischen und pharmazeutischen
Berufe bzw. die von diesen versorgten Personen beschränkt.) Vor 1919, als Österreich im Rahmen des
St. Germain-Vertrages die Drogenächtung mitunterschreiben musste, gab es
überhaupt keine gesetzlichen Beschränkungen. 1926 wurde das erste „Giftgesetz“
verabschiedet. Heute ist die Materie im 1951 entstandenen
Suchtgift-/mittelgesetz
(danach mehrfach novelliert) geregelt. Die
Besitzgrenzmengen (vgl.
Suchtgift-Grenzmengenverordnung), die ein Vergehen vom Verbrechen trennen, betrugen
2020 in Österreich 3g (Heroin), 15g (Kokain), 20g (Cannabis) und 30g
(Ecstasy). |
||
|
+ Probleme: Durch psychische und
tw. physische Abhängigkeiten ergeben sich diverse medizinische, durch die
Illegalität juristische
Folgeprobleme (z. B. Beschaffungskriminalität und Subkultur;
die Reinheit des jeweiligen Stoffes ist deshalb nicht gewährleistet, was
wieder zu medizinischen Problemen führt). |
||
|
+ Wirkung:
Drogen manipulieren unser Gehirn: sie docken an das dortige Belohnungszentrum an und erzeugen
dadurch eine starke Abhängigkeit, die oft mit der Zerstörung der eigenen
Existenz (und der der Angehörigen) oder gar tödlich endet. |
||
|
||
Folgende Suchtgifte werden konsumiert: |
||
| +
Cannabis: die am häufigsten (in manchen
Personengruppen häufiger als Alkohol) verwendete und sichergestellte
illegale Droge. (Auch Herstellung und Handel synthetisierter
Cannabinoide mit dem Wirkstoff HHC - Hexahydrocannabinol C21H32O2
- sind in Österreich verboten.) Die Mischung der Blütenblätter der
weiblichen Hanfpflanze mit Harz heißt Haschisch, das Gemisch
aus getrockneten Blättern und Blütenständen Marihuana („Gras“).
Cannabis wird geraucht („Joint“), als Tee getrunken oder gegessen. In
den Handel kommt Cannabis in Platten gepresst oder als Pulver in den
Farben grün-braun-schwarz - je dunkler, desto harzreicher und wirksamer,
daher ist das - allerdings oft „gestreckte“ - Haschisch 5 bis 10mal so
wirksam wie das harzlose Marihuana (s. hier). Der ebenfalls in der Hanfpflanze
enthaltene Wirkstoff Cannabidiol (CBD; gleiche Summenformel wie
THC, aber unterschiedliche Molekularstruktur) hat im Gegensatz zu THC
keine berauschende, sondern nur eine entspannende Wirkung und unterliegt
daher auch nicht dem Betäubungsmittelgesetz. |
||
| Weltweit besteht eine leichte Tendenz zur Legalisierung (zunächst für
medizinische Zwecke) oder zumindest zur Entkriminalisierung von
Cannabis, wodurch die Zugänglichkeit (auch für Pubertierende und
Adoleszente) stark ansteigt. 2013 wurde z. B. in Uruguay Handel und
Produktion von Marihuana erlaubt und tw. vom Staat organisiert. Einige
Bundesstaaten der USA und Kanada haben nachgezogen, in Deutschland,
dessen Drogenkriminalität zu diesem Zeitpunkt zu 50% aus
Cannabisdelikten bestand, legalisierte diese Droge 2024 unter gewissen
Auflagen: erlaubt wurden der Besitz von bis zu 3 Hanfplanzen,
25g Cannabis außer Haus und 50g zuhause. In Österreich sind Erwerb, Besitz,
Verkauf, Herstellung, Anbau und Konsum (da er Besitz voraussetzt) von THC-haltigem Cannabis verboten, wenn auch
geringe Eigenbedarfsmengen 2016 entkriminalisiert wurden. - Vgl. dazu
hier |
||
| In Österreich rauchten 2007 geschätzte 70% aller Oberstufenschüler
und 30% der Gesamtjahrgänge manchmal Cannabis. Während der Coronakrise
2020 stieg der Cannabiskonsum - wie der anderer Suchtmittel - aufgrund
von Langeweile, mehr freier Zeit und tw. erhöhter psychischer Belastung
etwas an. Insgesamt „kifften“ nach Schätzungen in Österreich 2024 etwa
6% der Gesamtbevölkerung und ca. 30% aller Unter-25-Jährigen
regelmäßig.) |
||
| Wirkung: Alle
„Aggregatzustände“ enthalten den psychoaktiven, psychische Abhängigkeit erzeugenden Wirkstoff
Tetrahydrocannabinol (THC C21H30O2), der - wie die vom Körper selbst
produzierten cannabisähnlichen Endocannabinoide - an
spezifische Rezeptoren des endocannabinoiden Systems im Gehirn andockt.
(Körpereigene Substanzen werden also imitiert, um direkt
Bewusstseinsveränderungen auszulösen.) Der THC-Anteil im Cannabis hat
sich seit 1995 in 25 Jahren auf bis zu 35% mehr als verdreifacht - um
1970 betrug er noch unter 10%! -, unter Einfluss von Butan kann er auf
bis zu 90% hochgezüchtet werden („BHO Butane Hash Oil“, „Wax“,
„Shatter“). Cannabis
(s. hier
o. BBC-Seite) wirkt zunächst (nach ca. 20 Minuten) stimulierend, nach bis zu 4 Stunden
verlangsamend und
sedierend. Langfristig gerät das Gehirn „außer Tritt“, der IQ sinkt nach
Studien im Laufe der Jahre um bis zu 8 Punkte, wenn der Konsum bereits im jugendlichen Alter
begonnen wird. Im medizinischen Bereich kann die Droge unter ärztlicher
Aufsicht manchmal sinnvoll wirkend eingesetzt werden (s. z. B.
Video).
Die körpereigenen Endocannabinoide sind z. B. für das Langstreckenläufern bekannte Flow-Phänomen des
Runner's High (ein Euphoriegefühl, das sich nach 15 bis 20 km
einstellen kann) verantwortlich. |
||
| Problematik: Cannabis dient häufig als „Einstiegsdroge“ (wie auch Nikotin, Alkohol)
und wird daher oftmals schon sehr früh von Jugendlichen konsumiert, deren noch im
Umbau begriffenes ZNS vulnerabel ist, sodass langfristig Hirnschäden
entstehen können. Cannabinoide (v. a. solche vom unkontrollierten
Schwarzmarkt ohne Qualitätsnachweis) können psychische Probleme bis zu
psychotischen Symptomen verursachen. (2019 waren in Österreich 15% aller
stationär psychiatrisch Behandelten Cannabiskonsumenten.) Es besteht ein
deutlich erhöhtes Schizophrenierisiko (s. hier). Eine unterschätzte Gefahr liegt im Konsum
während der Schwangerschaft, die (zumindest) einen erhöhten
Cortisolspiegel im Kind und die Beeinträchtigung seines Immunsystems zur
Folge hat. Als mögliche Folgen wurden 2021 in einer Studie des New Yorker
Mount Sinai Hospitals (s. hier)
Ängstlichkeit und/oder Aggressivität und/oder Hyperaktivität angegeben. |
||
| +
Opiate: Ausgangsprodukt aller Opiate ist der getrocknete Milchsaft des
Schlafmohns, aus dem Rohopium (enthält Morphin C17H19NO3, das auch isoliert in den Handel
kommt, Codein C18H21NO3, Noscapin C22H23NO7, Papaverin C20H21NO4 und andere Alkaloide, in Kugel- oder
Laibform im Handel) gewonnen wird. Opium wird durch Kochen oder Gärung erzeugt und
geraucht oder gegessen. Halbsynthetisch werden die Morphinbase
(hellbraunes, aus Rohopium extrahiertes Pulver, das injiziert wird)
und aus ihr auf chemischem Wege das Heroin (Diazethylmorphin C21H23NO5) hergestellt.
(Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war man bestrebt, ein dem
Morphin gleichwertiges Analgeticum, das aber nicht suchterregend wirkt,
herzustellen. Paradoxerweise führte dies zum Suchtgeschäft des
Jahrhunderts. Als Erfinder gilt wie bei der Acetylsalicylsäure = Aspirin C9H8O4 -
vgl.
Plakat vor dem US-Verbot von Heroin 1924 - der deutsche pharmazeutische
Chemiker Felix Hoffmann, 1868-1946). Heroin ist je nach Reinheitsgrad weiß bis braun und
schmeckt bitter. In den Handel kommt es oft gestreckt und wegen der
Feuchtigkeit in Folien verpackt. Heroin ist zur Zeit die gefährlichste
harte Droge auf dem Markt. In der Medizin wird Opium als schmerzstillendes Mittel und
das Codein, das ebenfalls von Süchtigen konsumiert wird („Wiener Mischung“
= Hustensaft mit Alkohol) z. B. in Hustensäften verwendet. |
||
| In Österreich stieg die Anzahl der
Konsumenten von ca. 10 000 im Jahr 2007 auf mehr als 30 000 Abhängige im
Jahr 2020 (über 50% in Substitutionsbehandlung) an. |
||
| Wirkung aller Opiate (die schon im
alten Ägypten verwendet worden sein sollen):
Opiate erreichen sehr rasch das Gehirn und docken an den für die
Endorphine vorgesehenen Rezeptoren an. Nach einem ersten
euphorisierenden Flash wirken sie analgetisch, sedierend, entspannend
und erzeugen Apathie. |
||
| Problematik: Die Abhängigkeit kann sehr
rasch eintreten, die Rückfallquote ist hoch. Soziale Verelendung
entwickelt sich fast zwangsläufig. Die Begleitkrankheiten
(Obstipation = Verstopfung, Nieren-, Leberleiden etc.) entkräften den bald
katachektischen (abgemagerten, entkräfteten) Körper, der bei Heroinentzug (engl. „H“) stark reagiert („Turkey“;
um ungeplante Todesfälle zu vermeiden, sollte ein Entzug daher immer
unter ärztlicher Aufsicht erfolgen).
Da das mit den „Fixerutensilien“ erhitzte und gelöste Gift nach Abbinden
in die Venen injiziert wird, entstehen häufig Entzündungen durch
Verunreinigung. Die unumkehrbarste Gefahr besteht in der oft
ungewollten Verabreichung einer letalen Dosis
(„Goldener Schuss“), die z. B. zu Atemlähmung führen kann.
(Ein manchmal lebensrettendes Antidot ist Naloxon C19H21NO4.) |
||
| +
Kokain (Benzoylecgoninmethylester C17H21NO4, „Schnee“, „Koks“, „Cola“; der
Name „Kokain“ für ein Alkaloid der Cocapflanze wurde 1860 vom Chemiker Albert
Niemann, 1834-1861, geprägt):
Kokain entsteht als
Extrakt der Blätter des aus Südamerika stammenden Cocastrauches (das z. B.
Ende des 20. Jhdts. von der Drogenmafia von Medellin oder dem Cali-Kartell
distribuiert wurde). Cocablätter wurden ursprünglich zur
Unterdrückung des Hungergefühls gekaut, Kokain wird heute als
„Schickeriadroge“ als weißes, bitter schmeckendes und lokalanästhetisch
wirksames Pulver geschnupft, als Crack geraucht oder in einer alkoholischen
Lösung injiziert. |
||
| In Österreich (v. a. in Wien, auch „viel Schnee
in Tirol“) konsumieren ca. 4% der Bevölkerung
- seit 2015 bei offenbar immer leichterer Verfügbarkeit stark ansteigend,
wie Abwasseranalysen nachgewiesen haben (vgl. hier) - manchmal Kokain, 1,5% regelmäßig. 2022 war Kokain bei 20% der
Suchterstbehandelten die Leitdroge. |
||
| Wirkung: Kokain (gehört zu den
Stimulantien) greift in den
Neurotransmitterhaushalt ein, indem es die Dopamin-Produktion steigert.
Es blockiert die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin, Serotonin und
Noradrenalin im synaptischen Spalt, betäubt die Ganglien, putscht auf, führt zu einem Rauschzustand und scheinbarer
Leistungssteigerung, enthemmt, ruft auch Halluzinationen und Juckreiz
hervor und schränkt die Selbstkritik ein. Es erzeugt keine physische,
aber eine sehr starke psychische Abhängigkeit. |
||
| Problematik:
Die größten Risken bestehen im enormen Abhängigkeitspotential und bei
fünffachem Schlaganfallrisiko im Overpowern des Körpers , dem hohe
Leistungsfähigkeit vorgetäuscht wird, die er nur kurzfristig erfüllen kann.
Physischer Zusammenbruch (bis hin zum Herzinfarkt und Atemversagen) und
psychische Probleme aufgrund von Wahnvorstellungen und einer sich
entwickelnden Überheblichkeit im Bewusstsein eigener Großartigkeit sind
häufige Folgen. Zusätzlich zerstört das Aufschnupfen des Pulvers die
Nasenscheidewand. (Vgl. a.
hier) |
||
| +
Halluzinogene: Darunter versteht man Substanzen,
die Sinneseindrücke verändern oder erzeugen. Sie können synthetisch
hergestellt werden oder natürlich vorkommen wie z. B. Mescalin (C11H17NO3):
Die Spitzen des
Peyotlkaktus werden schon seit der Inka-Zeit gekaut. In den KZs
Auschwitz und Dachau wurden damit Menschenversuche durchgeführt. Auch
der Schriftsteller Aldous
Huxley, 1894-1963,
nahm 1953 an Mescalin-Experimenten teil und prägte danach das Wort
„psychodelisch“ = den Bewusstseinszustand verändernd.
Psilocybin (s. o.)
wird aus
mittelamerikanischen Pilzen gewonnen. |
||
| Synthetisiert (und damit
den Übergang zur nächsten Gruppe bildend) wurden z. B.
DOM (C13H21NO2,
ein Mescalinableger; auch STP), DMT (C12H16N2)
und vor allem das starke, nach Forschungen am Claviceps
purpurea (= „Mutterkornpilz“, da er zur Auslösung von Wehen eingesetzt
wurde; wächst - hochgiftig - aus Getreideähren hervor und verursachte im
Mittelalter Ergotismus- / Antoniusfeuerepidemien) hergestellte LSD (Lysergsäurediäthylamid 25, da es die 25.
Substanz von Hofmanns
Versuchsreihe war; Summenformel C20H25N3O).
Diese psychedelische Droge auf der
Basis toxischer Alkaloide wurde zum ersten Mal
1938 bei Sandoz (benannt
nach
Edouard-Constant
Sandoz, 1853-1928) in Basel vom Chemiker Albert Hofmann
(1906-2008) hergestellt, der sie - dosiert mit 250 Mikrogramm (¼ Milligramm)
- im
Selbstversuch erprobte (was unwissentlich zum weltweit ersten LSD-Trip
führte) und - ursprünglich unter dem Markennamen Delysid „zur seelischen Auflockerung“ -
von Sandoz auf den Markt gebracht (später als Flüssigkeit, in Tablettenform oder als
stecknadelgroße „Minitrips“ verkauft). Als Kreislaufmittel untauglich,
geriet es in Vergessenheit und später in Verruf (was die medizinische
Forschung erschwerte). Als Rauschmittel griff 1960 der „Drogenmessias“ Timothy
Leary (1921-1996;
Psychologie-Professor in Harvard; Slogan von
Herbert
Marshall McLuhan,
1911-1980 -
s. o.
-, von
Leary 1966 verwendet: „Turn on,
tune in, drop
out“) Psilocybin und LSD auf und praktizierte und propagierte
deren Einnahme (was 1963 zu seiner Entlassung führte). |
||
| Aufgrund von
Aktenvernichtung wurde erst spät bekannt, dass in den USA der CIA im
Anschluss an Nazi-Versuche (s. o.) bereits ab 1953
im berüchtigten M-K-ULTRA-Experiment
Tausenden Bürgern mit dem (nicht erreichten) Ziel der
Steuerung von Bewusstseinsinhalten (z. B. zum Zweck, Verhöre besser kontrollieren
zu können und nach der „Löschung“ der alten Inhalte erwünschte
Antworten zu bekommen) ohne deren Wissen u. a. LSD verabreichte. An
den damaligen Drogenexperimenten freiwillig teilgenommen haben u. a. der
Schriftsteller Ken Kesey
(1935-2001; 1962 Autor von One Flew Over the Cuckoo's Nest,
1975 verfilmt - s. u. - von Miloš, eig. Jan
Tomáš, Formann,
1932-2018) und die von ihm angeheuerte Popgruppe Grateful Dead.
Die Droge wurde in den USA (nach starken Einschränkungen ab 1966) 1970,
in Österreich erst 1971 verboten. |
||
| In Österreich gaben 2020 3% der
Bevölkerung an, schon einmal LSD genommen zu haben. Der (eher
hedonistische) Konsum führt hierzulande jedoch ein Nischendasein. Es
dominieren jüngere und männliche Konsumenten. |
||
| Wirkung: Die Droge
dockt im Unterschied zu MDMA (s. o.)
direkt am Serotonin-2A-Rezeptor an und stimuliert das Feuern der darunter
sitzenden Nervenzellen. Dadurch wird die Informationsübertragung im
gesamten Gehirn
verändert (z. B. die Filterfunktion des Thalamus geschwächt). Gehirnareale, die Inhalte verknüpfen und Sinn
destillieren, scheinen „freier“ agieren zu können, was eventuell die oft
berichtete gesteigerte Kreativität erklärt. (Vgl. den bewussten Einsatz
von psychedelischen Drogen durch zahlreiche Künstler wie den mit Hofmann
korrespondierenden deutschen Schriftsteller Ernst
Jünger, 1895-1998, den
östrreichischen Maler Arnulf Rainer,
1928-2025, die Beatles, die Rolling Stones, Pink
Floyd, John Allan
/ James Marshall
„Jimi“ Hendrix,
1942-1970 und viele andere. Die Frage ist dabei
allerdings, ob durch diese Methode nicht etwas evoziert wird, was ohnehin
latent vorhanden war.) Unter gewissen Umständen kann unter ärztlicher
Aufsicht die Gabe von ca. 100 Mikrogramm LSD therapeutische Wirkungen
erzielen. Es entsteht dabei (wie auch sonst) keine physische, aber
möglicherweise eine starke psychische Abhängigkeit. |
||
| Problematik:
Es kommt zu unberechenbaren Veränderungen der sensorischen Wahrnehmung,
auch zu Trugwahrnehmungen, die im Falle eines „Horror Trips“ letal enden
können (etwa, weil man glaubt, fliegen zu können). LSD wird daher meist
(nicht gleichzeitig) in Gruppen genommen. Da LSD nach Meinung mancher
das beste Preis-Wirkungs-Verhältnis aller Drogen aufweist, ist die
Verführung zur Einnahme möglichereise stärker als bei teureren Mitteln.
Eine weitere Gefahr besteht in Interferenzen mit anderen Drogen bei
Polytoxikomanie. (Vgl. a. hier) |
||
|
+
Synthetische Drogen (= sog. Designerdrogen; inzwischen tw. häufiger
konsumiert als Drogen pflanzlichen Ursprungs, v. a. wenn man
synthetisierte und dann missbräuchlich verwendete Medikamente -
s. o. - dazuzählt): Da in den USA Drogen
im Gesetz taxativ aufgezählt werden, besteht ein Interesse der
Suchtgifthändler, immer neue Drogen, die dann kurze Zeit „legal“ sind,
zu entwickeln, in den letzten Jahr(zehnt)en v. a. Fentanyl (C22H28N2O,
ein
synthetisch hergestelltes Opioid mit starker analgetischer Wirkung), Speedball
(eine
Heroin-Kokain-Mischung), Crack (ein mit Natron aufgekochtes
Kokainpulver, das mit Tabak gemischt geraucht wird), DOM (s. o.),
die „Partydrogen“ Ecstasy bzw. MDMA (das zu den Methylendioxyamphetaminen gehört;
s. o.), Ice, auch Crystal Meth
genannt (C10H15N), das chemisch dem
seit den 30er-Jahren des 20. Jhdts. verbreiteten
Methamphetaminhydrochlorid Pervitin entspricht, das Schlaf- und
Nahrungsbedürfnisse unterdrückt. (Pervitin wurde schon von der
deutschen Wehrmacht, 1953 von Hermann
Buhl, 1924-1957, bei seiner
Nanga-Parbat-Erstbesteigung und gerüchteweise 1954 von der deutschen
Fußballnationalmannschaft - s. hier: 1
oder 2
- verwendet) und andere mehr. (Zu
Neuroenhancement-Präperaten
s. o.) |
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| ° | Weitere
Süchte (die ersten vier sind die wichtigsten
Verhaltenssüchte): |
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| + Workaholism:
Unter Workaholics (= Portmanteau / Kofferwort aus work und alcoholic) versteht man
Menschen, die hektisches Angetriebensein kennzeichnet. Gefahr: Erschöpfen
der physischen Reserven (z. B. durch Schlafentzug), psychosomatische
Auswirkungen (z. B. Magengeschwüre). Interpretation: Kann durch Sublimation
oder (Todes)verdrängung - es bleibt keine Zeit mehr, bei sich zu sein bzw. sich der Begrenztheit des
Daseins oder zumindest eigener Lebensprobleme bewusst zu werden - erklärt werden. |
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+ Spielsucht:
Spielsucht, der pathologische Zwang, Glückspiel zu betreiben (Casino,
„einarmiger Bandit“, Onlinezocken, Wetten etc.), ist die wichtigste
substanzungebundene Sucht und in Österreich gesetzlich
als Abhängigkeit anerkannt. Es gibt hier ca. 60 000 - überproportional
häufig männliche - massiv Abhängige, die Anzahl aller Personen mit
problematischem Glückspielverhalten beläuft sich ansteigend seit 2023
auf 300 000 (= fast jeder 20. der Über-16-Jährigen). Gefahr: Zerstörung der Existenz durch
hemmungslose Verschuldung, in weiterer Folge ev. Kriminalität. Durch
unvorsichtig-naive Übernahme von Bürgschaften ist auch die Existenz anderer
- meist die von Ehepartnerinnen, Angehörigen und Freunden -
in Gefahr (vgl. Chilon /
Χίλων ὁ Λακεδαιμόνιος, 5. Jhdt. v. Chr., ev. auch Thales /
Θαλῆς ὁ Μιλήσιος, 624/3 v. Chr.-548/4 v. Chr:
„ἐγγύα, πάρα δ’ ἄτα“
= Bürgschaft bringt Unheil). |
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| Siehe a. Fragebogen zur Spielsucht, Seite der Spielsuchthilfe | ||
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+ Onlinesucht:
Kaum Zahlen verfügbar, hat aber in Österreich in den letzten Jahr(zehnt)en
um
Zehntausende zugenommen, sodass man mit bis zu 100 000 Abhängigen rechnet. Jugendliche (aber nicht
nur sie) bringen es auf tw. unglaubliche online verbrachte Stundenanzahlen
pro Tag. Das Problem entsteht oft schon in der Kindheit, da viele Eltern
glauben, ihren Nachwuchs durch Zur-Verfügung-Stellung von Tablets oder
Smartphones auf die digitale Welt rechtzeitig vorbereiten zu müssen, in
Wahrheit bereiten sie aber damit das Suchtverhalten vor. (Manfred
Spitzer meint dazu, dass man
ja auch nicht im Kindergarten Bier ausschenken würde, damit die Kinder
später besser mit Alkohol umgehen können.) Vor allem organisieren Eltern oft
kein Ersatzprogramm, sie bieten ihren Kindern zu wenige (oder gar keine)
Erlebnisse in der analogen Welt mehr an. (Dazu
s. a. o.) Vgl. Basisinformationen, onlinesucht.de und Fragebogen-Selbsttest; die Startseite bietet Jugendlichen zahllose Informationen zu weiteren Problemfeldern. |
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+ Kaufsucht:
eine auch Oniomanie genannte Impulskontrollstörung, deren Sinnlosigkeit im
Unterschied zum Konsumismus den Betroffenen klar ist. Nach einer Studie der
Arbeiterkammer Wien (2017) sind rund 13% der Bevölkerung kaufsuchtgefährdet
und 11% kaufsüchtig, v. a. jüngere Frauen. |
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+ Essstörungen:
Eine der häufigsten Essstörungen ist die Anorexia
nervosa (Magersucht), die v. a. in der Pubertät (nicht nur) bei Mädchen
auftritt und als psychogene Nahrungsverweigerung mit dem Zwang, das Gewicht
dauernd kontrollieren zu müssen, erscheint. Sie tritt gekoppelt mit Amenorrhoe oder
überhaupt dem Ausbleiben der Menarche und häufig in Verbindung mit
Perfektionismus und/oder Bulimie (dem zwanghaften Erbrechen nach jedem Essen) auf. Den
Hintergrund scheint eine unbewusste Ablehnung der Geschlechterrolle zu bilden.
Damit manchmal in Verbindung steht die Orthorexie, der Zwang,
immer gesund leben zu müssen, der aufgrund perfektionistischer
Persönlichkeitsmerkmale meist mit einer übermäßig auf gesunde Nahrung
achtenden Essstörung einhergeht. Probleme können sich durch einseitige
Ernährung und im sozialen Bereich ergeben (etwa wenn Einladungen aus
Angst vor dort angebotenen abgelehnten Lebensmitteln ausgeschlagen
werden). |
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| 4mal häufiger als Magersucht ist der große
„Ochsenhunger“ (Binge-Eating-Störung), bei der mit dem
Gefühl von Kontrollverlust übermäßige Essensmengen aufgenommen werden.
Dies führt aufgrund überhöhter Energiezufuhr mittels Nahrung oft zu Adipositas
(Fettsucht) und ist eine in jedem Alter
vorkommende Essstörung. In Österreich sind 30% der Kinder
von Esssucht - tw. mit Adipositas - betroffen. 2019 überwog weltweit erstmals in der Geschichte der
Menschheit die Zahl der
Übergewichtigen die der Untergewichtigen bzw. Hungernden. (Laut UNICEF sank
der Prozentsatz unterernährter Kinder zwischen 2000 und 2025 von 13% auf
9,2%, die der fettleibigen stieg von 3% auf 9,3%, in Österreich von 6% auf
11%. In Chile, den USA und den
VAE waren 2025 mehr als 20% aller Kinder adipös.) Vgl. Seite über
Magersuchtgenetik
(Der Standard bzw.
Originalstudie),
Magersucht mit BMI-Berechnung,
Essstörungen,
BFE,
Essstörungen (Stadt
Wien)
und folgende
Kurzinformation |
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+ Sniffen:
Schnüffeln von alltäglichen Essenzen, wie z. B. Klebestoffe,
Fleckputzmittel, Benzin etc., die als (nicht unter das Suchtgiftgesetz
fallende) Suchtersatzmittel verwendet werden. |
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| + Andere Süchte: Sucht nach „Badesalzen“ (synthetische Cathinone, die ähnlich der arabischen bzw. ostafrikanischen Khatpflanze stimulieren und Halluzinationen und Wahnvorstellungen auslösen können), nach Sex (Hypersexualität - das gesteigerte Verlangen wird unwissenschaftlich bei der Frau Nymphomanie beim Mann Satyriasis genannt; vgl. hier), nach der Betelnuss (v. a. in Ostafrika und Asien), nach SVV (s. u.), nach Zucker bzw. Süßigkeiten (v. a. Schokolade; aus mexikanisch „Xocolatl“, enthält Theobromin!, s. o.; vgl. folgende Seite. Die Schokoladensucht ist die häufigste Sucht nach einem Nahrungsmittel - vgl. den engl. Ausdruck „Chocoholic“ -, eine echte Abhängigkeit wird allerdings nicht angenommen, da die Reduktion des Konsums keine komplexen Maßnahmen erfordert). Insgesamt ist kaum eine Substanz oder eine Situation vorstellbar, nach der man nicht theoretisch süchtig werden könnte. |
-
Neurosen:
Der Begriff (abgeleitet von griech. νεῦρον / Neuron = Nerv) wurde vom schottischen Arzt William
Cullen (1710-1790) geprägt (im §
1019 seiner First Lines in the Practice of Physics, 1776-84). Bis ins
20. Jhdt.
wurde damit jede nicht erklärbare Krankheit bezeichnet (z. B. auch Epilepsie).
Die heutige Bedeutung des Wortes (eine durch einen innerseelischen oder
zwischenmenschlichen Konflikt ausgelöste psychische Störung bei aufrechter
Realitätsprüfung, also der Unterscheidungsmöglichkeit zwischen innerer
Vorstellung und Außenwelt) geht auf Freud
(s. u.)
zurück. In diesem Abschnitt sind auch einige Persönlichkeitsstörungen enthalten.
(Die beschriebenen Zustandsbilder überschneiden sich teilweise oder können im
Zuge von Komorbidität gemeinsam auftreten.)
* Definition: Eine Neurose liegt dann vor, wenn ohne entsprechenden Anlass willentlich unbeeinflussbare Zustände, Verhaltensweisen oder vegetative Veränderungen von solcher Stärke auftreten, dass dadurch die Ordnung des psychischen und physischen Geschehens gestört wird. Neurosen bilden etwa zwei Drittel aller psychiatrischen Störungen. Man schätzt, dass mindestens 20% der Bevölkerung zumindest einmal im Leben darunter leiden.
Krankheitsanzeichen:
| ° | Physische Symptome: ähnlich denen des Affekts (s. u.). Es können Tachykardie, Hyperventilation, Schweißausbrüche, Kreislaufbeschleunigung, Verdauungsprobleme, Überaktivität des Neurotransmitters Norepinephrin (Noradrenalin C8H11NO3) etc. auftreten. |
| ° | Psychische Symptome: Angstbesetztheit, Zwanghaftigkeit. Neurosen werden als aufdringlich, quälend, störend empfunden. |
* Angstneurose: Im Prinzip ist (die nichtneurotische) Angst als normalpsychologisches Phänomen ein Schutzmechanismus, der letztlich durch Gefahrenvermeidung zu einem Sicherheitsgefühl führt. Sie ist eine Stressreaktion des Gehirns im Dienste des Überlebens und Lernens. Neurophysiologisch wird Angst von den Amygdalae (Teilen des rechten bzw. linken Temporallappens, deren Läsion zu einem völligen Verschwinden jeglicher Furcht führen kann; s. o.) innerhalb von 12 Millisekunden eingeleitet und gesteuert, vom medialen präfrontalen Cortex (zum Gehirn s. o.) gebremst. Physische Korrelate betreffen u. a. Blutdruck, Atmung und Herzfrequenz. Indem Angst in einen Zustand der Alarmbereitschaft versetzt, ermöglicht sie rasch weitere Reaktionen.
Wird sie im Hinblick auf den Anlass zu stark oder langandauernd und damit übermächtig, schränkt sie die Freiheitsgrade der betroffenen Person ein, übernimmt die Verhaltenssteuerung und wird neurotisch. Aus der gesunden Anspannung wird eine Vermeidungsreaktion, die in einer unerklärlichen, unkontrollierbaren, unverhältnismäßigen, unspezifischen Erregung besteht, der keine äußere Gefahr mehr entspricht („generalisierte Angst“, „frei flottierend“) und die auch plötzlich - als Panikattacke - auftreten oder Teil einer Depression (s. u.) sein kann.
Insgesamt sind nach Schätzungen mindestens 15%
aller psychischen Störungen Angststörungen. Frauen sind davon doppelt so
oft betroffen wie Männer, 18- bis 44-Jährige doppelt so
häufig wie Über-60-Jährige (s. z. B.
hier). Sowohl übertriebene Angst wie auch
Angstfreiheit (z. B. bei „Adrenalinjunkies“ und „sensation seekers“, die
durch ihre Aktionen sich
und oft - direkt oder indirekt - auch andere gefährden, sodass man vor Menschen ohne Angst Angst haben
sollte) sind evolutionär ungünstig, da die
Entscheidung „fight or flight“, also für Kampf (Aggression) oder Flucht (Rückzug), nicht mehr situationsadäquat getroffen werden
kann und tw. Erstarrung eintritt (die als „Totstellreflex“ manchmal auch
zielführend sein kann; vgl. den zweifelhaften Ratschlag für eine Bärenbegegnung:
„If it's brown lay down“, ähnlich grenzwertig wie „If it's black fight back“,
realistisch nur: „If it's white - good night“). Die rationale Beurteilung einer Situation hinkt
den physiologischen Reaktionen immer hinterher. Als einziges Lebewesen ruft der
Mensch freiwillig Angstzustände hervor (vgl. etwa Trails of Screams oder Haunted
Houses zu Halloween).
Vgl. a.
Seite über Angsterkrankungen,
Fragebogen 1,
2.
Nach Fritz Riemann (1902-1979; publiziert 1961) entstehen alle Ängste (diese Ängste müssen nicht zwangsläufig pathologisch sein, schließlich ist Angst, wie oben erwähnt, eine an sich natürliche und nützliche Reaktion auf Bedrohungen) aus der Widersprüchlichkeit menschlicher Grundbedürfnisse, die sich in den beiden Antinomien Individuation vs. Hingabe und Beständigkeit vs. Wandel zeigt. Daraus erwachsen
4 Grundformen der Angst:
| ° | Angst vor Selbsthingabe (schizoider Mensch, der Distanz halten muss) |
| ° | Angst vor Selbstwerdung (depressiver Mensch, der unter Trennungs- und Verlustängsten leidet) |
| ° | Angst vor Wandlung (zwanghafter Mensch, der Chaos und Veränderung schwer erträgt) |
| ° | Angst vor Notwendigkeit (hysterischer Mensch, der Bindung und Verantwortung scheut) |
Andere halten Ungewissheit, Verlust, Gefahr und
Vereinzelung für die Wurzeln der Angst. Die zehn häufigsten Ängste der Österreicher
nach einer Umfrage aus dem Jahr 2001 waren die vor unheilbarer Krankheit
(90%), die Sorge um die Zukunft der Kinder (68%), die Angst vor einem
Verkehrsunfall (66%), vor Arbeitslosigkeit (66%), vor AIDS (59%), vor einem
Reaktorunglück (57%), vor einem Weltkrieg (56%), vor Partnerschaftsproblemen
(53%), vor dem finanziellen Ruin (52%). An zehnter Stelle steht mit 49% die
Angst, dem Wahnsinn zu verfallen, die die größte Steigerung (+21%) gemessen an
Umfragen von 1997 aufweist. Eine Untersuchung der Frage Was bereitet den Österreichern Ängste und Sorgen
im Jahr 2017? ergab Folgendes: Arbeitslosigkeit 82%, Ausländerzuzug 71%,
gesicherte Zukunft der Kinder 67%, Terrorismus 61%, Einbruch, Diebstahl 59%,
Pflegefall im Alter zu sein 59%, Naturkatastrophen 58%, schwere Erkrankung 57%,
Krieg 50%, Erhaltung des Lebensstandards im Alter 50%. 2024
ergab die Ipsos-Umfrage What Worries the World (s. hier;
zu beachten ist dabei, dass die Begriffe „Angst“ und „Sorge“ nicht
deckungsgleich sind) diese Rangliste: Einwanderung (43%), Kriminalität (34%),
Gesundheitswesen (32%), Inflation (26%; 2023 Top 1), Klimawandel (20%), Armut
bzw. soziale Ungleichheit (20%), moralischer Verfall der Gesellschaft (17%),
Terrorismus (15%), Steuern (14%) und Korruption (12%).
Zur Entwicklung vgl. a. folgendes
Video, zu Phobien
hier
Angstreaktionen funktionieren abgekoppelt von Rationalität, also auch ohne sachliche Grundlage bei vernachlässigbar geringer Gefahr - z. B. Angst vor Hühnern, Angst vor Flugzeugabstürzen (die Zahl derer, die nach den Anschlägen von 9/11 aus Angst vor dem Fliegen das Auto benutzten und als Verkehrstote endeten, wurde vom Risikoforscher Gerd Gigerenzer, *1947; s. a. o., mit 1600 errechnet und lag damit 6mal höher als die Anzahl derer, die in den Flugzeugen der Terroristen gestorben sind; die vielen tausend Personen, die doch geflogen sind, überlebten - bis auf die 260 bei Flug AA 587 am 12. 11. 2001 in New York durch Abriss des Seitenleitwerks abgestürzten, darunter eine 9/11-Überlebende - alle), Angst, in Österreich Opfer von Terror zu werden, oder Angst vor Impfschäden (obwohl diese um Potenzen unwahrscheinlicher sind, als das Auftreten von Schäden jener Krankheit, die verhindert werden soll), Angst davor, mit einer Waffe getötet zu werden (die Anschaffung einer Waffe, um für diese Bedrohung gerüstet zu sein, erhöht in Wahrheit das Risiko beträchtlich: die Wahrscheinlichkeit, dass im Haushalt jemand durch die eigene Waffe ums Leben gebracht wird, steigt nun an). Aufgrund der kognitiven Undurchdringlichkeit können Angstreaktionen auch dann auftreten, wenn man rational um die Ungefährlichkeit der Situation weiß.
Eine der Ursachen dieses Phänomens liegt in der überproportionalen Häufigkeit von Medienberichten über die erwähnten Ereignisse, die Bilder und Gedanken in den Kopf setzen, die manche Menschen nicht mehr beherrschen können (vgl. a. o. Verfügbarkeitsheuristik). Bei weit höherer Wahrscheinlichkeit, Schaden zu erleiden, bleiben Angstreaktionen meist aus (z. B. hat kaum jemand Angst, ins Auto einzusteigen, um zum Flughafen zu fahren, Raucher und übergewichtige Personen verfallen nicht in Panik angesichts drohender Krebserkrankungen oder Herzinfarkte). Ob einzelne Ängste angeboren sind, ist umstritten.
Der Wirtschaftswissenschaftler Frank Knight (1885-1972; Mitbegründer der Chicagoer Schule der Ökonomie) hat drei Angst auslösende Gefahrenbereiche unterschieden: Unsicherheiten (unkonkrete Situationen der Ungewissheit bzw. der Unwissenheit, die eine noch nicht eindeutig definierbare Zukunft erwarten lassen; z. B. Berufswechsel), Bedrohungen (konkrete, potentiell negative Ereignisse; z. B. Wirtschaftskrisen, Krankheiten) und Risiken (mit potentiell möglicher, wenn auch nicht immer einfacher mathematischer Folgenabschätzung aufgrund von Basisinformationen; z. B. Geld im Roulettespiel zu setzen, im Flugzeug zu reisen).
* Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; engl. Posttraumatic Stress Disorder PTSD; s. a. International Network for Interdisciplinary Research about the Impact of Traumatic Experience on the Life of Individuals and Society): Im 1. Weltkrieg aufgrund unzulänglicher Zuschreibungen noch als „Granatenschock“ bezeichnet (man nahm die Explosionsstoßwellen als ursächlich an), wurde die PTBS im Zusammenhang mit den psychischen Problem der Vietnamkrieg-Rückkehrer 1980 das erste Mal beschrieben und 1992 von der WHO in die ICD aufgenommen. Das Zustandsbild entsteht nach dem Durchleben von Gefahrensituatiovon einem realen Erlebennen (z. B. Naturkatastrophen, Kriegen, Unfällen, anderen Gewalterfahrungen etc.), denen man ausweglos ausgeliefert war und die durch bestimmte Trigger (Gerüche, Geräusche, bestimmte Situationen) wieder aufflammen können, dauert über die vierte Woche nach dem Ereignis hinaus an und zeigt - neben allgemeiner psychischer Labilität - folgende spezifische
Symptome:
| ° | Zwanghaftes inneres Wiederholen des durchlebten Traumas (Nachhallerinnerungen), manchmal mit Suizidimpulsen. Das unerwünschte, oft durch einen Schlüsselreiz getriggerte Wiedererleben bzw. die damit zusammenhängenden Gedanken und sich aufdrängenden Erinnerungen nennt man Intrusion. Nimmt sie ein Ausmaß an, das die Betroffenen das Erleben nicht mehr von einem realen Erleben unterscheiden lässt, spricht man von Flashbacks. |
| ° | Chronische Angst, Schreckhaftigkeit, Meiden der angstauslösenden Situation (des Ortes, der Tätigkeit etc.), um Retraumatisierung zu verhindern |
| ° | Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Albträume, gefühlsmäßige und soziale Abstumpfung, Freudlosigkeit, Depressivität oder erhöhte Reizbarkeit |
Akute Belastungsstörungen (bis zu vier Wochen anhaltende Psychotraumata) treten als Sofortreaktion (Begleiterscheinung: Speechless Terror / Sprachloses Entsetzen) auf traumatisierende Erlebnisse auf. (Möglichkeit zur Prophylaxe: Einsatz von Psychologen; vgl. u. Krisenintervention, Seiten über Notfallpsychologie, Traumatisierte Migrantinnen oder eine Diplomarbeit über traumatisierte Flüchtlinge). Ein seit der Befreiung der KZs der NS-Zeit bekanntes (von William G. Niederland, 1904-1993 beschriebenes) Phänomen ist das Überlebensschuldsyndrom (Survival Guilt), bei dem sich davongekommene Opfer einer Katastrophe gegenüber ihren toten Freunden, Angehörigen oder Kollegen ohne rationalen Grund schuldig fühlen. Indirekte Belastungsstörungen (z. B. durch Beobachtung von Gewalt) nennt man sekundäre Traumatisierungen.
Der Neurologe, MRI-Entwickler und Gedächtnis-(Alzheimer)forscher Scott A. Small (*1963?; Eigendefinition: „Hirnmechaniker“) definiert PTBS als „ein Gehirn, das durch viel zu viele Erinnerungen in Flammen steht“. Soziale Kontakte seien in der Lage, das Angstgedächtnis herunterzukühlen. (Zu spezifischen Traumatherapien s. u.)
* OCD (Obsessive-compulsive Disorder): Darunter versteht man Zwangsstörungen, die in der Folge in einem eigenen Abschnitt behandelt werden (s. u.). Hier werden sie deshalb erwähnt, da die meisten Denk- und Verhaltensweisen bei Zwangsstörungen mit Ängsten über Gefahren und Risiken zusammenhängen. Automatisch ablaufende Gedanken erzeugen periodisch oder permanent Angstzustände.
* Phobie: Phobien (nach Φόβος, dem griechischen Gott der Angst) sind objekt- oder situationsbezogene, also gerichtete Ängste. Sie erscheinen auf Deutsch terminologisch manchmal als „Furcht“ und haben oft reale Ursachen - es kann z. B. sehr sinnvoll bis lebensrettend sein, Höhe als Gefahr zu identifizieren - überschreiten aber dann den Anlass und sind manchmal auch völlig irrational. Der Ausdruck „Phobie“ wurde im heutigen Sinn vom „Vater der amerikanischen Psychiatrie“, dem amerikanischen Arzt, Sklaverei- und Todesstrafengegner Benjamin Rush (1745-1813) geprägt. (Er verwendete auch den Begriff Manie zum ersten Mal im heutigen Sinn und beschrieb vor allen anderen die Sucht als Krankheitsform, den Zusammenhang von Zahnproblemen mit anderen Krankheiten und das Dengue-Fieber. Dies alles brachte ihm eine Gletscherbenennung auf der antarktischen Brabantinsel ein.)
Man unterscheidet soziale Phobien, die gut behandelbaren spezifischen Phobien, die in Tier-, Umwelt und Verletzungsphobien unterteilt werden, und situative Phobien aller Art. Sie alle bewirken zunächst meist Meidungsverhalten, danach (bei erhöhtem Leidensdruck) im besten Fall den Gang zur Therapie.
Einige bekannte Phobien (alphabetisch):
| ° | Agoraphobie oder Platzangst: die Angst davor, alleine auf weitem Plan stehen zu müssen (oft fälschlich mit Klaustrophobie, s. u., verwechselt) |
| ° | Akrophobie: Höhenangst, Angst vor Tiefblicken |
| ° | Astraphobie: Angst vor Gewittern |
| ° | Klaustrophobie: Angst vor zuwenig Platz und vor Einengung (z. B. vor einem Sitzplatz ohne Fluchtmöglichkeit) |
| ° | Aichmophobie: Angst vor spitzen Gegenständen |
| ° | Arachnophobie: Angst vor Spinnen (oder Insekten allgemein) |
| ° | Aviophobie: Angst vor dem Fliegen |
| ° | Bakterien-, Virenphobie: Angst vor Keimen und Infektionen |
| ° | Coulrophobie: Angst vor Clowns |
| ° | Erethophobie: Angst vor dem Erröten |
| ° | Häma(to)phobie: Angst vor Blut (oft mit Synkope) |
| ° | Mysophobie: Angst vor Schmutz und Ansteckung mit Kontaktvermeidungsverhalten |
| ° | Nomophobie: Angst, ohne Mobiltelephon zu sein („NO MObile“) |
| ° | Nosophobie: Angst vor Krankheiten im Allgemeinen |
| ° | Phobie vor abstrakten Dingen und Symbolischem (vgl. Totem, Tabu) |
| ° | Phobie vor radioaktivem Material: Strahlungsangst selbst vor Leuchtstiften |
| ° | Phobophobie: Angst davor, Angst zu bekommen |
| ° | Prüfungsangst (vgl. Fragebogen): Jede Nervosität aktiviert auch und ist daher zunächst positiv. Überschreitet sie jedoch ein gewisses Level, hemmt sie und kann durch inkompatibles Verhalten (s. u.) oder Entspannungsübungen (bewusstes Anspannen - Entspannen des Körpers von oben nach unten im Wechsel) bekämpft werden. (Die beste Prophylaxe ist eine seriöse Vorbereitung.) |
| ° | Schlangenphobie |
| ° | Soziale Phobie: z. B. Xenophobie (Angst vor Fremden/m) oder Angst vor Öffentlichkeit, pathologische Schüchternheit, ev. gepaart mit selektivem Mutismus, also situationalem Stumm-Bleiben |
| ° | Taphephobie: Angst vor dem Lebendig-Begraben-Werden |
| ° | Tokophobie: Angst vor Schwangerschaft und Geburt |
| ° | Triskaidekaphobie: Angst vor der Zahl 13 |
| ° | Trypanophobie: Angst vor Spritzen (griech. τρύπανον = Bohrer; vgl. o.) |
| ... u. v. a. m. - Auch Ekelphänomene bzw. Aversionen werden manchmal als Phobie bezeichnet: z. B. Bambakomallophobie (Ekel vor Watte); Emetophobie: (Ekel vor dem Erbrechen bzw. dem Erbrochenen, Koumpounophobie (Ekel vor Knöpfen), Trypophobie (Ekel vor Lochmustern). |
* Zwangsneurosen (Anankasmen; vgl. www.zwaenge.de und Fragebogen): Zwangsneurosen erscheinen in
2 Formen:
| ° | Zwangshandlungen: z. B. Zwang, Servietten zu beschriften, (die Wohnungstür) zu kontrollieren; Zwang zu lästern, zu zählen (Arithomanie), zu tanzen (Choreomanie), zu putzen, zu ordnen, Kugeln aus Käserinde oder Kerzenwachs zu formen, herumzuirren (Dromomanie) und vieles mehr. Stärkere (und v. a. selbst und andere schädigendere) Phänomene sind der Zwang, Feuer (Urelement, Symbol der Leidenschaft) zu legen (Pyromanie), zu stehlen (Kleptomanie), sich Männern bzw. Frauen an den Hals zu werfen (vulgo Nymphomanie bzw. Satyriasis); sie werden oft nur als sich aufdrängende Handlungsimpulse erlebt, deren Ablauf bei Ausführung der Handlungen ähnlich einem Orgasmus über einen Höhepunkt zur Depression führt (vgl. das oft Aristoteles, der mit „philosophus“ gemeint ist, zugeschriebene Zitat von Johannes Murmellius, 1480-1517: „Nam, teste, philosopho, omne animal a coitu triste est“). |
| Oft sind Zwangshandlungen (die trotz manchmal identischer Bezeichnung nicht mit einer psychotischen Manie - s. u. - verwechselt werden dürfen) nahe einer Verhaltenssucht (s. o.). Sie sind komplexer als Tics, die jedoch nicht mit dem genetisch bedingten, meist vor dem 18. Lebensjahr auftretenden Tourette-Syndrom - nach Georges Albert Édouard Brutus Gilles de la Tourette, (1857-1904); vgl. auch Tourette-HP, Tourette-Forschung -, bei dem Echolalie, Echopraxie, Koprolalie und motorische und vokale Tics gleichzeitig auftreten, verwechselt werden dürfen. (Tourette war ein Schüler von Charcot - s. u. -, später auch sein Sekretär und Hausarzt.) | |
| ° | Zwangsgedanken (bzw. Zwangsvorstellungen): perseverierende Vorstellungen, Befürchtungen oder Impulse, z. B. Zwang, obszöne Gedanken zu denken, Zweifelsucht, Vergewisserungszwang, Zählzwang etc. |
* Hysterie: ) Der Ausdruck stammt aus dem Griechischen und ist vom Wort für Gebärmutter (ὑστέρα) abgeleitet, da man früher Hysterie ausschließlich Frauen zugeschrienben hat. Hysterie ist ein krankhaftes Meidungsverhalten unangenehmer Situationen („Flucht in die Krankheit“) und stellt oft den Versuch dar, etwas Erwünschtes dadurch zu erzwingen, dass anderen unbewusst Angst eingeflößt wird. (Wer z. B. aufkreischt, wenn eine Spinne über das Bettzeug läuft, „zwingt“ das Umfeld, sich um die Situation zu kümmern und erspart sich selbst unangenehme Handlungen. Die Vorgänge sind jedoch unbewusst und nicht hinterhältig geplant.
2 Arten:
| ° | Konversionshysterie: Ausfall von körperlichen Funktionen (z. B. Abasie - Lähmung, Astasie - Unfähigkeit zu stehen - oder sensorische Dysfunktionalitäten) ohne äußere Ursache, der im Schlaf und unter Hypnose verschwindet. Verwandt damit sind die 1915 von Charles Samuel Myers (1873-1946) untersuchten Shellshocks (kriegserlebnisbedingte physische Ausfälle bzw. Zittern ohne organische Ursache). |
| ° | Hysterische Bewusstseinsspaltung: Patient verliert die Fähigkeit, sich über die Zeit als eine gleichbleibende Person zu erleben; kann bis zur (seltenen) Multiplen Persönlichkeit (einer schwerwiegenden Störung, die den Psychosen zuzurechnen ist) führen, die z. B. 1979 vom „Würger von Los Angeles“, einem US-Serienmörder, zunächst erfolgreich simuliert worden ist, von Robert Louis Balfour Stevenson (1850-1894) in Dr. Jekyll und Mr. Hyde literarisch dargestellt wurde oder dem Kinofilm The Three Faces of Eve von 1957 zugrundeliegt. Die heutige Bezeichnung lautet DIS (Dissoziative Identitätsstörung). |
* Hypochondrie: Alltagssprachlich pejorativ als Wehleidigkeit verstanden, wird diese Neurose im ICD 11 unter dem Code 6B23 (s. hier) beschrieben. Hypochonder (vom griech. Wort ὑποχόνδρια für das Areal unterhalb der Rippen, das man in der Antike für ursächlich hielt; deshalb früher auch „Milzsucht“) „erfreuen sich schlechter Gesundheit“. Sie analysieren in einer Art übertriebener Selbstwahrnehmung ihre Zustände, statt sie zu erleben, so, als würden sie sich von ihrem Körper abgetrennt empfinden. Hypochonder leben in der andauernden Besorgnis, unter einer oder mehreren (schweren) Erkrankungen zu leiden. Die Möglichkeit, in Sekundenschnelle alle Krankheiten googeln zu können, hat der Hypochondrie weitere Ausbreitungsmöglichkeiten verschafft (Cyberchondrie). Bekannt ist auch die (vorübergehende) Hypochondrie während der Medizinausbildung, die einen jene Symptome erleben lässt, von denen man gerade lernt.
* Depressive Neurose: Der Verlust des (nicht definierbaren) rechten Maßes des Reagierens auf Situationen des Verlustes, Versagens, der Enttäuschung etc. kann in manchen Fällen neurotische Züge annehmen. Die an sich natürliche Phase der Niedergeschlagenheit wird zu einer depressiven Verstimmung (Dysthymie) zwanghaft verlängert und kann in eine veritable Depression (s. u.) ausarten.
* Experimentelle Neurosen: Darunter versteht man durch psychologische Exe. willentlich herbeigeführte oder als Kollateralschaden auftretende neurotische Zustände. Beispiele: der Pawlow'sche Hund, der in einer Diskriminationsaufgabe nicht mehr zwischen einem Kreis und einer Ellipse unterscheiden kann (s. o.); oder „Little Albert“ (s. o.); oder an der Wiener Klinik Hoff (Hans Hoff, 1897-1969 gilt als der Begründer der Wiener Psychiatrischen Schule, die eine Vermenschlichung der Zustände unter Berücksichtigung der Würde der Klienten durchsetzen wollte; vgl. u.) durchgeführte Exe. mit Katzen in einer Skinner-Box (s. o.), die durch Frustrationserlebnisse (eine durch operantes Konditionieren eingelernte Verhaltenskombination, die zur Gabe von Futter führt, wird unregelmäßig mit Luftstößen „bestraft“, wenn das Futter aufgenommen wird) dazu gebracht werden, freiwillig mit Alkohol versetzte Milch zu trinken und diese auch unter drei anderen Schalen mit reiner Milch, die sie ansonsten bevorzugen würden (gesunde Katzen finden normalerweise umgekehrt die einzige nichtalkoholische Schale unter mehreren) zu erkennen. Im Zuge dessen leidet ihr Äußeres, sie verlieren anderen Katzen gegenüber ihre Dominanz und können nur durch liebevolle Pflege wieder „gesunden“.
* Andere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen bzw. -abweichungen: Unter dem Begriff „Persönlichkeitsstörung“ (früher „Charakterneurose“) werden von gesellschaftlichen Erwartungen abweichende Wahrnehmungen von Gefühlen und Mitmenschen in Verbindung mit meist unflexiblen, wenig angepassten Strukturmerkmalen der Persönlichkeit zusammengefasst. Hierzu zählen z. B.:
| ° | Störungen
der Geschlechteridentität (z. B. Transsexualität, Transvestitismus; vgl. etwa
transmann.de) und solche der Sexualpräferenz
(Paraphilien - Ausdruck von Wilhelm
Stekel,
1868-Suizid 1940, einem mit Bertha von Suttner,
1843-1914, bekannten pazifistischen Wiener Analytiker), z. B.
Pädophilie, Sodomie, Nekrophilie, Sadismus, Masochismus, Fetischismus, Voyeurismus, Hybristophilie (ein
Sich-hingezogen-Fühlen zu Schwerkriminellen, das nach
Haller - s. o.
- drei Formen aufweisen
kann: „Retterinnen“, die die im Grunde edle Seele des Täters „erlösen“
wollen / „Forscherinnen“, die in Seelenabgründe blicken wollen /
„Archaikerinnen“, die in Gewalttätern das männliche Prinzip suchen.
Eine beeindruckende psychologische Charakterstudie eines Schwerverbrechers bzw.
von dessen Unterstützerin lieferte Robert
Musil 1930f in Der Fall
Moosbrugger.) Die Fachbegriffe stammen oft von Richard
von Krafft-Ebing,
1840-1902, der sie in seiner 1886 erschienenen Psychopathia sexualis geprägt
hat. |
| Beide
Gruppen unterliegen aber in den letzten Jahrzehnten einer
Entpathologisierungstendenz und werden - ähnlich der Schwangerschaft - als
teilweise behandlungsbedürftige, aber nicht krankhafte Varianten angesehen -
zumindest, solange niemand anderer zu Schaden kommt.
(Aufgrund dieser Entwicklungen wurde beispielsweise Homosexualität in
Österreich 1971, in Deutschland erst 1994 straffrei gestellt und gilt nun auch nicht mehr als psychische
Störung. Die WHO bezeichnet sie seit 1990 nicht mehr als Erkrankung.) |
|
| Umgekehrt verlief die Entwicklung bei der Pädophilie: Zunächst geduldet (vgl. die Verteidigung des 1928 der Schändung Minderjähriger angeklagten Architekten Adolf Loos, 1870-1933, durch Karl Kraus), verharmlost oder als Ausdruck einer linksliberalen Gesellschaft missverstanden (vgl. z. B. die Pädophiliedebatte im Umfeld der deutschen Grünen - s. hier -, die Zustände in der Kommune von Otto Mühl, 1925-2013, oder die „experimentelle“ Tätigkeit des als progressiv geltenden Sexualwissenschaftlers Helmut Kentler, 1928-2008, die in einer ZDF-Dokumentation von 2026 als „staatlich finanzierter Kindesmissbrauch“ bezeichnet wurde), wird sie seit dem Ende des 20. Jhdts. gesellschaftlich geächtet. | |
| ° | Narzissmus (abgeleitet vom antiken Mythos des in sein eigenes Spiegelbild verliebten Νάρκισσος) zeigt die eigene Brillanz betreffende Phantasien, Empathiemangel, Ruhmsucht (Doxomanie) und eine Überempfindlichkeit gegenüber anders lautenden Meinungen. Diese Störung wird oft als als Stärke getarnte Angst mit fehlgeleiteter Empathie (man kennt die Schwachstellen anderer genau) gedeutet. Narzissten wollen bewundert werden, sind oft manipulativ und eigensüchtig, aber kränkbar. Als erster literarischer Entlarver dieser Störung gilt der Kritiker aristokratischer Selbstsucht François VI. de La Rochefoucauld (1613-1680) mit Zitaten wie „Wir sind alle stark genug, das Unglück anderer zu ertragen“ bzw. „Bescheidenheit ist die schlimmste Form der Eitelkeit“. Man beobachtet eine starke Zunahme dieses Zustandsbildes seit der digitalen Revolution ca. ab 2000 - oder zumindest eine Zunahme der bespielbaren (digitalen) Bühnen -, ein (manchmal behaupteter) Zusammenhang mit einem eventuellen Einzelkinddasein konnte nicht nachgewiesen werden. Im ICD-10 ist Narzissmus unter F 60.8 erwähnt. Manchmal werden zusätzlich gesunder von pathologischem und grandios-extravertierter von vulnerabel-introvertiertem Narzissmus unterschieden. Zu Kränkung s. o.) |
| ° | Dissoziale Persönlichkeiten mit geringer Frustrationstoleranz, Diskrepanz zwischen eigenem Verhalten und den sozialen Normen und deformierter Emotionalität („Psychopathie“, „antisoziale Persönlichkeitsstörung“). Gewissen, Empathie und Verantwortungsgefühl können fehlen. (Das bedeutet nicht automatisch, dass Psychopathen Delinquenten werden müssen, wenn auch aggressives und gewalttätiges Verhalten prozentuell häufiger vorkommt als unter Ceteris-paribus-Bedingungen in der Normalbevölkerung.) Neuere Forschungen legen nahe, dass Veränderungen mancher Hirnpartien mit dieser Störung assoziiert sind (s. hier und hier). Als „dunkle Triade“ bezeichnet man, oft mit Sadismus ergänzt zu einer Tetrade, das Zusammentreffen von Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. |
| ° | Emotional instabile Persönlichkeiten mit Tendenz zu Launenhaftigkeit, dazu, Impulse auszuagieren, zu emotionalen Ausbrüchen, ev. Streitsucht; bei übermäßiger Emotionalität Histrionismus, z. T. vom Borderline-Typus (zusätzlich mit Selbstbild-Störung und mangelnder Impuls-Kontrolle, Affektstürmen, suizidalem Verhalten, Dissoziation, also „Entfernung“ des Geistes vom Körper, SVV - s. u. - etc.). Definition des Borderline-Erforschers Otto Friedmann Kernberg, *1928 (s. a. u.): „Ein Borderline-Patient versteht sich in schwerwiegender Weise selbst nicht [...] und zugleich versteht er wichtige andere Personen nicht mit dem Resultat chaotischer menschlicher Beziehungen, weil er das eigene und das Verhalten anderer nicht vorhersagen kann.“ (Kernberg im Gespräch mit Manfred Lütz, *1965. Freiburg im Breisgau 2020) - Vgl. a. u. bzw. Selbsttest) |
| ° | BIID (Body Integrity Identity Disorder bzw. Body Integrity Dysphoria BID; Körperintegritätsidentitätsstörung): Bei dieser Störung stimmt das mentale Körperbild nicht mit dem tatsächlichen Körper überein. Sie äußert sich im krankhaften Verlangen nach Amputation von Gliedmaßen oder einer anderen physischen Behinderung. Als Ursache werden u. a. dysfunktionale Hirnteile angenommen (vgl. hier). Seit 2019 ist BIID in die ICD 11 aufgenommen. Verwandt ist die Xenomelie, also das Gefühl, dass einzelne Körperteile nicht zu einem selbst gehören. |
| ° | Dysexekutives Syndrom: bei Anomalien oder Läsionen des präfrontalen Kortex (s. a. o.) auftretende Enthemmung mit unangepassten Verhaltensweisen, Wutanfällen, Empathielosigkeit, unhöflichem oder infantilem Verhalten, ungehemmter Impulsivität etc. Um exekutive Funktionen wie Planungsfähigkeit von Klienten (und damit die Intaktheit ihres Stirnhirns) zu testen, wird im Ex. der auf der Grundlage des mathematischen Knobelspiels „Turm von Hanoi“ vom englischen Neurologen Tim Shallice (*1940) entwickelte Turm von London benützt. Dabei müssen drei auf drei Stäben über- oder nebeneinander aufgesteckte verschiedenfarbige Kugeln durch Umstecken in möglichst wenigen Zügen in eine vorgegebene andere Formation gebracht werden. Es darf jeweils nur eine Kugel (und immer nur die oberste eines Stabes) berührt werden. Die Spielzüge sollen nachher erinnert werden können. |
Zu Autismus s. o. - Im DSM V werden Persönlichkeitsstörungen in Cluster A (paranoide, schizoide, schizotypische Störung: sonderbar, exzentrisch), Cluster B (antisoziale, narzisstische, histrionische, Borderline-Störung: dramatisch, emotional, launisch) und Cluster C (passiv-aggressive Störung: ängstlich, vermeidend, dependent, furchtsam, zwanghaft) unterteilt. Prinzipiell gilt, dass eine zu feingliedrige Unterteilung der Zustandsbilder problematisch werden kann und man eher von einem Spektrum an Störungen ausgehen sollte.
-
Psychosen:
Der Begriff Psychose wurde 1845 von Ernst
Maria
Johann
Karl
Freiherr von Feuchtersleben
(1806-1849), einem
Wiener Arzt, der auch als Mitbegründer der psychosomatischen Medizin gilt und
mit Franz Seraphicus Grillparzer
(1791-1872) befreundet war, zum ersten Mal verwendet.
* Definition: Wenn das Erleben und Verhalten eines Menschen derart stark
von der Norm abweicht, dass der Kontakt zur Realität verloren geht und die
Persönlichkeit nachhaltig desintegriert ist, so wird dieser Zustand als
psychotisch bezeichnet.
Psychosen, die auf physische Ursachen zurückzuführen sind, nennt man organische
Psychosen (z. B. durch Tumore, Altersdemenz, Alkohol oder Gehirnläsionen
verursacht). Im folgenden ist ausschließlich von der zweiten Gruppe, den
funktionellen oder endogenen Psychosen, die Rede (deren Auftreten
nichtsdestotrotz ebenfalls biologisch-genetisch mitverursacht sein mag).
Vgl.
Was sind Psychosen?
* Paranoide Psychosen (von griech. παρανοεῖν: neben dem Geist, wahnsinnig sein): bezeichnet mit Wahnideen verbundene Psychosen. Unter Wahn wird eine lebensbestimmende „Privatwirklichkeit“ verstanden, die - nach Karl Theodor Jaspers (1883-1969) - subjektiv gewiss, unkorrigierbar und inhaltlich unmöglich ist. Eine Komorbidität mit anderen Psychosen ist möglich.
| ° | Paranoia: der Patient leidet dauerhaft unter persistierenden (fortbestehenden) Wahnideen (also der objektiven Realität widersprechenden Wahrnehmungsinhalten, die zäh verteidigt werden). Am häufigsten sind (häufig gekoppelt): Verfolgungswahn (der oft mit geringem Selbstvertrauen, schlechtem Schlaf, übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen und Problemen beim Schlussfolgern assoziiert ist), Größenwahn (man hält sich für mehr, als man ist - bis hin zu historischen Persönlichkeiten oder dem Vorstand der psychiatrischen Klinik) und Beziehungswahn (man bezieht alles, z. B. das Blätterrascheln oder Restaurantgespräche am Nachbartisch, auf sich). Der Paranoiker baut komplizierte Gedankengebilde auf seinen Wahnideen auf, in die alle Therapieversuche miteinbezogen werden. (Deshalb ist manchmal eine paradoxe Intervention - vgl. u. - wirksam.) Ein Spezialfall ist das Capgras-Syndrom (Angehörige werden für Doppelgänger gehalten; nach Joseph Capgras, 1873-1950), das aber wie die Prosopagnosie (s. o.) auch auf Hirndefekten beruhen könnte. |
| ° | Paranoider Zustand: Die Wahnideen erscheinen vorübergehend, sie sind transient. |
* Affektive Psychosen (die Gemütslage betreffende Psychosen; früher Gemütserkrankungen): Die Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen (Zyklothymie), verbunden mit Denk- und Verhaltensstörungen. Ursächlich scheinen u. a. (vgl. u.) Störungen des Serotonin- bzw. Dopaminhaushalts zu sein. Das Bewertungssystem im Gehirn gerät außer Takt. Man unterscheidet unipolare von bipolaren Störungen. Geschätzte Prävalenzen: 55% der Erkrankten sind unipolar depressiv, 5% unipolar manisch, 40% bipolar. (Zu Stimmungen s. u.)
| ° |
Manie (von
griech. μανία
= Raserei; Begriff von Benjamin
Rush -
s. o.): ist eine intensive Hochstimmung ohne Grund;
ein unangemessen gesteigertes
Lebens- und Selbstwertgefühl mit „Bremsversagen“, verbunden mit
einem Drang zu Rede (Logorrhoe),
zu Bewegung, zu Lachen, zu Risiko und Geldausgeben bzw. allgemein zu Aktivität. Oft tritt Größenwahn
auf. Die Sprache ist
während eines manischen Schubs oft assoziativ, gedankenflüchtig, ohne Stringenz. (Beispiel von Navratil,
s. u.: „Erbtanten habe ich
nicht, Inzucht liegt bei mir auch nicht vor, nicht einmal Unzucht, dafür
stamme ich aber von Karl Martell, dem 'Hammer'. Im Hammerverlag sind
seinerzeit sehr bedeutende politische Schriften erschienen. Der
'Hexenhammer' allerdings nicht, der ist mindestens 500 Jahre älter. Meine
Alte fällt auch drunter, die hätt' man damals glatt verbrannt. Heirate oder
heirate nicht, bereuen wirst du beides, sagt Kierkegaard. Die Axt im Haus
erspart den Scheidungsrichter, sag ich! Ich bin aber nicht gemeingefährlich,
ich bin nur Gemeinen gefährlich! Ach, da kommt ja schon wieder die
Straßenbahn mit ihrem saudummen Geklingel...“ sagte ein manischer Patient auf die Frage des
Psychiaters, ob es in seiner Familie Geisteskranke gebe; zitiert nach Schizophrenie und Sprache. München 1966, S. 45.) |
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| Man unterscheidet
klassische, gereizte (mit zornig-aggressiven Anteilen) und
verworrene Manie (mit extremer Verwirrtheit in Denken und Sprechen).
Eine nur leichte Agilität mit erhöhtem Redefluss wird Hypomanie
genannt. Können Handlungen nicht mehr adäquat beendet werden und gelingt es
nicht mehr, die Umwelt in gewisser Weise „anzustecken“, spricht man von
einer überkochenden Manie. |
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| ° |
Depression (vgl.
Fragebogen 1,
2; Allgemeine Informationen)
bezeichnet eine nicht mit zeitweise auftretender Traurigkeit (einem starken, mit Verzweiflung und
Verlust verbundenen Gefühl) oder Melancholie (als normaler
Stimmungslage) zu verwechselnde starke, grundlose oder über den Anlass
bzw. über gelegentliche Deprimiertheit hinausgehende Niedergeschlagenheit,
melancholische Negativstimmung, Empfindung innerer Leere, Verzagtheit, Schwermut.
Sie ist verbunden mit dem Verlust der Freude an Unternehmungen und als Folge
der Verminderung jeder Aktivität durch Antriebsverlust
(motorischer Hemmung), chronischem Energiemangel bis hin zu Lustlosigkeit,
Hoffnungslosigkeit, allgemeiner Gefühlsleere, Empfindungslosigkeit
und Abulie (Schwächung oder Verlust der Willenskraft, ev. mit Mutismus = Stummheit), Gefühlen
der Verlangsamung, der Wertlosigkeit (Verlust des
Selbstwertgefühls), der Hoffnungslosigkeit oder der Hilfslosigkeit, Selbstvorwürfen, Appetitlosigkeit, Ermüdbarkeit,
Konzentrations-, Merkfähigkeits- und Schlafanomalien. (Beim letztgenannten
Phänomen besteht eine bidirektionale Beziehung: Schlafstörungen können
Depressionen, Depressionen können Schlafstörungen auslösen.) |
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| Die Entwicklung der
Erkrankung kann bis hin zur
Suizidneigung (s. u.) führen. (Die Selbstmordrate unter Depressiven ist sehr hoch, wenn
auch etwas niedriger als die der Suchterkrankten.) Die gestörte Verarbeitung
innerer und äußerer Reize kann zu Grübelzwang (overthinking; intrusive
Kognition) führen,
das - oft von Reizüberflutung ausgelöst - ohne Lösungsansatz im Kreis geht.
(Vgl. Mark Twain:
„Ich habe in meinem Leben schon die schrecklichsten Dinge erlebt. Die
wenigsten davon sind eingetroffen.“) Depressionen haben eine hohe
Komorbidität mit Essstörungen, Suchterkrankungen und Angststörungen und
wirken sich negativ auf körperliche Erkrankungen aus. Etwa 20% aller
Depressionen chronifizieren, wobei die reaktiven (als Folge äußerer
Geschehnisse) oft leichter zu behandeln sind als die endogenen. |
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| Häufig wird das
Burnout-Syndrom -
s. o. - mit der
Depression in Verbindung gebracht. Nicht zu verwechseln ist die Depression
mit dem harmloseren „Winterblues“, der eine Missstimmung beschreibt, die in
der dunkleren Jahreszeit dadurch ausgelöst wird, dass aufgrund des geringen
Lichteinfalls die Zirbeldrüse (corpus pineale) zu wenig Melatonin
produziert, wodurch der zirkadiane Rhythmus (s. o.)
gestört wird. Weitere mit der Depression in Zusammenhang stehende Phänomene
sind der durch Hormonumstellung bewirkte postpartale „Babyblues“, der
sich zu einer veritablen Depression auswachsen kann und dann auch im
§ 79 StGB
berücksichtigt wird, und „Blues“ bzw. Leere, die sich manchmal einstellen,
wenn man ein großes Ziel, auf das man lange hingearbeitet hat, erreicht hat,
aber nicht abschließen kann und „in ein Loch fällt“. (Zu Stimmungen
s. u.) |
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| Um eine Depression gültig diagnostizieren zu
können, sollten drei Monate vergangen sein. Als erster Diagnoseversuch kann das Konzept der
Melancholie von Hippokrates
(Ἱπποκράτης ὁ Κῷος;
ca. 460-370 v. Chr.) gelten (s. u.),
der humoralpathologisch einen Überschuss an schwarzer Galle im Blut annahm.
Der Leipziger Johann
Christian
August
Heinroth
(1773-1843; erster Inhaber eines Lehrstuhls für psychische Krankheiten)
prägte 1818 den Begriff „Depression“. Ein rezentes psychologisches Konzept zur Erklärung
dieser Erkrankung ist das der erlernten Hilflosigkeit von Martin
E. P. Seligman (*1942).
Darunter versteht er die aufgrund negativer Lebenserfahrungen entwickelte
internalisierte Überzeugung, dass man aus eigener Schuld die Fähigkeit
verloren habe, seine Lebenssituation zum Positiven verändern zu können.
(In der Therapie setzt er -
s. a. u. - im Gegensatz zu einer seiner Meinung nach zu sehr
defizitorientierten Psychologie auf Positive Psychologie.) Andere
Ansätze sehen die Ursachen einer Depression in einer - wodurch immer
verursachten - Störung der Neuromodulatoren. Seit der 1965 aufgestellten und
später ausdifferenzierten
Monoaminhypothese von Joseph
J. Schildkraut (1934-2006)
wird eine - wie immer geartete - Beteiligung von Adrenalin, Dopamin und
Serotonin angenommen. Weitere Risikofaktoren sind chronische
Belastungssituationen, gewisse genetische Dispositionen und ein
problematischer Alkoholgenuss. |
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| In Österreich erkranken im Laufe eines
Kalenderjahres etwa 7% aller Männer und 12% aller Frauen an einer
Depressionserkrankung, sehr häufig im Alter. Tendenziell nimmt die Zahl
der Depressionen zu, v. a. in der westlichen Welt (die aber auch eine
höhere Lebenserwartung und größere Diagnosehäufigkeit aufweist).
Depressionen sind durch neue, nebenwirkungsarme Antidepressiva und
Psychotherapie im Vergleich zu anderen Erkrankungen relativ gut
behandelbar. Günstig wirkt sich oft längeres, einfaches Gehen bis zur
Ermüdung aus. |
|||||||||
| Mehr als 20fach
häufiger als in der Normalbevölkerung tritt bei Depressiven
Lebensüberdruss
auf. Die Bezeichnung „Selbstmord“
wird heute manchmal vermieden, da sie moralisiert. Der Begriff „Freitod“
hingegen insinuiert romantisierend einen Handlungsspielraum, der jedoch oft sehr eingeschränkt ist.
(Betroffene diagnostizieren z. B. oft aufgrund ihrer periodisch
eingeengten Sichtweise dort, wo „nur“ Aussichtslosigkeit vorliegt, eine
Ausweglosigkeit ihrer Situation). Unter „erweitertem Suizid“ versteht man die Mitnahme
(Ermordung) von Nahestehenden, für
die man in diesem Moment einer eingeengten Sicht ebenfalls keinen Ausweg
mehr sieht. Lew
Nikolajewitsch Graf Tolstoi
(Лев Николаевич Толсто́й, 1828-1910) hielt den Selbstmord - ohne ihn zu
praktizieren - in den Bekenntnissen für die ehrlichste der vier
Antworten auf das Unrecht der Welt. (Die anderen drei seien kindliche
Ignoranz, hedonistischer Rausch und trotziges Durchhalten.) |
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Abb. 4/6: Quelle: https://diepresse.com vom 9.11.2014

Abb. 4/7: aus: derstandard.at 7.9.2012
| Einer der ersten, der sich dem Suizid nicht aus
moralischer oder rein statistischer, sondern aus medizinischer und
psychologischer Perspektive
näherte, war der Arzt Erwin Ringel
(1921-1994; vgl.
Seite 1,
Seite 2), ein (selbst physisch schwer beeinträchtigter,
zunächst in der Tradition Adlers
- s. u. - stehender)
österreichischer Pionier der
Psychosomatik
(deren Phänomene erstmals von Oskar Heinroth,
1871-1945,
beschrieben wurden) bzw. der
medizinischen
Psychologie. Er machte erfolgreich seinen Einfluss geltend, um die Katholische Kirche
- entgegen deren Jahrtausende alter Tradition - davon zu überzeugen, auch Selbstmördern trotz „Judassünde“ - ein Suizid (wie
das Erhängen des Judas) leugne die Allmacht Gottes, da ihn nur vollziehe,
wer daran zweifle, dass ihm vergeben werden könne - ein kirchliches
Begräbnis zu gestatten. (Davor gab es nur ein „Eselsbegräbnis“ - sepultura
asini; nach Jeremia 22,19 - außerhalb der den geweihten Bereich
abgrenzenden Friedhofsmauern.) Ringel
beschrieb ein von ihm so genanntes |
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Präsuizidales Syndrom: |
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Danach werden so gut
wie alle Selbstmorde angekündigt, was aber aufgrund der Tatsache, dass
umgekehrt viele Ankündigungen leichtfertig ausgesprochen werden, oft
ignoriert wird. Der Patient erlebt vor dem Suizid: |
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|
+ Einengung, die ihm
„situativ“
(die Welt wird als unbeeinflussbar empfunden) subjektiv immer weniger Bewegungsspielraum lässt
(wie beim Panther von Rainer
Maria Rilke,
1875-1926: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend
Stäben keine Welt“), dynamisch seine Affekte in Richtung
Depression und Selbstvernichtung richtet, aber auch die zwischenmenschlichen Beziehungen
(bis zur völligen Isolierung) und die Wertwelt (Gleichgültigkeit, nichts wird mehr als wirklich wichtig
empfunden) betrifft. |
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|
+ Selbstmordphantasien,
die in drei Stadien erscheinen: tot zu sein, Selbstmord zu begehen und,
zuletzt (Alarmzeichen!), es auf eine ganz bestimmte Weise zu tun. |
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|
+ Aggressionsumkehr, also
Aggression, die - an sich natürlich und biologisch sinnvoll (s. u.)
- gehemmt und gegen die eigene Person gerichtet ist. Durch die
Unfähigkeit, sie nach außen abzureagieren, bietet sich der eigene Körper als
Ersatzobjekt an (wie auch bei tw. „versteckt“ Suizidelemente enthaltenden
Phänomenen wie Alkoholismus und anderen Süchten, manchen
Unfällen, psychosomatischen Erkrankungen etc.) |
|
|
In einer clusteranalytischen Studie, die
2000 im Auftrag des Ludwig-Boltzmann-Institutes
(nach Ludwig Boltzmann,
1844-1906) für angewandte klinische Psychologie erarbeitet wurde, konnte
dabei Ringels
Konzept von der Aggressionsumkehr nicht bestätigt werden. Sie zeigt viel
mehr auf, dass bei selbstmordgefährdeten Personen beide
Aggressionsdimensionen (die nach außen und die nach innen) ansteigen. Gefahr
ist in Verzug, sobald die Autoaggression die nach außen gerichtete
Aggression überwiegt und auch die beiden anderen von Ringel
genannten Faktoren zutreffen. |
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|
Der österreichische Psychiater Walter Pöldinger
(1929-2002)
beschrieb 1968 die suizidale Entwicklung in |
|
|
3 Phasen: |
|
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+
Stadium der Erwägung:
Die
Selbsttötung wird als eine von mehreren Möglichkeiten in Betracht gezogen
(je konkreter, desto gefährlicher die Situation). |
|
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+
Stadium der
Ambivalenz (Begriff von
Bleuler;
s. u.): Die potentiellen Suizidanten sind hin- und
hergerissen: Soll ich oder soll ich nicht? |
|
|
+
Stadium des Entschlusses:
Für den Betroffenen steht fest, dass er sein Leben beenden will. (Phase
der inneren Beruhigung, die von der Umgebung aber falsch verstanden wird;
auf indirekte Hinweise achten: Testament, überraschende Reisepläne etc.) |
|
| Die Interpersonale Theorie suizidalen
Verhaltens des US-amerikanischen Psychologen Thomas Joiner
(*1965) postuliert |
|
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3 Schlüsselprozesse: |
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|
+
Wahrnehmung, eine Last zu sein (und daher durch Suizid
andere zu entlasten) |
|
| +
Wahrnehmung, dauerhaft isoliert zu sein (und das fehlende
Zugehörigkeitsgefühl bzw. die Einsamkeit auch unter anderen Menschen nicht
mehr kompensieren zu können) |
|
| +
Suizidfähigkeit (die die
Betroffenen den aus den ersten beiden Komponenten entstandenen Suizidwunsch
aufgrund von erhöhter Schmerztoleranz und Furchtlosigkeit vor dem Tod in die
Tat umsetzen lässt), |
|
| deren Koinzidenz in einer Person
einen Suizid wahrscheinlich werden ließen. |
|
| Zu Suizid vgl.
Statistik,
Zahlen für Europa
(„Bevölkerung/Gesundheit/Todesursachen“),
Suizid-Prävention,
World Suicide Prevention Day,
aktuelle Informationen und Suizidberichte für Österreich,
Suizidinformationen Deutschland,
suizidpraevention.at,
Institut für Suizidprävention Graz,
Suizidgefahr
erkennen, Linksammlung,
Suizid
bei Kindern und Jugendlichen, Seite der
IASP
(International Association for Suicide Prevention), Studie
„Suizide von Männern in Österreich“ (Wien 2003),
Wiener Werkstätte für
Suizidforschung,
österreichische Suizidprävention,
österreichischer Suizidpräventionsplan,
Suizidmedienrichtlinien im Zusammenhang mit COVID 19 und diverse
Veröffentlichungen. |
|
| ° | Bipolare affektive Störung, früher Manisch-depressives Irresein: Erstmals wurde ein periodischer Wechsel der oben beschriebenen unipolaren Grundstimmungen von Jean-Pierre Falret (1794-1870) als Folie circulaire (zirkuläres Irresein) beschrieben. Laien beurteilen eine auf eine depressive Phase folgende manische Phase oft irrtümlich als Zeichen der Genesung, da die Ausstrahlung der Person nun auf den ersten Blick zugewandt und (scheinbar!) positiv wirkt. Man unterscheidet Typ I (Depression plus Manie) von Typ II (Depression plus Hypomanie); s. hier. |
* Schizophrenie: Diese Bezeichnung wurde 1911 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939; s. a. u.), dem Schöpfer einer modernen psychiatrischen Fachsprache, als Sammelname für unterschiedliche Störungsbilder, z. T. auch für Symptome der Epilepsie, eingeführt. Sie löste den früheren Namen von Kraepelin (s. o.) Dementia praecox (= „vorzeitiger geistiger Abbau“) ab und bedeutet „gespaltenes Zwerchfell“ (für die alten Griechen sitzen dort Geist und Seele; von griech. σχίζειν „spalten“ und φρήν „Zwerchfell“, „Geist“, „Bewusstsein“). Bleuler wollte den „Sinn im Unsinn bei der Schizophrenie“ aufdecken. Heute werden unter diesem Begriff im ICD 11 unter 6A20 klar definierte Zustandsbilder verstanden. In Österreich erkrankt im Laufe des Lebens etwa 1% aller Personen an Schizophrenie. Die Krankheit zeigt in Zwillingsstudien eine hohe Erblichkeit von bis zu 80%, zu anderen ätiologischen Theorien vgl. die folgenden Abschnitte. Die pharmazeutische Behandlung erfolgt meist mit Neuroleptika wie Phenothiazinen und Butyrophenonen.
Die wichtigsten Symptome einer Schizophrenie bestehen in einem Persönlichkeitszerfall (einer Verunsicherung des Kerns des Ich) mit zunehmender Abstumpfung gegenüber der Umwelt und Verlust einer funktionierenden Realitätsprüfung. Schizophrenie tritt in Schüben auf (vgl. die Bezeichnung der Erkrankung, die die Spaltung zwischen normalen und psychotischen Phasen anzeigt). Frauen vor den Wechseljahren sind weniger stark betroffen als andere Bevölkerungsgruppen, da ein hoher Östrogenspiegel die Sensibilität der Dopaminrezeptoren vermindert und daher neuromodulatorisch vor den Symptomen bis zu einem gewissen Grad schützt. Möglicherweise spielt bei dieser Erkrankung aber gar nicht das Dopamin, sondern der Glutamatmangel die Hauptrolle: Dopaminsynapsen hemmen die Freisetzung von Glutamat im limbischen System.
Der britische Anthropologe Gregory
Bateson (1904-1980;
s. a. u.) interpretierte
Schizophrenie unter ganz anderen Gesichtspunkten als dysfunktionale Kommunikationsform, die nicht fähig sei,
Kontexte zu berücksichtigen. Diese würden als verwirrend erscheinen. In der
Folge untersuchte auch der Kostruktivismus (s. u.)
krankmachende Double bind-Situationen.
Vgl. auch
Was ist Schizophrenie?,
Medizinische Informationen,
schizophrenia.com,
hopeforschizophrenia.com,
What happens to the body and brain of individuals with schizophrenia?
|
Formen der Schizophrenie:
| ° | Schizophrenia simplex: ist die Grundform der Schizophrenie. Mögliche Symptome: Wahnideen, die Sprache ist durch Begriffszerfall (ähnlich der Dichtung) gekennzeichnet. Die Wörter und Begriffe sind nicht eindeutig definiert (also von anderen Lexemen abgegrenzt) und damit schwer zuordenbar; der Therapeut muss interpretieren, z. B. die doppelsinnige Äußerung eines Patienten: „Meine Mutter musste heiraten, und deshalb bin ich hier.“ (Gemeint könnte sein, dass seine ungewollt mit ihm schwangere Mutter vor der Geburt zur Hochzeit gezwungen worden sei. Er sei deshalb hier - auf der Welt -, aber auch hier - in der Praxis eines Psychiaters -, weil er aufgrund seiner Schuldgefühle bzw. der mütterlichen Vorwürfe, die ihm seine Existenz vorwerfe, die ihr Leben zerstört habe, krank geworden sei.) Weitere Symptome sind die zunehmende Reduzierung der Verbindungen zur Außenwelt, Demenz (Abbau von Persönlichkeit und Denkvermögen) und der Wegfall von Hemmungen. Insgesamt zeigt sich in schleichender Progredienz merkwürdiges Verhalten, das mit sozialen Anforderungen nicht mehr kompatibel ist. |
| ° | Paranoide Schizophrenie: ein von - im Gegensatz zur Paranoia nicht notwendigerweise systematisierten - Wahnideen begleiteter Persönlichkeitsabbau. (Akustische) Halluzinationen mit imperativem Charakter (z. B. eine als real empfundene Stimme aus dem Radio: „Ich, Gott, befehle dir, ...“) treten auf, werden handlungsbestimmend (und können in seltenen Fällen bis zum Mord führen). |
| ° | Katatonie (katatone Schizophrenie): beginnt plötzlich mit Halluzinationen und Wahnideen, die sich mit psychomotorischen Störungen verbindet. Nach einer Erregungsphase tritt oft plötzliche Erstarrung der Willkürmuskulatur auf (Stupor vigilans, Katalepsie). Die gerade eingenommene Lage wird oft unter Rigor (erhöhter Muskelspannung) über Stunden beibehalten, die Körperfunktionen werden vergessen, auf Reize wird trotz Wachheit nicht reagiert. (Ein entfernt ähnliches, aber durch gänzlich andere Ursachen hervorgerufenes Phänomen ist das stuporartige antarktische Starren als Teil des Winterover-Syndroms, das manchmal Personen zeigen, die in südpolnahen Forschungsstationen überwintern. Sie sind dann schwer ansprechbar und starren auf das Eis, ertragen dadurch aber möglicherweise die Situation der viermonatigen Nacht durch diesen „Kurzwinterschlaf“ besser. Vgl. Link) |
| ° | Hebephrenie: besonders schwere Form der Schizophrenie, die im Jugendalter auftritt. Symptome: Verlust jeglicher Anpassung und Integration, völliger Persönlichkeitsabbau, Regression |
| ° | Mischformen mit Symptomen aller Art oder unklarer Symptomatik |
| ° | Zur dissoziativen Identitätsstörung DIS s. o. |
Schizophrenie und Kunst:
Dieser Zusammenhang ist ein in der Forschung besonders berücksichtigter Gesichtspunkt, da seit Jahrhunderten offensichtlich war, dass zahllose weltbekannte Künstler unter Schizophrenie litten. (Beispiele sind u. a. Vincent van Gogh, 1853-1890, oder Friedrich Hölderlin, 1770-1843, der die zweite Hälfte seines Lebens pflegebedürftig war, was er womöglich in seinem 1804 erschienenen kurzen Gedicht Hälfte des Lebens bereits vorausahnte.)
In Niederösterreich hat Leo Navratil (1921-2006; s. o.) in der 1889 gegründeten und 2007 geschlossenen Landesnervenklinik Gugging (nach ersten Zeichenversuchen zu diagnostischen Zwecken 1954) 1981 das Haus der Künstler gegründet (eine Art betreute Wohngemeinschaft malender oder dichtender Anstaltsbewohner, die bis 1986 Zentrum für Kunst und Psychotherapie hieß und im leer stehenden Pavillon 11 untergebracht wurde) und mit seinen Büchern Schizophrenie und Kunst (1965) bzw. Schizophrenie und Sprache (1966) der (im anglophonen Raum manchmal Outsider Art genannten) Art Brut zu einer breiten Öffentlichkeit verholfen, die Navratil allerdings - ärztlich einschränkend - „zustandsgebundene Kunst“ nannte. (Der Ausdruck Art Brut wurde 1945 vom französischen Künstler Jean Dubuffet, 1901-1985, entwickelt, der damit aber weniger „rohe, wilde Kunst“, sondern eher „ungesüßte Kunst“ - analog dem Champagner Brut - meinte.) Einige wichtige Gugginger Künstler waren Oswald Tschirtner (1920-2007), Johann Hauser (1926-1996), August Walla (1936-2001) und Johann Garber (von dem die Ohrplastik vor dem Wiener Radiokulturhaus stammt; *1947). Die Einrichtung erlangte in einschlägigen Kreisen unter anderem durch den 1994 erfolgten Besuch des englischen Musikers und Sängers David Bowie (1947-2016; eig. David Robert Jones), der hier eine Inspirationsquelle für sein Album 1. Outside fand, weltweite Aufmerksamkeit.
Navratils Nachfolger Johann Feilacher (*1954; s. hier), selbst Künstler, löste 1986 das Haus der Künstler aus der Klinik organisatorisch heraus und stellte nicht mehr den Therapieaspekt, sondern die Eigenständigkeit der Kunst seiner Klienten in den Mittelpunkt seines nicht mehr (nur) ärztlichen Wirkens (der Patientenstatus der Künstler fiel weg), organisierte mit den gugging friends einen privaten Träger und gründete 2006 gemeinsam mit Nina Katschnig (*1972), der Leiterin der bereits seit 1994 bestehenden galerie gugging (die im Besitz der Gugginger Künstler ist), das „museum gugging“ - heute (gemeinsam mit mit dem Haus der Künstler, der galerie gugging und dem auch für Gäste zugänglichen Offenen Atelier) Teil des international bekannten Art Brut Centers Gugging. Am 1. 1. 2023 übernahm Nina Ansperger (*1980) die künstlerische Leitung des Museums.
-
Andere Einteilungen:
Es existieren zahllose andere Einteilungen und Klassifizierungen
psychischer Störungen, z. B. die des amerikanischen Psychiaters Karl
Menninger (1893-1990), der ein
hierarchisches System der Kontroll-(Funktions-)Störungen aufgestellt hat:
| ° | 1. Ordnung: Rhythmische Bewegungen, Rauchen, Trinken, Lachen, Weinen, Fluchen, Prahlen, Phantasien, Tagträume etc. sind zu beobachten. |
| ° | 2. Ordnung: Der Stress für den Patienten ist so stark, dass die genannten Verhaltensweisen zu seiner Beseitigung nicht mehr ausreichen. Symptome von Neurosen, also Phobien, psychosomatische Krankheiten, neurotische Depressionen, Zwangshandlungen, Kleptomanien, Perversionen mit aggressiver Komponente in verhüllter Form treten auf. Der psychisch zu zahlende Preis ist höher als bei den Symptomen erster Ordnung. |
| ° | 3. Ordnung: Es zeigen sich noch schwerwiegendere Kontrollstörungen mit „unverhüllten Aggressionen“ in drei Formen: chronisch-aggressives Verhalten, episodisch-impulsive Gewalttätigkeiten und episodische Gewalttätigkeiten mit Desorganisation. |
| ° | 4. Ordnung: Symptome von Psychosen (z. B. Schizophrenien) kennzeichnen diese Ordnung. Sie repräsentieren eine „vorletzte Anstrengung, etwas Schlimmeres zu vermeiden“. |
| ° | 5. Ordnung: Maligne Angstzustände und Depressionen, die letztlich im Tod, oft durch Suizid, enden, können nun nicht mehr überboten werden. |
Zu einzelnen Krankheiten oder Zustandsbildern vgl. zusätzlich z.B. auch das (in seiner Suchfunktion) von A bis Z umfassend informierende MSD-Manual (Titel nach dem nach Friedrich Jacob Merck, 1621-1678, Alpheus Phineas Sharp, 1824-1909, und Louis Dohme, 1837-1911, einem Cousin des Backpulverproduzenten August Oetker, 1862-1918, benannten amerikanischen Pharmaunternehmen).
Vgl. psyonline.at, Psychotherapie-Links, den Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie, Berufsverband österreichischer Psychologinnen, die American Psychiatric Association o. ä.
-
Definitionen:
*
Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller
Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in
einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für
behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch
Kommunikation) meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes,
nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder
Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis
einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.
Hans Strotzka
(1917-Feuerunfall 1994) Hrsg.: Psychotherapie. München 21978,
S. 4
* Richtung: bezeichnet die grundlegende Menschenbildorientierung einer oder mehrerer Therapieformen (z. B. Verhaltenstherapie, humanistische Therapie).
* Schule: bezeichnet die Position einer jeweils einer Richtung zuordenbaren Therapieform (z. B. Psychoanalyse, Gestalttherapie). In Österreich war 2009 die systemische Familientherapie mit mehr als doppelt so vielen Vertreter/innen wie die nächstplazierte Verhaltenstherapie am häufigsten vertreten.
* Verfahren: bezeichnet die Praxis, die der Grundorientierung entspricht (z. B. verhaltensorientierte Gruppentherapie).
* Technik: bezeichnet operational beschreibbare Methoden konkreten therapeutischen Vorgehens (z. B. Paradoxe Intention, Reizüberflutung in vivo).
* Setting: bezeichnet behandlungsstrategische Elemente und Arrangements (z. B. ambulant / teilambulant / stationär oder Einzel-, Gruppen-, Familiensetting).
* Perspektive: bezeichnet das Referenzsystem psychotherapeutischer Wirkfaktoren (z. B. Entwicklungs-, Ressourcenperspektive).
-
Geschichtliches: Das erste (und lange Zeit einzige,
da psychisch Kranke meist in ihren Familien belassen und im besten Fall aus
christlichem Mitleid versorgt wurden) „Irrenhaus“
war seit 1357 das „Bedlam“ = Londoner Bethlem Hospital, das bald als
Stätte des Schreckens galt. In Wien existierte von 1784-1869 der von Kaiser Joseph
II. (1741-1790) finanzierte und vergleichsweise fortschrittliche Narrenturm, der vielen als erste psychiatrische Klinik gilt (von den Wienern
aufgrund seiner Bauform
„Guglhupf“ genannt; heute
Teil des Naturhistorischen Museums;
s. hier). Europaweit wurden Patienten erst in der Zeit der
Aufklärung aus der Kettenhaltung befreit: Philippe
Pinel (1745-1826), seit 1795 leitender Arzt
des von Ludwig dem XIV. gegründeten Hôpital de la Salpêtrière (s. a. u.;
später der Sterbeort von Lady Diana Frances
Spencer, Princess of Wales, 1961-1997), trat 1793 als einer der ersten gegen Zwangsbehandlungen auf und
begründete - auf Grundlage der damals ungewöhnlichen Idee, dass psychisch Kranke geheilt werden können
- das No-restraint-Konzept. (1783 hatte bereits Abraham
Joly, 1748-1812, am Hôpital
général in Genf Zwangsmaßnahmen abgelehnt.) Gewisse Zwangsmittel wie
Elektroschocks, das Gitterbett oder Bettgurtfixierungen, die Gummizelle oder die
Zwangsjacke hielten sich jedoch noch bis weit ins 20. Jahrhundert. Zwischen 1840 und 1900 wurden dann
zahlreiche psychiatrische Krankenhäuser eröffnet: 1870 z. B. in Zürich die als
modern geltende Klinik Burghölzli, deren Anspruch Heilung war und an der
Eugen Bleuler (s. o.)
und Carl
Gustav Jung
(s. u.) tätig waren. Gegen Ende des 19. Jhdts. entwickelten sich
allmählich Systematiken (s. o.),
die zunächst davon ausgingen, dass mentale Störungen physische Ursachen hätten
und geheilt werden können. Reaktionen darauf, dass dies sehr häufig nicht
möglich war, bestanden einerseits im Aufkommen der Eugenik (in diesem Fall der
Verhinderung der Fortpflanzung kranker Personen) und andererseits in der
Ausarbeitung einer völlig neuartigen Gesprächstherapie, die v. a. Freud entwickelte. Der Beginn des 20. Jhdts. war
vom Aufkommen seiner Psychoanalyse (s. u.) und
damit einer völlig neuen Herangehensweise an psychische Erkrankungen geprägt.
Dieser Paradigmenwechsel, der viele an den am Artemistempel in Delphi
angebrachten Wahlspruch
Γνῶθι σεαυτόν erinnert, beeinflusste bei aller Kritik an ihr die Folgezeit
nachhaltig. Unterbrochen vom barbarischen Rückfall in der NS-Zeit, in der
man psychisch Kranke als „Ballastexistenzen“ bezeichnete und sie zumindest
sterilisierte, meist aber in „Euthanasie“programmen umbrachte, wurden allmählich aus Irrenärzten
Nervenärzte bzw. Psychiater und aus der
Psychiatrie eine mit der Neurologie verschwisterte akademische Disziplin. Erste Psychopharmaka (Valium) waren
schon 1788 von Vincenzo Chiarugi
(1759-1820) in Italien eingesetzt worden, das erste Antidepressivum wurde jedoch erst in den
50er-Jahren des 20. Jhdts. vom Schweizer Konzern Geigy (später
Novartis) entwickelt (Imipramin C19H24N2, dessen
Wirkung in einem Fall von -
s. u. -
Serendipität - der Psychiater Roland
Kuhn, 1912-2005, wollte es
ursprünglich als Neuroleptikum einsetzen - entdeckt
wurde). Im und nach dem 2. Weltkrieg führte das Aufkommen der
Psychochirurgie durch Antonio
Egas Moniz
(1874-1955, Medizin-Nobelpreis 1949) und anderen zu den berüchtigten Lobotomie-Operationen
(mit zum Teil katastrophalen Ergebnissen, z. B. bei der US-Präsidentenschwester
Rosemary Kennedy,
1918-2005). Dabei wurden die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen
durchtrennt, um psychische Erkrankungen, v. a. solche mit starker Unruhe, zu
beeinflussen. Häufig wurden außerdem Elektroschocks
(Elektrokonvulsionstherapie ECT; 1938 von Ugo
Cerletti, 1877-1963, entwickelt)
angewendet. All dies konnte die Hoffnung auf vollständige Heilung nicht
erfüllen und schuf bestenfalls manchmal eine Symptombekämpfung. Diese Sackgassen, andere
Fehlentwicklungen wie die Stigmatisierung der Erkrankten und v. a. die Tatsache, dass (Zwangs)psychiatrie im Laufe der Geschichte immer wieder (und auch
noch im 20. Jhdt.) als
Herrschaftsinstrument eingesetzt wurde, das unter dem Deckmantel der
medizinischen Hilfe Menschen inhaftierte, zum Verschwinden brachte und/oder
misshandelte, führte in den 60er-Jahren des 20. Jhdts. zu einer
Protestbewegung und einer antiautoritär eingestellten Antipsychiatrie
(Ausdruck vom Südafrikaner David
Cooper, 1931-1986, der Psychosen für
Erzeugnisse eines kapitalistischen Systems hielt). Ihre Ziele bestanden u. a. in der Reintegration von psychisch kranken Personen in die
Gesellschaft. Diese
Sozialpsychiatrie ging davon aus, dass das gesellschaftliche Umfeld größeren
Einfluss auf die Krankheit habe als biologische Dispositionen. Sie wurde neben
der biologischen und der psychologischen Betrachtungsweise zu einem der drei
Grundpfeiler, auf denen Psychotherapien bis heute beruhen. Vertreter der Antipsychiatrie waren u.
Historisch erwähnenswerte (1000e Jahre alte) „Therapieformen“,
die vermutlich auch oder gerade bei Zustandsbildern angewendet wurden, die man
heute als psychische Erkrankungen diagnostizieren würde, sind der
Schamanismus (bis heute existent; soll die verlorene Seele finden und dem
Körper zurückgeben), der Tempelschlaf der alten Griechen (ἐγκοίμησις =
Inkubation; durch den Traum werden Therapiehinweise erhofft), die Chiromantie (Handlesen) und die Trepanation
(schon in der Steinzeit praktiziertes Aufbohren des Schädeldaches, um - ähnlich
dem Aderlass und gewissen Reinigungspraktiken - Druck zu mildern und Dämonen
entweichen zu lassen). Aristoteles (Ἀριστοτέλης;
384-322 v. Chr.) betrachtete jede Diagnose als einen
essenziellen Schritt auf dem Weg zu einem geglückten, tugendhaften und erfüllten Leben, also
zur
εὐδαιμονία. Für ihn bestand der Sinn einer Diagnose einzig in der
Therapie leidender Menschen. (Auch heute besteht mancherorts die Ansicht, dass
nicht der Grad an Normalität, sondern der des Leidens eine Störung definiert,
sodass letztlich der Patient und nicht der Arzt das Ziel der Therapie bestimmt.)
Auch psychiatriekritische Filme wie Einer flog über das Kuckucksnest (One flew over the cuckoo's nest 1975; alle fünf Hauptoscars 1976; s. a. o.) oder Zeit des Erwachens 1990 (nach dem Buch Awakenings von Oliver Sacks, 1933-2015; drei Oscarnominierungen) verstehen sich in diesem Zusammenhang. Vorläufer der Psychiatriekritik waren Thomas Szasz (1920-2012), der 1961 vom Mythos der mentalen Erkrankungen sprach, die er für „problems in living“ hielt, die nicht objektiv verifizierbar seien (statt den Betroffenen zu helfen, würden stigmatisierende und marginalisierende Bezeichnungen für Situationen, für deren Bewältigung die Kapazität der Klienten, deren emotionales Leben in den Vordergrund gerückt werden müsse, nicht ausreiche, gefunden werden), und das 1961 erschienene Buch Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984), der meinte: „Um den Wahnsinn erfassen zu können, mussten wir ihn ausschließen.“ (Die Erforschung habe die Ab- und Ausgrenzung gefördert und bewirke Kontrollmöglichkeiten.)
Spätestens in den 70er-Jahren des 20. Jhdts. trennten sich Neurologie und Psychiatrie voneinander, der Begriff „Nervenarzt“ verschwand. (Neurologen sehen jedoch immer noch mehr psychiatrische Krankheitsbilder als Psychiater rein neurologische.) Mitte bis Ende desselben Jhdts. verlor der Gang zum Psychiater bzw. zum Psychotherapeuten (zunächst in den USA) seinen Tabucharakter und erfolgte nun immer öfter freiwillig. In Österreich gab es 2010 nur noch ca. 22 000 unfreiwillige Unterbringungen bei insgesamt 1,3 Mill. Belegungstagen pro Jahr, allerdings kaum grundlose. (Zum Vergleich: ca. 4000 Gefängnisinsassen. Nach dem - etwas vereinfachenden - Gesetz von Lionel Sharples Penrose - s. o. - ist die Anzahl der Gefängnisinsassen zu der von Psychiatrierten verkehrt proportional. Da die Anzahl der gerichtlichen Verurteilungen - nur ein geringer Teil muss ins Gefängnis - in Österreich stetig sinkt: 2020 gab es mit 23 716 Fällen - 84,7% Männer, 41% Ausländer, 37% Vermögensdelikte, 15% Suchtmitteldelikte, 0,002% Morde - einen historischen Tiefstand, wäre also ein Anstieg an Anstaltseinweisungen zu erwarten, der tatsächlich seit den 90er-Jahren des 20. Jhdts. - auch aufgrund des 1991 beschlossenen neuen Unterbringungsgesetzes, das die alte Entmündigungsordnung von 1916 ablöste - eingetreten ist.)
Die Entwicklung in der Gegenwart zeigt eine Zunahme
an psychischen Erkrankungen, die aber zumindest teilweise auf eine Verfeinerung
der Diagnosesysteme zurückzuführen ist. (Seit der ersten DSM-Auflage hat sich
die Anzahl der möglichen Störungsbefunde verdreifacht.) Weitere Tendenzen:
Die ambulante Psychiatrie nimmt im Vergleich zur stationären zu, der Bedarf an
der Behandlung von Minderjährigen steigt an. Das Ziel zu behandeln statt
aufzubewahren scheitert manchmal an den Gegebenheiten (zu wenig Therapieplätze,
geringe Budgets, mangelnde Aufnahmebereitschaft der Patient/innen). Trotz aller
Mängel ist die psychiatrische Versorgung der Bevölkerung in zivilisierten
Ländern heute besser als jemals zuvor.
-
Basisinformationen: Therapieziel sollte - um Enttäuschungen zu vermeiden -
realistischerweise nicht Heilung, sondern Zustandsbesserung durch Überlernen,
nicht (unmögliches) Löschen alter Gedächtnisinhalte, sondern ein autonomeres Leben
und geringerer Leidensdruck sein.
Therapie ist somit ein „lang anhaltendes Einüben neuer Einstellungen und
Verhaltensweisen“ mithilfe von „emotionalem Aufruhr“ (Roth). Die
Basisverdrahtungen werden sich nur noch verstärken (oder schwächen), aber nicht mehr verändern lassen (s. a. o.:
Neuroplastizitätshypothese). Immerhin kann so die funktionale Dynamik des
Gehirns (wie ev. auch durch die Meditation)
verändert werden. Vor jeder Therapie müsse die
Therapiebedürftigkeit feststehen, die (noch) nicht gegeben sei, wenn nicht
„wesentliche menschliche Funktionen lädiert sind“ (wie Ausübung eines Berufs,
Liebesfähigkeit, Entwicklung von Interessen etc). Von einem gesunden Menschen
müsse man erwarten können, dass er mit seinen Schwierigkeiten selbst fertig
werde, meint Otto
F. Kernberg, der auch sagt:
„Gesunder Menschenverstand ist der Anfang guter Psychotherapie.“ * Laienanalyse: Die
Frage, ob auch
Nicht-Ärzte zu einer psychotherapeutischen Ausbildung zugelassen werden sollten)
wurde bereits 1926 von Sigmund Freud
in einer gleichnamigen Schrift diskutiert und bejaht. Anlass war eine Anklage
gegen seinen von ihm auch finanziell unterstützten Lieblingsschüler Theodor
Reik (1988-1969), der als
Religions- und Literaturwissenschaftler (seine 1912 erschienene Doktorarbeit
Flaubert und seine „Versuchung
des heiligen Antonius“ war
die erste psychoanalytische Literaturstudie) die Psychoanalyse erlernte. Die
Frage ist heute im Psychotherapiegesetz (s. nächster Absatz) geregelt. * Allgemeines: Die Wahl der Therapie hängt von der Interpretation der
Krankheit, also dem ätiologischen (die Herkunft betreffenden) Erklärungsmodell ab (s.
o. Ursachengruppen). Die einzelnen
Therapieschulen (in Österreich waren 2019 etwa 2 Dutzend anerkannt) stellen jeweils einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt ihrer
Bemühungen. Die Therapie der Wahl für einen spezifischen Persönlichkeitstyp zu
finden erfordert oft einen längeren Zeitraum (und höheren Geldaufwand - 2020
etwa für 50 Minuten ca. 70 € bis 200 €). Etwa 200 000 Österreicher sind zu jeder Zeit in
psychologischer Betreuung - einerseits bei Fachärzten für Psychiatrie und
Neurologie, andererseits bei Psychologen, deren gesetzliche Grundlage
(s. hier) das Psychotherapiegesetz
von 1991 ist. (Davor liefen Nicht-Mediziner Gefahr, nach dem
Kurpfuscherparagraphen - s. hier
- verklagt zu werden.) Dort wird deren Ausbildung in einem Propädeutikum (765 h
Ausbildung + 550 h Praktikum) und einem Fachspezifikum (300 h Theorie + 1600 h
Praxis) geregelt. (Die Ausbildung wurden mit der Novellierung des Gesetzes 2024 - geltend ab 2026 - in
Richtung Akademisierung erweitert und kann damit in Wien auch an der
Universität oder der SFU erfolgen; für das deutsche Psychotherapiegesetz
s.
hier.) Vgl. auch
Psychologische Diagnostik auf Krankenschein
1,
2 - Zur psychotherapeutischen
Versorgung der österreichischen Bevölkerung s.
Analyse der Versorgung psychisch Erkrankter und die folgenden (etwas
veralteten) Graphiken:
Abb. 4/8 und Abb. 4/9: Beide Abbildungen
nach https://www.psyonline.at/ * Erfolgsrate: Man rechnet (vermutlich
zu optimistisch gesehen) mit insgesamt etwa 1/3
Heilungen (die dann gegeben sind, wenn die Patient/innen die Diagnosekriterien
nicht mehr erfüllen), 1/3 kann zumindest zeitweise ein einigermaßen autonomes Leben führen, 1/3
bleibt therapieresistent und z. T. stationär. (Der Verlauf von Behandlungen in
psychiatrischen Anstalten wird oft - pessimistisch
gesehen - nach dem
Drehtürschema beschrieben: nach der Therapie auf der einen Seite hinaus, nach Rückfällen
auf der anderen wieder herein. Zusätzlich verursachen oft eingeschränkte
Behandlungskapazitäten zu frühe Entlassungen ohne Sicherstellung einer
ambulanten Weiterbetreuung.) Die
Erfolgsrate hängt stark von der Art der Störung und Parametern wie dem Gelingen
einer therapeutischen Allianz, der verstrichenen Zeit zwischen Ausbruch und
Behandlung einer Störung und den mitgebrachten Voraussetzungen ab. (Das 2008 in
Großbritannien implementierte und konsequent evaluierte IAHT-Programm -
Improving Access To Psychological Therapies -, das v. a. für Angststörungen
und depressive Verstimmungen geschaffen wurde, bewirkte in manchen Jahren im
Durchschnitt aller Krankheitsbilder ca. 50% Heilungen.) *
Medizinische Ethik: Jede Behandlung von Patient/innen orientiert sich
(sollte sich orientieren) an folgenden 1979 von Tom
Lamar Beauchamp
(1939-2025) und James Franklin
Childress (*1940) entwickelten
4 Prinzipien der
medizinischen Ethik: * Probleme der Betreuer:
Um Konflikten und Stress vorzubeugen, unterziehen sich viele Therapeuten (und
andere Sozialarbeiter) einer Supervision (lat.
„Überblick“;
vgl. für Österreich Seite 1,
2). Es handelt sich um therapieähnliche
Sitzungen im Einzel- oder Gruppensetting unter der Leitung außenstehender
geschulter Personen, in denen berufsbedingte Probleme mit dem Ziel einer
Entlastung erörtert werden können. (Eine Beratung ohne Therapieanspruch nennt
man Coaching.) Unterbleibt die Supervision, zeigt
sich im Sozialbereich oft das Phänomen der
„Hilflosen Helfer“ (Begriff von Wolfgang
Schmidbauer, *1941): Darunter
werden Menschen verstanden, die in ihrem
Über-Ich das Ideal verinnerlicht haben, dass man nur dann gut sei, wenn man
Anderen - Schwächeren, Kranken, Benachteiligten oder Bedürftigen -
helfe, und die, da Frustrationen nicht ausbleiben können, als Folge selbst Therapie
benötig(t)en. Eine überstarke Ausprägung
des Helfersyndroms (wenn das Wohlergehen der Klienten grundsätzlich als
wichtiger eingestuft wird als die eigene Befindlichkeit des Helfers) führt zu einem
Gefühl der Leere und des Ausgebrannt-Seins. (Nach zwei Jahren sozialer Tätigkeit
entsteht daher oft der Wunsch nach einem Berufswechsel.)
Dieses Burn-out-Syndrom (auch Burnout; vgl. auch die unten stehende Graphik), das häufig in Sozialberufen,
aber auch in anderen Zusammenhängen auftritt, zeigt nach dem
1981 entwickelten Maslach
Burnout Inventory MBI von Christina
Maslach (*1946; 1972-2024 die 2.
Frau von Philip
Zimbardo,
s. u.) und Susan
E. Jackson (*1952)
3 Symptome:
Den Begriff „Burn out“ führte Herbert
Freudenberger (1926-1999) 1974 in
die Psychologie ein. (Kurt Lewin
hatte schon 1928 auf einen Zusammenhang zwischen der von seiner finnischen
Schülerin Anitra Karsten,
1902-1988, untersuchten psychischen Sättigung und einer
„Erschöpfung des Berufswillens“ hingewiesen.) Er findet sich im
ICD ab Version 10 (aber nicht im DSM),
in Version 11 unter dem Code
QD85. Nach der
Effort-Reward-Imbalance-Therorie von Johannes
Siegrist (*1943) entstehen Stress
im Arbeitskontext und als Folge das
Burn-out-Syndrom dadurch, dass die betroffenen Personen über einen längeren
Zeitraum das Gefühl haben, dass ihren Anstrengungen nicht die entsprechenden
Wirkungen folgen. (Wenn dies nicht auf Überforderung, sondern auf
Unterforderung zurückzuführen ist, spricht man von
„bore out“.) Objektive und subjektiv empfundene
Leistungsreduktion wird begleitet bzw. verursacht von einem Entfremdungsgefühl
gegenüber der Arbeit, gegenüber den Kolleg/innen und sich selbst gegenüber. Ein
weiterer Faktor besteht darin, die Batterien nicht mehr aufladen zu können. (So haben
z. B. - wie viele in Sozialberufen Tätige - über 40% der Lehrer/innen - und
damit doppelt so viele Personen wie im Bevölkerungsdurchschnitt - Probleme, sich
in ihrer Freizeit gedanklich von der Arbeit zu lösen.) Dies alles kann auch zu
Depressionen (s. o.) führen - „man
spürt nichts mehr“.
Meist lassen sich drei Phasen
(die in Abb. 4/10 in 12 Stadien zergliedert sind)
unterscheiden: Die 1. Phase kann Symptome wie erhöhte Gereiztheit, Schlaf-
und Sexualstörungen, Schwierigkeiten beim Erbringen der üblichen Leistung und
Aggressivität zeigen, die aber noch nicht als Belastung oder gar als Krankheit
wahrgenommen werden. In der 2. Phase werden die Symptome deutlich und störend,
Beziehungsschwierigkeiten und Angstzustände bei der Unmöglichkeit einer
Spannungslösung können auftreten, im Sport lässt sich z. B. ein Verlust der
Automatismen (etwa beim Tennisaufschlag) beobachten. In der 3. Phase (die es
durch rechtzeitiges Einschreiten zu vermeiden gilt) ist Regeneration ohne
Therapie nicht mehr möglich, eine Erschöpfungsdepression und das
-losigkeitsgefühl (so Michael Musalek,
s. o.; Freudlosigkeit,
Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schlaflosigkeit etc.) tritt ein, ein Zusammenbruch
bzw. der Übergang in eine veritable Depression (s. o.) ist möglich.
Nach genaueren Untersuchungen in den 2020er-Jahren
leben in Österreich ca. 30%-40% der Bevölkerung in potentiellen
Burnout-Konstellationen (schlechtes Arbeitsklima, das Wertesystem der Umgebung
stimmt nicht mit dem eigenen überein, „Brennen“
und hoher Leistungsanspruch an sich selbst, aber mangelnde Anerkennung, da der
Erfolg, aber nicht die eigene Leistung geschätzt wird etc.), etwa 8% erleben die
3. Phase.
Abb. 4/10:
Burn-out-Syndrom (aus:
Der Standard 17./18.3.2007)
Mit dem Burn out verwandte Syndrome sind das
Imposter-/Impostor-Syndrom (die Betroffenen leiden trotz beruflicher Erfolge unter tw.
sehr starken Selbstzweifeln und dem Gefühl, Hochstapler zu sein und unverdient gelobt zu werden, bzw.
dass externe Faktoren und nicht ihre Leistung für den positiven Outcome
verantwortlich gemacht werden müssten; sie haben Angst „aufzufliegen“) und das Floating Duck-Syndrom (die
Betroffenen kämpfen und verkrampfen innerlich, obwohl sie äußerlich ihre Arbeit
völlig souverän bewältigen - ähnlich einer Ente, die mühelos dahingleitet, aber
unter der Oberfläche hektisch paddelt). Zugrunde liegt jeweils eine bestimmte
Art von Perfektionismus.
* Psychopharmaka: Nicht-psychologische
medizinische Interventionen (die aus der Psychiatrie nicht wegzudenken sind,
hier aber nicht weiter besprochen werden) bestehen in der weithin verbreiteten
Verabreichung von psychoaktiven Arzneistoffen wie z. B. Lithiumsalzen oder selektiven
Serotoninwiederaufnahehemmern. (Bekannt wurde etwa das 1987 zugelassene
und seither meistverkaufte Psychomedikament Prozac / Fluctin, das den Wirkstoff
Fluoxetin C17H18F3NO enthält, der bei
Depressionen eingesetzt wird, um den zu schnellen Abtransport des
Neurotransmitters Serotonin aus dem synaptischen Spalt zu blockieren;
vgl. a. o. ADHS. Eine
neuere Entwicklung brachte etwa 2025 zugelassene Antipsychotika gegen
Schizophrenie mit Depotwirkung hervor: der Wirkstoff wird über einen längeren
Zeitraum gleichmäßig abgegeben.)
In
vielen Fällen sind Psychopharmaka unumgänglich, es gilt aber immer zu beachten,
dass eine individuelle Auswahl aus dem pharmazeutischen Angebot sowie eine
individuelle Dosierung vorgenommen werden muss (abhängig vom Geschlecht,
physischen Parametern, der - oft überschätzten - Geschwindigkeit, mit der die
Person die Wirkstoffe abbaut und vielem mehr). Der Siegeszug der Psychopharmaka
erfolgte in der 2. Hälfte des 20. Jhdts. Er bewirkte, dass die Anzahl der
Patienten in psychiatrischen Anstalten drastisch sank, verführte aber dazu, die
Wirkung statt der Ursache zu bekämpfen. Gefahren bestehen in den Nebenwirkungen
und möglicherweise hervorgerufener Abhängigkeit. (Es gilt, Nutzen und Kosten
abzuwägen.)
*
Krisenintervention: Darunter versteht man das therapeutische
Handeln im Akutfall bei drohenden Belastungsstörungen (s. o.),
z. B. zur Stabilisierung Überlebender nach Gefahrensituationen wie z. B. dem
School Shooting in Graz am 10. 6. 2025, nach Unfällen etc., um nachfolgenden
psychischen Katastrophen vorzubeugen. Ziel ist es vor allem, nach einem Schock
Sicherheit zu geben, dabei zu unterstützen, die erste Phase gut zu überstehen,
und Hilfe anzubieten, um letztlich die Handlungsfähigkeit der Betroffenen wiederherzustellen. Eine mögliche
fünfstufige Vorgangsweise beschreibt Gernot Sonneck
(*1942) in seinem
Bella-Modell:
In allen entwickelten Staaten existieren (tw. rund um die Uhr besetzte)
Kriseninterventionszentren, z. B. der 1979 von Stephan
Rudas, 1944-2010, u. a. gegründete PSD
Wien (ein sozialpsychiatrischer Notdienst), das KIZ Wien,
die
Telephonseelsorge und andere
ähnliche Einrichtungen. Wie
immer im Bereich der Medizin empfiehlt es sich, zusätzlich präventiv vorzugehen.
Mit Ersthelferprogrammen (z. B.
MHFA) sollen akute
psychische Notfälle (oft schon am Einsatzort) frühzeitig erkannt bzw. im Idealfall überhaupt vermieden
werden. Als Gesprächstechniken werden im Rahmen dieser psychologischen Ersten
Hilfe Defusing (strukturierte Gespräche zur Reduzierung des emotionalen
Stresses im Anschluss an das Trauma) und Debriefing (Aufarbeitung des
Traumas durch Ausnützen kognitiver Bewältigungsmechanismen einige Tage später)
eingesetzt. Es gilt dabei, Warnsignale (Rückzug aus dem Freundeskreis,
Schweigsamkeit, Müdigkeit, Freudlosigkeit, innere Unruhe, psychosomatische
Beschwerden etc.) zu erkennen, um Betroffene rasch einer professionellen Hilfe
zuzuführen. („Therapie“
soll nie durch Bekannte oder Freunde erfolgen, man würde ja auch - frei nach
Rudas - nicht auf die Idee kommen,
bei einem offenen Oberschenkelbruch eines Freundes auf der Skipiste den Knochen
selbst zu nageln.) Es gilt, die Zeit zwischen dem Auftreten von ersten Symptomen
und dem Ausbruch einer ernsthaften Krise (manchmal erst nach fünf und mehr Jahren)
frühzeitig zu nützen. (Im privaten Bereich gelang es dem Australier Donald
Taylor Richie,
1927-2012, einem Anrainer der Klippen von Sydney - heute Gap Park -, im
Laufe von Jahrzehnten Hunderte Suizidanten ins Leben zurückzuführen, indem er
sie als solche erkannte, anredete und in sein Haus zu einem Gespräch einlud.)
Im Folgenden werden die drei wichtigsten, an unterschiedlichen Menschenbildern
orientierten Richtungen der Psychotherapie und deren
Schulen dargestellt. (Zu Fallbeispielen s.
hier.)
-
Psychodynamisch orientierte Therapieformen: Kritik (s. a. u.): Die Grundannahme entspreche nicht
wissenschaftlichen Grundsätzen und schotte sich gegenüber Kritik ab, da sie zwar
jedes menschliche Verhalten ex post erklären könne, sich aber Voraussagen
gegenüber nicht exponiere (also nicht dem Falsifikationskriterium von Karl
R. Popper, 1902-1994, genüge,
wonach eine Aussage nur dann wissenschaftlich sei, wenn es einen Fall gebe, der
sie bei seinem Eintreten widerlegen würde).
Zusätzlich hat die Entwicklung der Neurowissenschaften manche Annahmen obsolet
werden lassen (vgl. z. B.
hier). Einzelne Schulen: * Psychoanalyse:
entwickelt
von Sigmund Freud
(s. Abb. 4/11-13); geb. 6. 5. 1856 in Freiberg in Mähren; gest. durch eine
erbetene Morphiumüberdosierung 23. 9. 1939 in London.
Medizinstudium Wien (z. T. beim führenden Neuroanatom Theodor
Meynert, 1833-1892), Freundschaft mit Josef
Breuer (1842-1925), einem 14 Jahre älteren
Nervenarzt und für Freud der
„Vater der Psychoanalyse“, dessen Behandlung der 1880 an durch eine Kränkung
durch den Vater hervorgerufenen hysterischen Lähmungen erkrankten Bertha
von Pappenheim zur
Geburtsstunde der Psychoanalyse wurde. (= „Anna
O.“, 1859-1936; Freud
anonymisierte dadurch, dass er die Initialen in der Buchstabenreihe um 1
herabsetzte und einen neuen Vornamen erfand.) Mit
Breuer veröffentlichte er 1895
die bahnbrechenden Studien über Hysterie. Viele Gedanken entstanden auch
in der Korrespondenz und den „Kongressen“ (Zusammenkünften) mit dem Berliner
Arzt Wilhelm Fließ
(1858-1928; er prägte auch den Ausdruck „Biorhythmus“). Freud
entdeckte die schmerzstillende Wirkung von Kokain (1884 Über Coca) und
erhielt eine Hypnose-Ausbildung bei Jean-Martin
Charcot
(1825-1893),
der
in Paris am riesigen Hôpital de la Salpêtrière, der damals
bekanntesten psychiatrischen Anstalt Europas, mit dieser Methode Neurosen erforschte. Seit 1885 Dozent, seit 1902
Titularprofessor in Wien, wurde Freud
nie ordentlicher Professor. 1886 heiratete er
Martha
Bernay (1861-1951), das Ehepaar hatte
fünf Kinder. (Bekannt wurde v. a. die Tochter Anna
Freud,
s. u.,
die sich als seine Nachfolgerin sah. Der Enkel Lucian
Freud, 1922-2011, wurde ein bedeutender
Portraitmaler.) Das heute wohl bekanneste Werk Freuds
- die 1900 erschienene Traumdeutung - erhielt weniger Zuspruch als die
Psychopathologie des Alltagslebens (u. a.
Freud'scher Versprecher). In einer
von Wilhelm Stekel
(s. o.) angeregten
Mittwochsgesellschaft wurden in der Berggasse neue Entwicklungen
diskutiert. Befruchtend wirkten auch die Begegnungen mit Jung
(s. u.) und Adler
(s. u.), die 1908 zur Gründung der
Wiener, 1910 der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
in Nürnberg führte (vgl. das berühmte
Photo
vom Kongress in Weimar 1911).
Freud unternahm England-und Amerikareisen
und erhielt 1930 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (nach Johann
Wolfgang
von Goethe,
1749-1832). 1933 wurden die Werke Freuds
Opfer der Bücherverbrennung durch die NSDAP in Berlin. 1938, bereits mit fortgeschrittenem Mundhöhlenkrebs,
mussten er und seine Familie aufgrund der nationalsozialistischen Judenhetze (im
letzten Moment) nach London emigrieren, wo Freud
trotz seiner Krankheit (seit 1923 hatte er 33
Operationen) noch bis ins Todesjahr praktizierte. 1971 (bis 1986, als ein Teil des Votivparks in
Sigmund Freud-Park
umbenannt wurde, gab es im Wiener Stadtgebiet keine einzige Erwähnung) wurde im Beisein von Freuds
Tochter Anna das auf Initiative von
Friedrich Hacker
(s. o.)
entstandene Freud-Museums
in 1090 Wien, Berggasse 19, den ehemaligen Wohn- und Ordinationsräumlichkeiten,
eröffnet. (Kurioserweise bat in der Vorbereitung zunächst
Anna
Freud den befreundeten Hacker,
den entsprechenden Brief an Bundeskanzler Bruno
Kreisky, 1911-1990, aufzusetzen, danach meinte
Kreisky, dass ein Psychologe wie der - auch
mit ihm befreundete - Hacker
besser als er wisse, wie man einer Anna
Freud antworte, sodass Hacker
im Auftrag der Absender, aber
ohne Wissen der Adressaten beide Briefe selbst verfasste.) Das
Museum war jahrzehntelang (und ist wieder) eine Hauptattraktion für
Wientouristen. Nach einer 1½jährigen Totalrenovierung erfolgte 2020 die
Wiedereröffnung. Das Freud-Museum
in London (in jenem Haus, das Freuds
Sohn für seine exilierten Eltern gefunden hatte) entstand 1986, das
im Geburtsort Freiberg in Mähren,
heute
Přibor,
2006. Zur Einführung vgl. das Video
„Die Erfindung der
Psychoanalyse“ Abb. 4/11, Abb. 4/12 und Abb. 4/13: Sigmund Freud
in verschiedenen Lebensphasen Bei der Psychoanalyse handelt es sich um eine Technik, die es mit Hilfe der vier Zugangsmöglichkeiten zum
Unbewussten (s. o.) ermöglichen soll, die verdrängten Es-Ansprüche (s. u.) bloßzulegen und durch den jetzt offenen Kausalzusammenhang der psychischen
Krankheit die Grundlage zu entziehen. Der Klient liegt dabei auf der berühmt
gewordenen Couch (das Original steht in London:
Bild),
an dessen Kopfende - um die Hemmschwelle zu verringern, nicht mehr im Blickfeld
- der Analytiker sitzt, der mit Techniken wie der von Freud
zunächst als Störeinfluss betrachteten Gegenübertragung (= das
Sich-zunutze-Machen der Übertragung - alte,
oftmals verdrängte Gefühle, Affekte, Erwartungen, Wünsche und Befürchtungen aus
der Kindheit werden vom Patienten unbewusst auf neue soziale
Beziehungen - auch auf den Analytiker - übertragen und reaktiviert -, indem der Therapeut als Reaktion auf
die Übertragung seinerseits sein Inneres auf den Klienten richtet) die
kathartische Methode einer
Talking cure (der Begriff stammt von Anna
O.) praktiziert. Die Psychoanalyse wurde schon zu Lebzeiten Freuds
kritisiert, z. B. von Karl Kraus
(1874-1936:
„Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“
-
„Eine gewisse Psychoanalyse ist die Beschäftigung
geiler Rationalisten, die alles in der Welt auf sexuelle Ursachen zurückführen
mit Ausnahme ihrer Beschäftigung.“),
aber auch weiterentwickelt. (Bekannt geworden sind die im Rückgriff auf
strukturalistische Prinzipien entstandenen Neuinterpretationen von Jacques
Lacan, 1901-1981;
s. u.).
Heute werden der Psychoanalyse vor allem fehlende Effizienzstudien (etwa im Gegensatz zur
Verhaltenstherapie), die Unvereinbarkeit mit manchen Befunden der
Neurowissenschaften (vgl. z. B.
hier) und
das Festhalten an nicht mehr zeitgemäßen Anschauungen Freuds vorgehalten. Eysenck
(s. u.) behauptete, dass Freuds
Therapie nicht mehr Wirkung hätte als gar keine Therapie. Dennoch gilt die
Psychoanalyse als eine der wirkmächtigsten und kulturell
fruchtbarsten Theorien aller Zeiten und als wichtiger intellektueller Beitrag
zum Verständnis der Welt. Ihre von
Freud geprägten
Fachbegriffe (z. B. Libido, Verdrängung) sind in die Alltagssprache
eingedrungen. Die Zeit von 1885 bis 1890 wird im Film Freud
von John Huston
(1906-1987; Hauptdarsteller Montgomery Clift,
1920-1966)
aus dem Jahr 1962 dargestellt, dessen Drehbuch ursprünglich Jean Paul Sartre
(1905-1980)
konzipiert hatte.
Szenenfolge des Films Freud
(47 Szenen tw. mit Rückblenden und Traumsequenzen): Abb. 4/14: Stammbaum der Psychoanalyse (Scan aus:
Der Standard) *
Individualpsychologie: Konzept von Alfred
Adler (geb. 7. 2. 1870
im damals eigenständigen Rudolfsheim bei Wien; gest. 28. 5. 1937 in Aberdeen
auf offener Straße an Herzversagen). Als Sohn eines jüdischen
Getreidehändlers wurde Adler
nach kränklicher Kindheit ursprünglich Ophthalmologe, dann
Neurologe. Seit 1897 war er mit Raissa Timofejevna
(1872-1962), einer mit Trotzki (eig. Лев Давидович Бронштейн,
1879-Eispickelmord 1940)
bekannten Moskowiterin, verheiratet; das Ehepaar hatte vier Kinder.
Adler stand in einem Naheverhältnis zum
aufkommenden Sozialismus und war Schüler Freuds
(erste Begegnung 1902), mit dem er 1911 brach und eine eigene, später Verein für
Individualpsychologie genannte Gesellschaft gründete. (Dies wurde
manchmal als eine Art Vater-Sohn-Konflikt interpretiert.) Nachdem die geplante Habilitation 1912 am Widerstand
von Julius
Wagner von Jauregg
(1857-1940), dem einzigen Psychiater (wenn man von Eric
Richard Kandel, *1929
- s. o. -, absieht, der diesen Beruf nie ausgeübt hat), der je einen
Nobelpreis für Medizin erhielt (1927 für die
Anwendung des Malaria-Heilfiebers zur Behandlung von Progressiver Paralyse)
gescheitert war, widmete er sich
seiner Lehrtätigkeit am Pädagogium der Stadt Wien und arbeitete als
Erziehungsberater. Er übte dabei großen Einfluss auf den Schulreformer Otto
Glöckel (1874-1935) aus. Den ersten Weltkrieg
hatte Adler
als Militärarzt verbracht. 1934 übersiedelte er (nicht direkt vertrieben), um
dem Naziterror zu entkommen, nach Amerika, wo Adler
schon seit 1926 lehrte (seit 1929 an der Columbia University als Gastprofessor,
ab 1932 am Long Island Medical College). Er starb während einer seiner Vortragsreisen,
die er immer wieder in Europa autofahrend unternahm, in Schottland. Sein Freund Manés
Sperber (1905-1984), ein
österreichisch-französischer Schriftsteller, der ihn ein „soziales
Genie“ nannte, schrieb 1970 die Biographie Alfred Adler
oder das Elend der Psychologie. *
Analytische Psychologie: Konzept von Carl
Gustav Jung
(geb. 26. 7. 1875 in Kesswil am Bodensee im Kanton Thurgau, gest. 6. 6. 1961 in
Küsnacht) aus der Schweiz, dem dritten der „Pioniere der Tiefenpsychologie“.
Seine psychiatrische Ausbildung erhielt Jung an der berühmten Klinik Burghölzli bei Zürich, die
1898-1927 unter der Leitung von Eugen Bleuler (s. o.),
dessen Mitarbeiter er in den ersten neun Jahren des neuen Jhdts. war, stand. Nach
einem Studienjahr in Paris heiratete er Emma
Rauschenbach (1882-1955), mit der
er fünf Kinder hatte. Daneben unterhielt er andere Beziehungen, v. a. zu seiner
wichtigsten Mitarbeiterin Antonia
„Toni“
Wolff (1888-1953). 1905
erfolgte die Habilitation, 1907 Jungs erste Begegnung mit Freud,
mit dem er sich 1913 überwarf.
Nach Auseinandersetzungen mit
Bleuler hatte er schon 1909, inzwischen Oberarzt, Burghölzli
verlassen und war
nach Küsnacht gezogen, wo er - z. T. in einem selbst errichteten Meditations-Turm - bis zu
seinem Tod wohnte und privat praktizierte. Im Unterschied zu Freuds
Neurotiker(inne)n waren seine Patienten meist Psychotiker mit Wahnideen. Jung
schuf das Prinzip der Lehranalyse. 1911-13 war er der erste Präsident der neu
gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, die
Auseinandersetzungen mit Freud
(wie bei Adler
eine Art „Vater-Sohn-Konflikt“) dauerten an. Es folgten Lehrtätigkeiten an den Universitäten
Zürich, Basel, New York, Yale, Studienreisen nach Amerika (zu den
Pueblo-Indianern), Afrika (zu den Elgonyi in Kenia) und Asien und 9 Ehrendoktorate
in Asien, Europa und Amerika. Jungs
lebenslanges Interesse an Religionen und Mythen
(auch und vor allem fremder Völker),
z. B. am I Ging, einem alten chinesischen Orakelbuch, beeinflussten
seine Theorien nachhaltig. (In seinem erst 2009 erschienenen Roten Buch,
einem nie zur Veröffentlichung vorgesehenen Selbstfindungsdokument, sind viele
Illustrationen, Mandalas und kalligrafischen Bibelzitate festgehalten. Die NZZ
bezeichnete das Werk als „ein Dokument eines 16 Jahre andauernden
Selbstexperiments, in dem Jung in Visionen und Träumen seinen eigenen Mythos
ergründen wollte“.) Zu C. G. Jung vgl.
Interview 1
(Originalaufnahme 1959; englisch) und
Interview 2
(Originalaufnahme 1960; deutsch) oder
„Eine Einführung in tiefenpsychologisches
Denken" von Tewes Wischmann
(*1960?) * Weitere analytische Ansätze:
Durch den krankheits- und verfolgungsbedingten Rückzug Freuds
begünstigt beherrschten allmählich andere die psychoanalytische Diskussion. Eine
besondere Rolle - auch für eine geregelte Ausbildung der Therapeuten - spielte
dabei das 1920 gegründete und bis heute bestehende Berliner Psychoanalytische
Institut (s. hier; später Karl Abraham-Institut
nach seinem Mitbegründer, 1877-1925). Verschiedene Richtungen (tw. unter dem Sammelbegriff Neoanalyse)
versuchten u. a. die relativ untergeordnete Rolle des
Ich (es wird zwischen Real-Ich und Ideal-Ich unterschieden) zu korrigieren und
die Psychoanalyse weiterzuentwickeln bzw. zu überwinden. Laut Kernberg
existieren nach
Freud drei Hauptströmungen der psychoanalytischen
Theorie: die psychoanalytische Ichpsychologie (der
Psychopathologie lägen unbewusste intrapsychische Konflikte zwischen
Triebabkömmlingen und Abwehrmechanismen zugrunde, alle
Objektbeziehungen - verstanden als
Beziehungen zu anderen Personen - seien
gleichzeitig Ausdruck der Konflikte zwischen den drei psychischen Instanzen;
z. B. Anna
Freud), die psychoanalytischen
Objektbeziehungstheorien (sie sehen Konflikte stark in der Internalisierung
pathologischer Objektbeziehungen - also phantasierter bzw. vorgestellter
Beziehungen zur, v. a. personellen, Umwelt - begründet; z. B. Melanie
Klein, 1882-1960) und die
psychoanalytischen interpersonalen Theorien (sie unterstreichen die
traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit und wurden in Verbindung mit den
Objektbeziehungstheorien vom Amerikaner Stephen
A. Mitchell, 1946-2002, u. a. zur
sogenannten Relationalen Psychoanalyse weiterentwickelt; Vertreter z. B. Herbert
/ Harry Stack
Sullivan 1892-1949 und -
s. u. - Heinz
Kohut, 1913-1981). Im Folgenden
einige Beispiele: -
Verhaltenstherapie (VT): Später
wurde die behavioristische VT von Albert
Ellis (1913-2007) und Aaron
T. (Temkin/Tim)
Beck (1921-2021; er hielt die
Psychoanalyse, die er selbst betrieben hatte, für eine Glaubenssache, keine
Wissenschaft) zur
Kognitiven
Verhaltenstherapie weiterentwickelt (rational emotive behaviour
therapy REBD). Nach ihr machen uns nicht Ereignisse, sondern die Art, wie
wir sie sehen, krank. Unsere Reaktionen können dann eine Negativitätsspirale
auslösen. Vorgangsweisen,
die diese Richtung (heute cognitive-behavioural therapy CBT genannt)
protegiert, sind
bedingungslose Selbstakzeptanz (des Seins; nur das Tun könne bewertet werden), rationale Verbalisierung (z. B. von Ängsten), Konfrontation emotionaler
Bilder mit objektiven Fakten, positive
Mantras und bestimmte Atemtechniken (z. B. bei der Behandlung von OCD -
s. o.). Diese Therapieform wurde von den
Stoikern Seneca, ca. 1-65, und Epiktet,
ca. 50-138, beeinflusst und klingt im Band 3 der bekannten Buchreihe von Joanne
K. Rowling (*1965; sie hat selbst
Erfahrungen mit der CBT gemacht) Harry Potter und der Gefangene von Askaban
im dort erwähnten Patronuszauber an. (Thomas
Niederkrotenthaler, *1978, von der
MedUni Wien u. a. entwickelten ein Curriculum zur Krisenbewältigung und
Resilienzstärkung für Unterstufenschüler, in dem das Buch eingesetzt wird; vgl.
hier.) Kristin Neff
(*1966) beschrieb später im Zusammenhang mit der KVT 3 Elemente des
Selbstmitgefühls: Kritik: VT sei nur Symptombekämpfung, ein „Verlernen“
unerwünschter Reaktionen sei nicht möglich - bestenfalls ein Überlernen und
dadurch Einkapseln der alten Gewohnheiten, die aber unter ungünstigen
Bedingungen jederzeit wieder hervorbrechen können (Rückfallsgefahr). Die Annahme, dass die
Ratio die limbische (Gefühls)welt dominieren könne, scheint widerlegt: Eine kognitive
Umstrukturierung sei laut moderner Hirnforschung schon deshalb schwer möglich, da das entsprechende
Kortexareal keine Verbindung zur verhaltenssteuernden Amygdala habe. Zitat Gerhard Roth (s. o.):
„Appelle
an die Einsicht [...] aktivieren allein die Netzwerke des bewusstseinsfähigen
cortico-hippocampalen Systems, das auf die verhaltensrelevanten limbischen
Netzwerke keinen wesentlichen oder einen nur indirekten Einfluss hat. Eine
Veränderung des cortico-hippocampalen Systems verändert unser deklaratives
Gedächtnis, nicht aber unser Verhalten.“ Einzelne Methoden:
* Löschung: Dem unerwünschten Verhalten wird mit dem Ziel,
es verschwinden zu lassen, durch Unterlassung
jeglicher Verstärkung begegnet (z. B. durch Nichtbeachtung).
* (Systematische) Desensibilisierung (wirksam v. a.
bei Phobien): von Joseph
Wolpe entwickelter
schrittweiser Abbau der vorher hierarchisch aufgelisteten angstauslösenden
Situationen (z. B.: eine Schlange in der
Vorstellung - eine Schlange in der Realität, aber fern - eine Schlange in der
Nähe - eine Schlange auf der Haut o. ä.). Nach dem Erlernen von
Entspannungstechniken wird der Klient mit der Realität konfrontiert. (Die Methode kann
nicht immer in vivo, sondern manchmal nur imaginal durchgeführt werden.)
Wolpe verstand seine Methode
als Gegenkonditionierung durch reziproke Hemmung (indem er
Reaktionen verwendete, die antagonistisch zur Angst stehen).
* Reizüberflutung: 1967 von Thomas
Stampfl (*1930?-????) entwickelt. Der Patient muss sich der Angst machenden
Situation aussetzen (Expositionstherapie), um eine Selbstverstärkung durch Eintreten in einen
Teufelskreis (wie den des mit den Fingern schnippenden Irren, der davon
überzeugt ist, dass er durch sein Verhalten die Angst machenden Löwen tatsächlich
fernhält - es seien ja keine da)
zu verhindern. Diese Technik, die damit beginnt, dass man
sich Angstauslöser in Gedanken lebhaft vorstellen und dann auf die anschwellende
innere Angstreaktion fokussieren soll, wird auch Reaktionsprovokation,
Konfrontationstraining, Implosivtherapie, Flooding in sensu bzw. in vivo etc.
genannt. Historisches
Beispiel: Der deutsche Politiker, Naturforscher und Theaterdirektor (nebenbei auch
Schriftsteller) Johann Wolfgang
von Goethe (1749-1832) erkletterte das
Strassburger Münster als Jusstudent intuitiv an einer ausgesetzten Stelle, um seine Höhenangst
loszuwerden.
* Aversionstherapie: Verknüpfung des unerwünschten Verhaltens mit
unangenehmen Begleiterscheinungen (negative Verstärkung, z. B. Elektroschocks
oder ekelerregende Substanzen beim Abgewöhnen des Rauchens). Da einige Techniken
fragwürdige ethische Implikationen mit sich bringen, wird die Aversionsverursachung
manchmal, wenn dies möglich ist, von der Realität in die Vorstellung verlagert.
* Reinforcement: Eine auf Verstärkung
beruhende Verknüpfung erwünschten
Verhaltens mit positiven Konsequenzen (z. B. Token-Economy =
Münzökonomie, die aber auch mit Punkten funktioniert, die später eingelöst werden können. Auch Selbstbehauptungstrainings
oder Selbstkontrolle durch Biofeedback arbeitet mit Verstärkung. - Zu
Belohnungen
vgl. o1 und o2)
* Modellernen: nach Bandura
(s. o.) Nachahmungslernen anhand eines dem Patienten dargebotenen Vorbilds (z.
B. bei Entziehungskuren ein bereits fortgeschrittener Klient)
* Sensate Focus Therapy: Das Sensualitätstraining
wurde von William
Howell Masters
(1915-2001) und Virginia Eshelman-Johnson
(1925-2013), die 1966 mit dem Buch Human sexual Response als
Sexualforscher bekannt wurden, als Therapie sexueller Funktionsstörungen
entwickelt. In schrittweisen Berührungsübungen, die tw. auch paradoxe Interventionen (s. u.)
inkludieren, sollen Druck abgebaut und die Körperwahrnehmung verbessert werden.
(Diese Therapieform könnte auch u.
unter Körpertherapien eingeordnet werden.)
* Entspannungstraining: wird meist mit einer der Therapien
kombiniert, funktioniert physisch wie psychisch und wird manchmal durch Virtual
Reality-Brillen unterstützt. Angewendet werden z. T. fernöstliche Techniken
wie z. B. Meditation (durch Entleeren entsteht Enstase
statt Ekstase; beeinflusste seit den 1960er-Jahren manche psychotherapeutischen
Schulen), Yoga (= asiatische Meditation: „Anjochen“ der Gedanken, Anspannen
der Sinne zur höheren Vergeistigung; vorzugsweise im Lotossitz) oder T'ai Chi
Chuan (= chinesisches, aus dem Taoismus - Tao = Weg - stammendes
Schattenboxen, das in langsamer Bewegung und Gegenbewegung die Harmoniesymbole
Yin und Yang versinnbildlicht).
Die
Progressive Muskelrelaxation besteht in einem von Edmund Jacobsson
(1888-1983) entwickelten Training, bei dem willkürliches Anspannen der Muskel
mit deren Entspannen wechselt.
2004 ergab eine Metastudie von Anthony
Francis Jorm
(*1951), dass PME (progressive Muskelentspannung) bei gewissen Angstzuständen (s. o.)
dieselbe Wirkung wie Anxiolytica oder Psychotherapie habe (Link).
Jedes Entspannungstraining
(Vorteil: billig und ohne Nebenwirkungen) geht vom Gesetz der reziproken
Inhibition (Hemmung) aus, nach dem Entspannung und Angst unvereinbar sind.
(Deshalb kann auch Essen, da man sich dazu entspannen muss, Angst überspielen,
was in manchen Fällen zu Adipositas führt.)
Neurobiologisch ist die Aktivierung des Parasympathikus über seine
wichtigste Nervenbahn, den Vagus, entscheidend. (Normalerweise wird er
durch Entspannung aktiviert, hier wird umgekehrt durch seine Aktivierung
Entspannung erzeugt.) Vgl. Österreichische Gesellschaft für VT,
Deutscher Fachverband für VT,
Deutsche
Gesellschaft für VT -
Humanistische und kommunikationsorientierte Therapieformen: Arbeitsprinzipien:
Charlotte
Bühler (1893-1974;
s. a. o.) entwickelte als
Grundlage der humanistischen Psychologie in den USA (die Familie musste nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten aus Wien emigrieren) die 4 Grundtendenzen des
menschlichen Lebens: Kritik: Einerseits wird dieser
Strömung Scheu vor empirisch-wissenschaftlicher Fundierung sowie ihre Vielfalt
und damit innere Widersprüchlichkeit vorgeworfen, andererseits darauf
hingewiesen, dass das, was in entspannten Sitzungen gut funktioniere, oft nicht
ins Leben übertragen werden könne. Einzelne Schulen:
* Logotherapie: vor dem
Auftreten der eigentlichen humanistischen Psychologie (und daher oft der ersten
Richtung zugeordnet) vom österreichischen
Psychologen und Arzt Viktor E. Frankl
(geb. 26. 3. 1905 in Wien, gest. 2. 9. 1997 in Wien)
begründet. Er war
wie Freud, mit dem er schon als
Schüler korrespondierte, jüdischer Herkunft und arbeitete später als Mitarbeiter von Adler und Reich,
begann seine Tätigkeit also ursprünglich in der psychodynamischen Tradition. Frankl
gründete als 23jähriger Medizinstudent mit großem Erfolg eine
Jugendberatungsstelle für Depression und Suizid und überlebte ab 1943 (er hatte
ein Visum abgelehnt, um seine Eltern nicht zurückzulassen) durch
Willensstärke, innere „Distanzierung“ von seinem Leid (und
glücklichen Umständen) Auschwitz
und andere KZs, während fast seine
ganze Familie und seine erste Frau (diese am Befreiungstag) starben. (Vgl.: Ein Psycholog erlebt das
Konzentrationslager, später unter dem dem Buchenwaldlied von Friedrich
Löhner-Beda
= Bedřich Löwy,
1883-1942, entlehnten Übertitel ...trotzdem Ja zum Leben sagen - auf
Englisch Man's search for meaning - veröffentlicht; geschrieben in neun
Tagen im Jahr 1945 auf einer Schreibmaschine des SPÖ-Abgeordneten und späteren
Parteivorsitzenden und Vizekanzlers Bruno
Pittermann, 1905-1983.) Nach dem Krieg wurde
Frankl Professor für Neurologie und Psychiatrie an der
Universität Wien, ab 1970 am eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für
Logotherapie in San Diego / Kalifornien und anderen, v. a. amerikanischen
Universitäten. Er unternahm zahlreiche, oft überbuchte Vortragsreisen, erhielt Ehrenbürgerschaften (z. B. Austin)
und
-doktorate und war weithin populär, was sich z. B. in der Verbreitung seiner Bücher, v. a.
Der Mensch vor der Frage
nach dem Sinn, Der Wille zum Sinn, Das Leiden am sinnlosen Leben,
Theorie
und Therapie der Neurosen etc., die in alle bedeutenden Sprachen der Welt
übersetzt wurden, und der Gründung zahlreicher Frankl-Institute
niederschlug. Vgl.
Videoportrait (die
ersten 28 min). Seite über
Viktor Frankl, Seite des
Frankl-Zentrums Wien, des Instituts für
Logotherapie und des
Viktor Frankl-Institut
Wien, Logotherapie-Institut
Salzburg und Logotherapie-Institut
Tirol
* Gesprächstherapie: Die
„dritte Kraft“ der Humanistischen Psychologie wurde vom
US-Amerikaner
Carl R. Rogers
(1902-1987)
mitbegründet (zusammen mit Charlotte
Bühler, 1893-1974, die
Bedürfnisbefriedigung, selbstbeschränkende Anpassung, schöpferische Expansion
und Aufrechterhaltung der inneren Ordnung als die 4 Grundtendenzen des
menschlichen Lebens betrachtete und anderen). Abraham A. Maslow
(s. u.) Virginia
Satir (s. u.)
und Rollo
May (s. o.)
waren mit Rogers Mitbegründer der
American Association for Humanistic Psychology. Rogers studierte zunächst Landwirtschaft und
Theologie, dann Psychologie. er war Professor an mehreren USA-Universitäten
(zuletzt La Jolla, Kalifornien) und hatte
in Europa (v. a. durch die Arbeiten von Annemarie
und Richard Tausch
- s. o.)
großen Einfluss (schülerzentriertes Lernen, Entstehen von, s. a. u., Encounter-Gruppen).
Die
client centered therapy von
Rogers arbeitet
personenzentriert, nicht krankheits- oder störungszentriert. Sie leugnet ein
homöostatisches Menschenbild und geht
von der Fähigkeit, psychisch zu wachsen, aus. (Für den Begriff
„Selbstverwirklichung“ -
s. u. - wird der Begriff Aktualisierungstendenz
verwendet.) Ziel sei das als Prozess
verstandene gute Leben, das man nicht an der Vergangenheit und an dem ausrichten
dürfe, was man sein soll, sondern an dem, der/die man ist.
Ein wichtiger Begriff ist das
Selbstkonzept (mit Berücksichtigung eventueller Differenzen zwischen
Selbstbild und Fremdbild). Der Therapeut verhält sich
aktiv zuhörend (nicht nur „einohrig“, sofort nach einer Antwort suchend oder im
Kopf schon die nächste Frage formulierend), gibt aber
kein Ziel vor. Er bleibt er selbst (aufrichtig, echt, ohne Fassade) und soll Wertschätzung
(bedingungsloses Akzeptieren; Ernstnehmen, wenn auch nicht immer Zustimmung zu den
Aussagen des Klienten), Wärme und einfühlendes Verstehen (Empathie) vermitteln.
Er interpretiert nicht, sondern arbeitet maieutisch. Der Klient sieht sich durch
die gepiegelte Rückgabe seiner Äußerungen zu einer Korrektur und zu einem
Ausgleich zwischen dem Ideal-Bild und dem Real-Bild seines Selbst veranlasst und
entwickelt dadurch ein positives Selbstkonzept.
Rogers' setzt also
(vgl. seine
Videoerklärung) auf
3 Grundbegriffe:
Zu Rogers' Prinzipien der
Erziehung s. o. -
Vgl. Videointerview mit C.
Rogers, Seite über Rogers,
über Gesprächstherapie und die
Homepage der entsprechenden Österreichischen Gesellschaft Eine bekannt gewordene Weiterentwicklung der Theorien von Rogers stellt das
Konzept der gewaltfreien Kommunikation (s. hier; Ausrichtung auf Bedürfnisse, die
hinter allem stünden) von Marshall B.
Rosenberg
(1934-2015; s. hier) dar. Um statt konfliktreicher Kommunikation empathische
Kommunikation möglich werden zu lassen, empfiehlt er 4 Schritte: Damit können die letzten beiden der von Friedrich
Glasl, *1941, diagnostizierten
Eskalationsstufen eines Konflikts - Win-win-Situation, in der noch beide gut
aussteigen können / Win-lose-Situation, in der nur mehr eine/r gut aussteigen
kann / Lose-lose-Situation, in der niemand mehr gut aussteigen kann - vermieden
werden. - Zu Konflikten s. u.
* Gestalttherapie:
Begründet von Fritz
/ Frederick Perls
(1893-1970): Ausbildung in Berlin durch Horney
und Reich, aber auch bei Max
Reinhardt (1873-1943), dem
(Mit)begründer der Salzburger Festspiele; Therapeut in Frankfurt;
Emigration nach Amsterdam und Südafrika; ab 1946 in den USA von der Chicagoer
Schule für Sozialpsychologie und v. a. von Paul
Goodman (1911-1972), der krank
machende gesellschaftliche Verhältnisse analysierte, beeinflusst; gest. in
Vancouver. Ziel dieser Richtung ist ein Leben ohne Fassade. Klienten sollen
durch Entwicklung und Verfeinerung der awareness (Bewusstheit) Eigenverantwortung übernehmen und nicht andere für ihre Schwierigkeiten
verantwortlich machen. Sie müssen ihre
eigene Wahrheit über die (sich verändernde) Welt entdecken und nach ihren und
nicht nach fremden Bedürfnissen leben lernen. (Eine
Bezugnahme auf die Gestaltpsychologie,
s. o., besteht
nicht, wiewohl Analogien existieren.) Mittelpunkt einer Gruppensitzung, die mit personenzentrierter Arbeit
abwechselt, ist das auf dem „heißen Stuhl“ sitzende Gruppenmitglied und seine
Probleme. Im Hier und Jetzt, dem einzigen Ort, an dem Veränderung stattfinden
könne, soll die Anklammerung an die Vergangenheit überwunden werden (ihr nicht
mehr die Schuld an den Problemen zugeschoben werden), an ihre Stelle trete mit
der Zeit die angestrebte Verantwortlichkeit.
Mit z. T. künstlerischen Mitteln (Zeichnen, Theater etc.) wird versucht, die
hervortretende und nach Vervollständigung suchende Gestalt zu schließen (also die Wahrnehmungen zu sinnvollen Einheiten zu
integrieren). Die geschlossene Gestalt tritt wieder in den Hintergrund, Blockaden werden
dadurch gelöst (Prinzip der Ganzheitlichkeit). Der Therapeut lässt den Klienten die
vermiedenen und verleugneten Teile seiner selbst spielen, um sie in der Folge zu
reintegrieren.
* Körpertherapie (Bioenergetik):
Eine Vorläuferin war die
Orgontherapie von Reich (s. o.). Die Bioenergetik (entwickelt von Alexander
Lowen, 1910-2008, in New York;
ursprünglich Rechtsanwalt, dann Mitarbeiter Reichs)
beruht auf dem Gedanken, dass der Körper Ausdruck seelischer Zustände ist. Im
Verlauf der Lebensgeschichte entwickeln sich (können sich entwickeln)
5
Charakterstrukturen:
Aufgabe der Therapie ist es nun, durch Übertreiben der Körperhaltung bis zur
Karikatur den Muskelpanzer zu lockern bzw. Verspannungen durch körperliches
Agieren zu lösen.
Andere Körpertherapien stellen das Atmen in den Mittelpunkt (Atemtherapie;
soll die bewusste Körperwahrnehmung fördern oder eine leib-seelische Entwicklung
von innen nach außen befördern, um das zu werden, was man sein soll, wie dies
die Atemarbeit von Cornelis Veening,
1895-1976, im Anschluss an Jung -
s. o. - zu erreichen versucht) oder
fordern einfach ein Umklammern des Klienten (Holdingtherapie vom
Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Nicolaas Tinbergen, 1907-1988,
wurde bei autistischen Kindern angewendet). Die Urschreitherapie von Arthur Janov
(1924-2017), die auf seiner Primärtheorie beruht, wonach entwicklungsstörende
frühkindliche Urschmerzen (primal pains) ins Bewusstsein gebracht
werden müssen, soll Spannungslösung bewirken.
* Familientherapie: geht von der Annahme aus, dass nicht nur die
Symptomträger pathologisch sind, sondern auch das System, in dem sie leben, krank ist und behandelt werden
muss. Das Konzept der
1950 von Nathan Ackerman
(1908-1971) und Murray Bowen
(1913-1990) entwickelten systemischen Familientherapie
(sie wird
manchmal mit NLP unter Systemische Therapieorientierung zu einer
vierten Richtung zusammengefasst), sieht daher vor, die Kommunikations- und Interaktionsstile
innerhalb des nahen Umfelds (v. a. der Familie) zu untersuchen. Dahinter steht die Idee, dass eine Störung nicht ohne den
sozialen Kontext, in dem sie entstanden ist, verstanden und in weiterer Folge
bewältigt werden kann. Auch transgenerationelle Auswirkungen müssen
berücksichtigt werden. (Kinder traumatisierter Eltern -
vgl. a. o. -
übernehmen z. B. in einer Parentifizierung manchmal die Elternrolle.)
Man unterscheidet:
Therapieverlauf: Vgl. Seite der DGSF,
folgende Arbeitsblätter
und ÖAS-Seite. Zu Satirs
Conjoint-Therapie
s. u. Zur Paartherapie (als
Sonderfall der Familientherapie) vgl. auch
Eheberatung nach Loriot
(eig. Bernhard-Viktor
„Vicco“
Christoph-Carl
von Bülow, 1923-2011:
„Kommunikationsgestörte interessieren mich am allermeisten. Alles, was ich als
komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem
Aneinander-Vorbeireden.“ - S. a. o.) * Gruppentherapie:
Weniger eine bestimmte inhaltliche Richtung, sondern eher eine Organisationsform, die
von mehreren Schulen aufgrund ihrer Vorteile (billiger, interaktiver, Mitsprachemöglichkeit,
auch gegenseitige positive Beeinflussung) adoptiert wird. * Konstruktivismus:
Diese Richtung
sieht psychische Schwierigkeiten darin begründet, dass jeder Mensch in einer
anderen, von ihm „konstruierten“, Wirklichkeit lebt. Die Kommunikation mit
anderen kann dadurch gestört sein. Eine besondere Rolle kommt den
Erwartungseffekten (self fulfilling prophecies,
s. o.) zu:
Voraussagen (gerade im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation) treten nur
deshalb ein, weil sie gemacht wurden (analog dem sagenhaften Vorbild des König
Οἰδίπους / Ödipus, der niemals seinen Vater ermordet
bzw. mit seiner Mutter Kinder gezeugt hätte, wenn dies seinen Eltern nicht
vorausgesagt worden wäre und sie es deshalb dadurch zu verhindern versucht hätten,
dass sie ihn als Baby aussetzten, sodass er sie später nicht als seine Eltern
identifizieren konnte und so unschuldig schuldig wurde). Das bedeutet: 1955 veröffentlichte George Alexander
Kelly, 1905-1967, Die
Psychologie der
persönlichen Konstrukte. Nach seiner Personal Construct Theory formen kognitive
Prozesse ein individuelles Weltbild, das umso eher selbstverstärkend
gefestigt wird, je mehr die erlebte Wirklichkeit dem Bild der persönlichen
„Brille“ entspricht. Als wichtigste Vertreter der in der Folge entstandenen, dem systemischen Ansatz verpflichteten
Richtung des Konstruktivismus gelten der Ethnologe
Gregory
Bateson (1904-1980), Don
D. Jackson (1920-1968), John
H. Weakland
(1919-1995) und Paul Watzlawick (geb. 1921 in Villach;
Studium der Philosophie und Sprachen bis 1949; Analytikerausbildung bis 1954;
Professor für Psychotherapie in El Salvador 1957-1960; ab 1960 mit einigen der
obgenannten und Janet H. Beavin, 1940-2022,
Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto, Kalifornien;
ab 1967 auch an der Stanford University, Abteilung Psychiatrie;
Buchveröffentlichungen: Menschliche Kommunikation, Lösungen, Die
Möglichkeit des Andersseins, Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, Anleitung
zum Unglücklichsein, Gebrauchsanweisung für Amerika u. a. - sie
wurden zum Teil sehr populär; gestorben 2007 in Palo Alto). Watzlawick
und andere stellten
die
Fünf pragmatischen Axiome der Kommunikation auf. (Dazu
s.
o.; vgl. a. die Paul Watzlawick Website,
Video-Vortrag 1 Wenn die Lösung das Problem ist,
Vortrag 2 Wie
wirklich ist die Wirklichkeit? und
Paul Watzlawick Ehrenring.) Die auf Grundlage der
Fünf pragmatische Axiome der Kommunikation (s.
o.) entstehenden Probleme sollen auf Basis der
Werte Toleranz, Fairness und Vertrauen auf folgende Weise bearbeitet werden: Besonderes Augenmerk richtet der
Konstruktivismus auf die durch unterschiedliche Wirklichkeitsauffassungen
bedingten dysfunktionalen Kommunikationsverhältnisse, da auf diese auch
manche psychischen Erkrankungen zurückgeführt werden können. Folgendes
Phänomen - das man wie die self fulfilling prophecy (s. o.)
unbewusst zum eigenen Nachteil letztlich selbst erzeugt - wurde, v. a. in Schizophrenie und Familie von Bateson,
dem Ehemann von M. Mead
(1901-1978), für den „Ethos“ der soziale Stil einer Gesellschaft ist, untersucht.
Double-Bind (Beziehungsfalle): Dieses System beschreibt die Wirkungen von Paradoxien
(= logisch unvereinbaren, in sich widersprüchlichen Inhalten nach dem Modell: „Alle Kreter
lügen“, sagte ein Kreter) in dysfunktionalen
Kommunikations- bzw. Interaktionsmustern, die das Potential zu Traumatisierung
und Selbstwertverwirrung haben. Der/die Angesprochene kann
sich dabei nur falsch verhalten, da zwei entgegengesetzte Verbindlichkeiten
(binds) auf einmal verspürt werden und man sich daher in einer ausweglosen Situation
(Verhaltensparadoxie) befindet. Dies kann in einer familienkommunikativen Zirkularität auch dazu
führen, dass die Antwort wieder Doppelbotschaften enthält. (Schon in Vorstudien
zum oben erwähnten Buch wurde der Begriff „Double
bind“ von Bateson
1956 nicht nur
geprägt, sondern auch zu einer Schizophrenietheorie -
s. o. - weiterentwickelt.) Für psychiatrisch relevante
Double-Bind-Situationen gibt es
3 Voraussetzungen: In dieses System kann sich der Therapeut
wissentlich miteinbeziehen, indem er z. B. einem Klienten, der nicht nein sagen
kann, die Symptomvorschreibung erteilt, nein
sagen zu müssen. Befolgt dieser die Anweisung nicht, hat er zum Therapeuten nein
gesagt, ansonsten ist die Vorschreibung erst recht geglückt. Diese Technik wird Paradoxe Intervention genannt und
bewirkt, dass die an sich unwillkürlich auftretenden Schwierigkeiten bewusst
vollzogen werden können, z. B. wird dem Schlafgestörten Schlafentzug verordnet.
(In Ergänzung dazu
vgl. o. Paradoxe Intention)
Gefangenendilemma: Der Konstruktivismus versteht sich als
systemorientiert. Nicht die historische Frage: „Warum besteht, woher kommt eine
Neurose?“ sondern die systematische: „Wie funktioniert das krankmachende System (bzw. Kommunikation überhaupt),
das die Neurose am Leben hält?“ steht im Mittelpunkt. Im Rückgriff auf die
Spieltheorie (s. u.)
wird als Sinnbild für konstruktivistische Erkenntnisse
das in vielen Variationen spielbare Prisenor's Dilemma
(s. z. B.
hier; Spielmöglichkeit unter diesem
Link) verwendet.
Ex.: Zwei Gruppen (oder Einzelpersonen) treten
- zum Beispiel auf Grundlage des unten stehenden Schemas - gegeneinander an.
Sowohl A (waagrecht) wie auch B (senkrecht) wählen ohne Absprachemöglichkeit (in
einer Spielvariante, die die Vertrauensbasis womöglich noch nachhaltiger zu
erschüttern imstande ist, ev. auch mit) eine der beiden Spalten. Die Anzahl der gewonnen
Punkte (A blau, B rot) hängt von der gleichzeitig erfolgenden Wahl
der jeweils anderen Partei ab (analog der bekannten Geschichte von den beiden
Gefangenen, die, je nachdem, wie sie selbst und der jeweils andere die
Richterfrage: „Schuldig: ja oder nein?“ beantwortet haben, frei gehen / befristet
ins Gefängnis müssen / lebenslänglich eingesperrt werden oder geköpft werden). Gespielt werden einige (oder
auch nur eine oder sehr viele) Runden, solange, bis der Spielleiter unvorhergesehenerweise
abbricht. (Man möge sich vorstellen, dass jeder Pluspunkt auszuzahlende 1000 €,
jeder Minuspunkt in die Bank, die durch den Spielleiter vertreten wird,
einzuzahlende 1000 € bedeuten.) Mögliches
A
a1
+5
+8
a2
-5
-3 Abb. 4/19: Graphik
-
Gefangenendilemma
Das Spiel ist (wie das Leben) kein Nullsummen-Spiel (also keines, bei dem der Verlust der
Partei A - wie z. B. im Fußball - automatisch denselben Gewinn für Partei
B bedeutet), sondern ein Common Goods Game (Spiel gemeinschaftlicher
Investitionen) und steht u. a. metaphorisch für die Spannung zwischen
Gemeinwohl und Eigennutz. Es zeigt die Tatsache auf, dass es in
menschlichen Beziehungen unmöglich ist, auf Kosten des/der jeweiligen anderen zu
gewinnen. Oft fühlen sich Probanden als Sieger, wenn sie am Ende des Spiels weniger Minus auf dem
„Konto“ haben als
die andere Partei (so, als ob es bei 50 000 € Schulden ein Trost wäre, dass
andere 100 000 € Schulden haben). Selbst im Fall eines Kontoplus
zeigt die nachträgliche Analyse meist, dass noch viel mehr Geld hätte
lukriert werden können, wenn man andere Entscheidungen getroffen hätte.
Wie sich durch das Spiel sinnbildlich erweist, sind Elemente jeder menschlichen
Kommunikation das Aufeinanderangewiesensein, die Notwendigkeit zu vertrauen
und die Tatsache, dass eine „logische“ Lösungsfindung, die nach dem
Maximum strebt, mit einem optimalen
Ergebnis inkompatibel ist. Ein kurzfristiger Maximalgewinn (8) würde langfristig
- auch die Gegenpartei würde wohl irgendwann die zweite Spalte wählen, was
beiderseits zu minus 3 führen würde - rasch
wieder verschwinden.
Das Gefangenendilemma wurde im Bereich der
Wirtschaftswissenschaften populär, da es altruistische Kooperation versus
egoistische Gewinnmaximierung zum Thema macht.
Jede weitere Runde wird - in welcher Weise auch immer - von der vorangegangenen
beeinflusst. In einer vor vielen Jahren international am Computer durchgeführten (iterierten) Spielserie
gewann der ehemalige IHS-Direktor Anatol
Rapoport, 1911-2007, mit einer
simplen Tit for tat-Strategie („Wie du mir, so ich dir“;
Reziprozitätsnorm): Das
von ihm verfasste Programm spielte immer auf Vertrauen, also Spalte 1. Nur wenn
der Gegner Spalte 2 gewählt hatte, wählte auch das Programm genau einmal Spalte 2.
Diese Gefangenendilemmastrategie steht modellhaft für eine klare, freundliche
Interaktionsweise, die aber - nicht nachtragend - Vergeltung übt, sobald sie
provoziert wird. (Nach Rapoport
können soziale Interessenskonflikte durch fight - gewalttätige
Auseinandersetzung, game - geregelte Auseinandersetzung oder debate
- Überzeugungsversuche geregelt werden. Zu Konflikten
s. a. u.) * NLP (Neuro-Linguistisches
Programmieren): NLP (z. B. von Bateson
propagiert; wird manchmal mit der Familientherapie unter Systemische
Therapieorientierung zu einer vierten Richtung zusammengefasst) definiert
sich als die Wissenschaft von den Strukturen subjektiver
Erfahrungen. Werden Sinneseindrücke zu individuellen Wahrnehmungen verdichtet,
entstehen personspezifische interne Repräsentationen, die visuell,
auditiv, kinästhetisch, gustatorisch und/oder olfaktorisch orientiert sein
können. NLP will Verfahrensweisen zur Verbesserung (und eventuell zur
Manipulation oder Steuerung) der Kommunikation mit sich selbst und mit anderen
Menschen zur Verfügung stellen. Manchmal wird dies als „Pseudowissenschaft“, „New Age-Psychotherapie“, Geschäftemacherei und Manipulationsinstrument
kritisiert.
Unabhängig von jeder Schule (mit Ausnahme der
auf Psychopharmaka setzenden biologischen Therapieformen) scheint als „Common
factor“ (allgemeiner Wirkfaktor, zum ersten Mal von Saul
Rosenzweig,
1907-2004, vermutet und nach
Alice im Wunderland von Lewis
Caroll,
1832-1898,
Dodo-Bird-Verdict - alle können
gewinnen - genannt), der mit 30-70% beziffert wird, vor allem
die therapeutische Allianz
(beschreibt das Bindungs- und Vertrauensverhältnis zum Therapeuten, der Glaube
des Patienten an Hilfe und das Erleben von Empathie) durch beidseitige
Ausschüttung von Oxytocin in Verbindung mit
der Veränderungsbereitschaft der Klient/innen heilsam zu wirken. Therapie, letztlich ein Lernprozess, ist umso wirksamer, je
besser dieses „Arbeitsbündnis“ (Gerhard Roth,
s. o.)
funktioniert, je früher sie beginnt, je leichter die Störung ist und je später
diese eingesetzt hat.

°
Gerechtigkeitsprinzip:
Hilfe sollte nach dem Motto „Alle
Menschen müssen gleich behandelt werden“
bekommen, wer sie am dringendsten benötigt (und nicht, wer - bei womöglich
begrenzten Ressourcen - mehr Geld oder Einfluss geltend machen kann, um eine
Vorreihung zu bewirken.)
°
Selbstbestimmungsprinzip:
Hilfe sollte bekommen, wer ihr informiert zustimmt und das Recht auf
Ablehnung, Abbruch oder Änderung der Therapie nicht in Anspruch nimmt. (Da
dieses Prinzip geistige Autonomie voraussetzt, ist seine Anwendung bei
psychisch Erkrankten manchmal problematisch.)
°
Primum non nocere-Prinzip: Nach dem hippokratischen Eid soll jede
Therapie zunächst einmal keinen Schaden anrichten (μὴ
βλάπτειν), dann Vorsicht walten
lassen und erst drittens heilen. (Primum non nocere, secundum
cavere, tertium sanare)
°
Fürsorgeprinzip:
Unter Berücksichtigung aller (individueller) Umstände soll die jeweils
bestmögliche Behandlung ausgewählt werden. (Dieses Prinzip steht in
gegensätzlichem bzw. ergänzenden Zusammenhang zu primum non nocere.)
°
chronische, emotionale Erschöpfung, die auch nach einigen Tagen Erholung
nicht schwindet,
°
Depersonalisierung, die sich oft in Zynismus und Widerwillen
gegenüber der Arbeit oder Kollegen und Vorgesetzten äußert,
°
mangelnde Leistungszufriedenheit (geringe Effizienz trotz hohem
Arbeitseinsatz).

°
Beziehung aufbauen
°
Erfassen der Situation
°
Linderung von Symptomen
°
Leute einbeziehen, die unterstützen können
°
Ansätze zur Problembewältigung in konkreten Schritten entwickeln
Darunter werden alle Methoden
verstanden, die auf einem Menschenbild basieren, das davon ausgeht, dass sich
die aus der Triebenergie gespeisten innerseelischen Kräfte auf verschiedene
Weise als Reaktion auf äußere und innere Erlebnisse und Reize prozesshaft
(dynamisch) verändern können. Gemäß dieser Annahme existiere ein - nach Freud
alogischer, widersprüchlicher und zeitloser - unbewusster Bereich, der unser
Erleben und Verhalten bestimme. Der Mensch unterliege unbewussten
Determinationen. (Der Begriff „Psychodynamik“ entstand analog dem knapp davor
geprägten und ebenfalls auf Energie bezogenen Begriff „Thermodynamik“.)

Einleitung „3 Kränkungen“ (s. o.; Erzähler) / AKH 1885 (Theodor Meynert,
1833-1892, Freud) / Zukunftspläne (Freud,
Mutter Amalia
Freud, 1835-1930) / Bahnhof, Abfahrt nach Paris (Freud,
Mutter, Vater Jacob
Freud,
1815-1896, Verlobte Martha Bernay,
1861-1951) / Versuche in Paris (Charcot,
Freud als Hörer) / Hochzeit (Freud;
Martha, Familie) / Erster Vortrag vor der Wiener Ärzteschaft (Freud,
Meynert, Breuer
u. a.) / Bei Koertners (Freud,
Breuer, Cäcilie und ihre
Mutter) / Verabredung einer Zusammenarbeit (Freud,
Breuer) / Arbeit am Fall (Freud,
Patient) / Arbeit am Fall (Freud,
Cäcilie) / Reflexionen über Neurosen auf einem Spaziergang (Freud)
/ Arbeit am Fall (Freud,
Patient von Schlosser) / Erste Traumsequenz (Freud
u. a. in einer Höhle) / Erwachen aus dem Traum (Freud,
Martha) / Vor von Schlossers Haus (Freud,
Portier) / Gespräch über den Zusammenhang von Neurose und Sexualität (Freud,
Breuer) / Zwei Versionen über
den Tod von Cäcilies Vater (Freud,
Breuer, Cäcilie) / Besorgte
Gespräche über Freuds Arbeit
(Freud, Martha, zu
Beginn auch
Breuer) / Abschied Breuers
von Cäcilie (Freud, Breuer,
Cäcilie und ihre Mutter) / Scheinschwangerschaft Cäcilies (Freud,
Breuer, Hausarzt, Cäcilie) /
Nachricht vom Schlaganfall von Freuds
Vater (Freud, Martha, dann
Schwester Marie („Mitzi“)
Freud,
1861-1942 (ermordet in Treblinka) / Kollaps auf dem Weg zum Begräbnis des Vaters (Freud)
/ Zweite Traumsequenz (Freud,
„Die Augen werden geschlossen“) / Erwachen aus der Ohnmacht und Gedanken
über das Deuten von Träumen (Freud,
Martha, Breuer) / Nochmals zum
Friedhof (Freud, Breuer)
/ Neurosentheorie während einer Kutschenfahrt (Freud,
Breuer) / Fehlleistungen (Freud,
Cäcilie) / Über Liebe (Freud,
Martha) / Freies Assoziieren (Freud,
Cäcilie, Puppe mit eingestreuter Traumsequenz: Rotenturm-Straße) /
Reflexionen über das Gehörte im Freien (Freud)
/ Couchposition (Freud,
Cäcilie mit Rückblick: Rotenturm-Straße) / Im Freien: Reflexionen über den
Sexualtrieb (Freud) /
Diskussion über die Sexualtheorie (Freud,
Breuer) / Rückblick auf
Cäcilies Kindheit (Freud,
Cäcilie und im Rückblick ihre Eltern) / Im Freien: Reflexionen über das
Gehörte (Freud) / Gespräch
über die Kindheit (Freud,
Mutter) / Vor dem Haus der Koertners: Cäcilie ist weg (Freud,
Portier) / Rotenturm-Straße, Suizidversuch Cäcilies (Freud,
Cäcilie) / Allein daheim (Freud,
mit dritter Traumsequenz: Höhle und Rückblende auf Breslau), dann
Entwicklung der endgültigen Theorie (mit Martha) / Gespräch mit Cäcilies
Mutter (Freud, Frau Koertner)
/ Übertragung Cäcilies Gefühle auf Freud
(das letzte verbliebene Symptom: „Deine Liebe zu mir“; Freud,
Cäcilie, mit Rückblenden) / Zweiter Vortrag Freuds
vor der Wiener Ärzteschaft über die psychosexuellen Phasen löst Empörung aus
(Freud, Breuer
u. a.) / Friedhof, Schlussworte: „Erkenne dich selbst“ / Schlussbild wie
Beginn (Erzähler)


°
Abwehrmechanismen:
s. o.
°
Zugänge zum Unbewussten
(mit Traumdeutung): s. o.
°
Psychische Provinzen: Die Persönlichkeit besteht nach Freud
(1923 in Das Ich und das Es -
s. hier - erstmals zusammenhängend dargestellt)
aus drei Hauptsystemen psychischer Energien, die in dynamischer
Wechselwirkung stehen und das Verhalten des Individuums beeinflussen:
+
Id (Es): alles Ererbte, die
biologische Ausstattung, v. a. die Triebe; älteste Provinz
+
Ego (Ich): unbewusst - bewusstes
Selbst, Vermittler zwischen Es und Über-Ich
+
Super-Ego (Über-Ich): internalisierte
Normen und Ideale; „Aufsichts-Organ“, „Gewissen“; durch Introjektion (das frühere Außen wird zu
einem Innen) entstanden
(= Topisches Persönlichkeitsmodell)
Der Ausdruck „Es“ stammt
von Georg Groddeck,
1866-1934, bekannt für seinen Wahlspruch „Natura sanat, medicus curat“
und vermutlich Vorbild für Dr. Krokowski im Zauberberg von Thomas
Mann, 1875-1955, Nobelpreis
1929, der Ausdruck „Über-Ich“ von Freud
selbst.)
Im Zusammenwirken dieser
drei Instanzen, von denen zwei Einflüsse der Vergangenheit
repräsentieren (das Es - es handelt nach dem Lustprinzip - solche der Phylogenese, das
Über-Ich - es handelt nach Sollens- oder Moralitätsprinzipien - solche der Ontogenese), eine durch das gerade Seiende bestimmt wird
(das Ich - es handelt nach dem Realitätsprinzip und hat nach Freud
die „Stellung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion nichts
Gesetz werden kann, der es sich aber sehr überlegt, ehe er gegen einen
Vorschlag des Parlaments sein Veto einlegt“), entsteht das Seelenleben des
Menschen.
Psychische Krankheiten
entstehen nach Freud
dadurch, dass die Ansprüche des Es durch das Über-Ich zurückgedrängt werden
und daher nicht ausgelebt werden können. Sie wirken aber aus dem Unbewussten
weiter und können Neurosen bewirken. „Das Wesen der Neurose ist, dass das Ich (die Persönlichkeit) nicht
imstande ist, die Forderungen des Über-Ich (des Gewissens) und die
Triebkräfte (Es) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.“ (Freud)
(= Dynamisches
Persönlichkeitsmodell)
(Zum Ökonomischen Persönlichkeitsmodell
s. o.)
°
Trieblehre: Triebe sind für die Psychoanalyse Quellen, aus denen die
Seele mit Energie versorgt wird. Hinter den Bedürfnisspannungen stünden laut
Freud zwei Grundtriebe, die
aber oft gleichzeitig vorhanden seien, sodass eine Störung des
Gleichgewichts zu psychischen Erkrankungen führen könne:
+ Eros (Lebenstrieb, dessen
konstruktive Energie Libido genannt wird; strebt nach Vereinigung)
+
Thanatos (Todes-,
Destruktionstrieb; wirkt gegenläufig; strebt nach Auflösung der Einheit)
°
Entwicklung des Trieblebens:
Freud
unterscheidet fünf Phasen, die sich auf die jeweils erogenen Zonen (Lust
spendende
Areale) beziehen. Sexualität (ungleich genitale Lust) wird dabei als etwas
von der Geburt an Vorhandenes und sich Entwickelndes gesehen. Die
„ordnungsgemäße“ Absolvierung (keine zu exzessive Befriedigung, keine
Frustration) der Phasen garantiere eine normale Weiterentwicklung.
Andernfalls trete Fixierung ein, die die Interaktion zwischen Kind und Umwelt behindere. In Freuds
Sexualtherorie werden Perversionen und Neurosen als Fehler der
Triebentwicklung interpretiert.
Die
psychosexuellen Phasen
nach
Freud
im einzelnen:
+
Oralphase: Der Mundbereich
(Saugen etc.) stehe im Mittelpunkt der Bedürfnisbefriedigung (ca. 0;0 bis
1;0). Bei Fixierung entstünden Abhängigkeit, Passivität, orale Neigungen, z. B.
Rauchen, Schwatzen, Essen, das bis zur Adipositas (Fettleibigkeit) führen
kann (nach Definition der WHO ein Wert von 30+, wenn bei Ermittlung des
Body Mass Index das Körpergewicht in kg durch das Quadrat der
Körpergröße in m dividiert wird; ab 25 = Übergewicht;
vgl. o. Essstörungen).
+
Analphase:
Lustgefühle entstünden (in einer Art erstem Empfinden von Selbstwirksamkeit) durch Ausscheiden und Zurückhalten der Exkremente (ca. 1;0 bis
3;0). Die Folgen von Fixierung seien Pedanterie, Geiz, Tyrannei. Eine
verklemmte (gehemmte) Erziehung zur
Sauberkeit bewirke oft Regressionen.
+
Phallische Phase: In diesem Abschnitt entdecke das Kind
seine
primären Geschlechtsorgane als Lustspender (ca. 3;0 bis 6;0); nachfolgend
gewinne der Geschlechterunterschied an Bedeutung. Knaben litten
am Kastrationskomplex, Mädchen am Penisneid. (Diese
Begriffe erklären sich tw. durch die schwarzpädagogischen
Erziehungsmethoden der Freud-Zeit.) In dieser Phase
trete der
Ödipus- bzw.
Elektrakomplex auf (das Kind fühle sich zum andersgeschlechtlichen Elternteil
hingezogen und betrachte den gleichgeschlechtlichen als Konkurrenz; vgl. Inzestmotiv in der Dichtung). Phasenfehler führten zu
Minderwertigkeitskomplexen, Geltungssucht oder Unsicherheit.
+
Latenzphase:
Libidinöse
Triebansprüche würden in den Hintergrund treten (ca. 6;0 bis 12/14;0).
+
Genitalphase:
Ab der Pubertät
entwickele sich die Erwachsenensexualität. Dem Genitalprimat müssten die bisherigen Partialtriebe
früherer Phasen untergeordnet werden, sie würden in ein übergeordnetes
Handlungsmuster integriert.
Abb. 4/15:
Alfred
Adler
Vgl. alfredadler.at und Österreichischer
Verein für Individualpsychologie
°
Grundideen: In der frühen Kindheit würden
Leitlinien (eine Art von
Schablonen) erworben, die ein Persönlichkeitsideal bildeten, das durch den
Charakter (die dynamisch veränderbaren psychischen Bereitschaften) verwirklicht
werde. Dabei spiele die Stellung innerhalb der Geschwisterreihe eine Rolle.
Der Mensch strebe aus seiner frühkindlichen Hilflosigkeit nach
Unabhängigkeit, um seine Lebensaufgaben erfüllen zu können.
Im Zentrum der Lehre Adlers
steht der Minderwertigkeitskomplex (z. B. aufgrund einer empfundenen
oder tatsächlichen Organminderwertigkeit). Er bedinge einen falschen Lebensplan, wenn ein geglückter Lebensplan aufgrund von fehlendem oder
mangelndem Selbstwertgefühl nicht zustandekomme. Aus diesem würden sich kompensatorischer Geltungsdrang bzw. als
Selbstschutz angenommene starre Charakterzüge ergeben, was sich in Arrangements (dies
seien
„fiktive Leitlinien“) kundgebe. V. a. der Machttrieb (vgl. Friedrich Nietzsche,
1844-1900, „Wille zur Macht“), symbolisiert durch den Turmbau zu Babel,
steuere den Menschen. Bleibe er erfolglos, komme es zur Frustration, wobei
die Frustrationstoleranz (das Ausmaß an Frustrationsverträglichkeit;
s. o.)
unterschiedlich sei. Würden die Flucht vor den Lebensaufgaben (= Arbeit,
Liebe, Gemeinschaft) und das Ausmaß der Lebenslüge zu deutlich, komme es zu
Neurosen.
°
Therapie:
Abhilfe schaffe nach Adler
eine Psychotherapie, die sich nicht nur als
Deutung, sondern als Neu- und Umerziehung des ganzen Menschen verstehe (vgl.
Motto von Georg Wilhelm
Friedrich
Hegel,
1770-1831: „Das Wahre
ist das Ganze“). Gefragt wird nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wozu
(finale oder teleologische Betrachtungsweise, z. B.: „Zweck des Vergessens
ist das Ausweichen vor Unangenehmem“; nicht: „Ursache des Vergessens sind
frühkindliche Traumen“). Ziel der Therapie sei das Finden der
Lebensleitlinien und die Rückkehr zu einer „Gemeinschaft ohne Phrasen“.
°
Unterschiede zum Konzept von S. Freud:
+ Betrachtet wird die
Gesamtpersönlichkeit, nicht ein Einzelphänomen.
+ Intuitives Verstehen ersetzt
naturwissenschaftliches Erklären.
+
Falsche Leitbilder übernehmen
die Rolle von Kindheitskomplexen.
+
Der Machttrieb steht im
Mittelpunkt, nicht der Sexualtrieb.
+
Neurosen sind eine Flucht vor
Lebensaufgaben, kein Über-Ich-Es-Konflikt.
+
Ziele, nicht Ursachen von
Neurosen werden untersucht.
+ Psychotherapie interpretiert nicht, sie
erzieht.
Abb. 4/16: Carl
Gustav Jung
°
Grundideen: Das seelische Geschehen, das das
Selbst (die reife
Persönlichkeit in ihrem tiefsten Aspekt) aufbaut und dessen Energie für ihn nicht notwendigerweise sexueller
Natur sein muss, nennt Jung Individuation („Werde, der Du bist!“;
s. o.).
Die Muster im eigenen Unbewussten sollen in bewusste Erkenntnisse übertragen
werden. Oft
seien „Lebenswenden“ (z. B. Zeit der Identitätsfindung in der Jugend / Zeit
der Todesorientiertheit im Alter) beobachtbar, die sich nicht auf einen
bestimmten Zeitpunkt festlegen ließen. Das ein Lebensziel ansteuernde Selbst
- es erscheine als Persona (unser gesellschaftliches Gesicht, die „soziale
Fassade“ - nur Kinder hätten noch
keine -, der gerade aktualisierte Ausschnitt der Individualität, das Bild, das
der Mensch an seine Umwelt weitergebe) - vermittle, je nach
Funktionstyp, mit seinen - jeweils
introvertiert oder extravertiert auftretenden - vier psychischen Grundfunktionen
Denken,
Fühlen, Intuieren und Empfinden zwischen Bewusstem und Unbewusstem.
(Zu Jungs
Bewusstseinsbegriff
s. a. o.)
Das Unbewusste stelle sich
nicht nur als persönliches, sondern auch als Kollektives Unbewusstes
dar, als eine Art Weltseele, durch die alle Menschen „unterirdisch“
miteinander verwoben seien wie
Fruchtkörper durch ein Mycel. Dieses enthalte die Archetypen, also die „gewaltige geistige Erbmasse der
Menschheitsentwicklung“, zeitlose Inhalte, die allen Menschen aller Kulturen
gemeinsam seien (z. B. „der
alte Weise“),
die Grundwahrheiten menschlicher Erfahrung symbolisierten und sich in
allen Kulturen in Mythen
und Märchen oder der Kunst äußern würden (z. B. im Mandala, einer
geschlossenen Figur mit einem Zentrum, als Archetyp des Selbst).
Jung
war einer der ersten, der die Bedeutung von Märchen erfasst hat. (Vgl. für später das 1976
erschienene Buch The Uses of Enchantment
/ Kinder brauchen Märchen
von Bruno
Bettelheim,
1903-Suizid 1990, in dem dieser auf die angebotenen Lösungen in scheinbar
unausweichlichen Situationen und die Darstellung des Unterschieds zwischen
Lustprinzip und Verantwortungsprinzip hinweist.)
Wichtige
Seelenanteile seien die Schatten (die finsteren, zerstörerischen Teile
des Selbst, z. T. uneingestandene unvorteilhafte
Eigenschaften, die sich oft in kollektiven Projektionen, wie z. B.
Fremdenhass in Kriegen, entladen würden) und als weitere zentrale Archetypen
Ego
(Zentrum des Bewusstseins), Anima (das
Bild der Frau im Mann) und Animus (das Bild des Mannes in der Frau). Das
innere, meist unbewusste Vorstellungsbild einer
bestimmten, realen Person (z. B. eines Elternteils), das auch spätere Beziehungen entscheidend mitprägen könne, wird als
Imago bezeichnet.
Jung hat
auch den Begriff des Komplexes entwickelt (verstanden als affektgeladener
Vorstellungsinhalt, der im Erlebnisablauf eine überwertige Stellung
einnimmt, ev. verdrängt wird und aus dem Unbewussten nachwirkt; werde er
berührt, löse dies starke Gefühle aus). Jungs
Konzept wird deshalb auch Komplexe Psychologie genannt. (Zu den
Persönlichkeitsdimensionen
s. u.)
°
Jungs Therapie zielt auf
Ausgleich zwischen Individuum und Sozietät, wobei die bewusste Einstellung
(nicht das Verdrängte) Angriffspunkt einer Änderung wird. („Unbewusstheit ist
die größte Sünde“. - „Bis Sie das Unbewusste bewusst machen, wird es Ihr
Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen“.) Mit Hilfe von analytischen Gesprächen und schöpferischen
Methoden wie dem Deuten von Träumen, der Arbeit mit inneren Bildern (der aktiven Imagination) oder gemalten Bildern soll
patientenorientiert die Neurose, die als mangelnde Selbstentwicklung, bedingt
durch Vernachlässigung einzelner Persönlichkeitsanteile, gesehen wird, erkannt und
ein Zuwachs an Autonomie und kreativen Lebensgestaltungsmöglichkeiten
erreicht werden. Jede Krise ist für Jung
eine Chance für einen Neuanfang. Er vertraut dabei auf die
Selbstheilungskräfte des Unbewussten. Das Therapieziel besteht in einer Amplifikation,
also einer Erweiterung des Bewusstseins, die z. B. durch das Herstellen einer
Beziehung zwischen religiösen und mythischen Symbolen und den
Trauminhalten des Analysanden erzielt werden soll. (Bewusstseinserweiterung
als Lebensziel wurde später von der Hippiegeneration aufgegriffen.) Jung
war der Ansicht, dass „in erster Linie nicht Wissen und Technik, sondern
die Persönlichkeit [erg. „des Therapeuten“] heilend wirkt“ (vgl. o.
„therapeutische Allianz“).
°
Eugen Bleuler (s. o.),
der selbst kein Analytiker war, sich aber im Gegensatz zu seinen
Kollegen mit der damals neuen Theorie von Freud
auseinandergesetzt hat, entwickelte
die originelle Oudenotherapie (auch Udenustherapie; von
griech.
οὐδὲν = nichts), die an die Idee des
Sokrates (s. o.)
gemahnt. Bleulers Ausgangsthese,
dass „wir viel zu wenig wissen“, führte ihn zum Schluss,
dass man häufig einfach gar nichts tun, sondern den Krankheitsverlauf
abwarten und die Natur walten lassen solle.
°
Sandor
Ferenczi (1873-1933):
Ferenczi, Teil der „Budapester
Schule“, war zunächst Schüler, dann Freund Freuds
und ließ sich auch von ihm analysieren. Er beschrieb, seiner Zeit voraus,
Psychotraumatisierungen durch Super-Ego-Intropression (die reale
Schuld eines übergriffigen Täters, der, seine Schuld nicht anerkennend,
ein Introjekt hinterlasse, werde zum Schuldgefühl des Opfers) und - noch
vor der Ausarbeitung dieser Theorien durch
Klein - Objektbeziehungen.
Ferenczi
regte die Gründung der Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung 1910 (s. hier)
an. Seine therapeutischen Neuerungen nach einem Konzept der Nachnährung, die in
Richtung Reparenting gingen (Neubeelterung durch den Therapeuten, die
dort Heilung bringe, wo fehlende mütterliche Zuwendung in der Kindheit
Probleme aufgeworfen habe),
führten dann zu einer starken Entfremdung zu Freud.
(Dessen Biograph und enger Freund Ernest Jones,
1879-1858, der auch die amerikanische und die britische
Psychoanalytische Gesellschaft gründete, Freud bei der Emigration nach London behilflich war
und für den extremen Narzissmus den Ausdruck Gottkomplex geprägt
hat,
hat
dies für die Nachwelt festgehalten.)
°
Otto Rank (eig.
Rosenfeld; 1884-1939;
zunächst Vertrauter, dann Gegner Freuds):
Rank hielt das Geburtstrauma
für den entscheidenden Faktor der psychischen Entwicklung des Menschen und
beeinflusste durch seine Beschäftigung mit Kunst die Gestalttherapie (s. u.).
Der wechselseitige Austausch mit seiner zeitweiligen Geliebten, der
US-Schriftstellerin Anaïs Nin
(1903-1977), die ihn als „Kronprinzen Freuds“
bezeichnete, schlägt sich in deren Tagebüchern nieder.
°
Karen
Horney
(1885 Hamburg - 1952 New York): Sie - „die sanfte Rebellin der
Psychoanalyse“ - betont die Selbstanalyse und spricht vom Ich auf der Suche
nach Sicherheit. Es sei gerichtet „auf etwas hin, gegen etwas oder von etwas
fort“ (Hinwendung: aggressives Tun - „I am bigger than the world“,
Zuwendung: gefügige Anpassung - „I must adjust to the world“ oder
Abwendung: entziehender Rückzug- „I am smaller than the world“). Zwischen Normalität und Neurose besteht für sie (inspiriert von der mit ihr befreundeten
Ethnologin M. Mead,
s. o.) nur ein gradueller, kein substantieller
Unterschied. Horney
weist auf die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung bei der Entstehung von
Neurosen unter dem Einfluss einer bei Störungen dieser Beziehung
auftretenden Grundangst hin. „Toxische
soziale Umwelten“, die sich in
gesellschaftlichen, fremdbestimmten Forderungen an ein ideales Selbst
realisierten, würden
die authentischen Wünsche des realen Selbst konterkarieren und zu einer
Tyrannei des „Du sollst!“ führen. Horney
kritisiert Freud für sein Konzept des Penis-Neids und
stellt ihm den Gebär-Neid gegenüber. Ihre frauenbezogenen Artikel wurden 1967 unter dem Titel
Feminine Psychology
herausgebracht. - Vgl. Seite des
Karen Horney-Instituts
°
Melanie
Klein geb.
Reizes (1882-1960;
s. a. o.): wuchs in Wien
auf und gilt als zentrale Gründungsfigur psychoanalytischer Objektbeziehungstheorien. Sie analysierte nach Lehranalysen in Budapest
bei Ferenczi
und in Berlin bei Karl Abraham
(1877-1925) auch ihre eigenen Kinder. Auf Einladung von
Jones
übersiedelte sie schon 1926 nach London. Klein
sieht in ihrem Hauptwerk Über das Seelenleben des Kleinkindes
präödipale Objektbeziehungen als zentral für die weitere psychische Entwicklung an. Im
Unterschied zu (und in Auseinandersetzung - den sogenannten Controversial
Discussions - mit) Anna
Freud propagierte Klein die
Behandlung auch von Unter-6-Jährigen mittels einer von ihr entwickelten Spieltherapie.
°
Anna
Freud (1895-1982; 6. und
letztes Kind von Sigmund Freud,
dessen enge Mitarbeiterin sie bis zu seinem Tod war und der sie auch
analysierte; danach war Dorothy
Burlingham-Tiffany,
1891-1979, ihre wichtigste Partnerin): Verfasserin des Standardwerks
Das Ich und die Abwehrmechanismen, in
dem sie z. B. die Begriffe „Verdrängung“ und „Sublimierung“ (s. o.)
populär machte und die Anpassungsfähigkeit des Ich als Basis einer gesunden
Entwicklung „von der infantilen Abhängigkeit zum erwachsenen Liebesleben“
ansah. Anna Freud
analysierte u. a. Marilyn Monroe
bzw. Norma Jeane
Mortenson bzw. N. J. Baker
(1926-1962), wurde aber v. a. als Begründerin und Pionierin der
Kinderanalyse (Zur Einführung
in die Technik der Kinderanalyse) bekannt. Sie
vertrat in einer Kontroverse mit Melanie
Klein die Ansicht, dass
Kinder vor dem 6. Lebensjahr nicht analysiert werden können. Danach
könne eingegriffen werden: „In der
infantilen Neurose, wo die Abwehr aus Realangst erfolgt war, hat die
analytische Therapie sehr gute Aussicht auf Erfolg. Am einfachsten und
unanalytischsten ist der Versuch des Analytikers, nach Rückgängigmachen des
Abwehrvorgangs im Kind selbst, die Realität, nämlich die Erzieher des
Kindes, so zu beeinflussen, dass weniger Realangst vorhanden ist.“
°
Wilhelm Reich
(1897-1957):
Nach dem Studium in Wien war er in Wien (er war Mitglied von Freuds
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung) und Berlin als Sexualaufklärer
tätig. Ab 1933 musste er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln und eines
Hetzartikels gegen ihn im Völkischen Beobachter ins Exil (durch mehrere Stationen
über Skandinavien nach Amerika). Reich forderte eine
Aufhebung der Charakterpanzerung z. T. mit ungewöhnlichen Methoden (z. B.
Vegetotherapie
gegen Muskelverhärtungen, Elektrodenmessungen, die Lust- und Angstgefühle
objektivieren sollten und im norwegischen Exil auch an Willy
Brandt, eig. Herbert
Ernst Karl
Frahm, 1913-1992, durchgeführt
wurden, Anwendung von Orgonakkumulatoren, die auch von Albert
Einstein,
1879-1955, inspiziert wurde; Orgon
steht
für Lebensenergie). Seine Methoden brachten
ihm nach einer Betrugsklage einen Aufenthalt im Gefängnis von Lewisburg in
Pennsylvania ein (in dem auch Alphonse
Gabriel „Al“
Capone, 1899-1947, kurzfristig
einsaß), wo er früh verstarb. Reich war mit Neill (s. o.) befreundet. Bekannt ist heute v. a. sein Buch
Massenpsychologie des
Faschismus (1933), in dem er die pathologische Sehnsucht des unpolitischen
Menschen nach Autorität, Beherrschtwerden, Mystik und Ausleben von
legitimierter Aggressivität beschrieb.
S. a. u. „Körpertherapie“
und vgl. Seiten der
W. Reich-Gesellschaft
und des Reich-Instituts
bzw. über Wilhelm
Reich selbst.
°
Erich Fromm
(1900-1980; Promotion in Heidelberg; Lehranalyse in Berlin; Mitglied der
„Frankfurter Schule“; Emigration in die USA; Professur in Mexiko; Lebensende
in Locarno; 4 Jahre verheiratet mit der 10 Jahre älteren Analytikerin Frieda
Reichmann, 1889-1957). Fromm
gilt als Pionier der Politischen Psychologie (der Begriff wurde 1860
von Adolf Bastian,
1826-1905, geprägt) und eines „dialektischen Humanismus“.
Er nannte
5
Grundbedürfnisse der Psyche:
+ nach
Bezogenheit (Verantwortung für Mitmenschen)
+
nach
Transzendenz (Überschreitung der Physiologie)
+ nach
Verwurzelung (Gefühl, benötigt zu werden)
+ nach
Identität
(Einzigartigkeit)
+ nach einem
(Sicherheit gebenden) Orientierungsrahmen
Angst und
Hoffnungslosigkeit entstünden, wenn man ein geglücktes Leben außen statt
innen zu finden glaube. Ein Schlüsselproblem sei das der Beziehung
(zu anderen Menschen, zur Welt). Durch Furcht vor der
Freiheit (Buchtitel 1941) entstehe freiwilliger Freiheitsverzicht verbunden
mit einer Tendenz zum
Konformismus (durch die Tendenz, Verantwortung zu delegieren), zur
Destruktion oder eine Flucht ins Autoritäre. (Im Vorwort formuliert Fromm:
„Die These des Buches lautet, dass der moderne Mensch, nachdem er sich
von den Fesseln der vorindividualistischen Gesellschaft befreite, die ihm
gleichzeitig Sicherheit gab und ihm Grenzen setzte, sich noch nicht die
Freiheit – verstanden als positive Verwirklichung seines individuellen
Selbst – errungen hat.“) Die Gefahr
der Freiheit und ihrer zwei Aspekte (Freiheit wovon? Freiheit wozu?) sieht Fromm in
der Vereinsamung. Er unterscheidet zwischen autoritärem Gewissen
(bei Verfehlungen gegenüber Forderungen einer Autorität) und humanistischem
Gewissen (bei Verfehlungen sich selbst gegenüber).
Andere Unterscheidungen:
+
Produktive Charakterorientierung
(verantwortlich, liebend, schöpferisch, selbstständig) vs. nicht-produktive
Charakterorientierung (offen oder latent lebensverneinend)
+
Biophiler Menschentyp
(gelungene
Lebensbejahung) vs. nekrophiler Menschentyp (misslungene Lebensbejahung; im
Buch Die Anatomie der menschlichen Destruktivität, 1973)
+
Haben-Modus (Besitz, Materielles steht
im Mittelpunkt) vs. Sein-Modus (was der Mensch ist und was er anderen geben
kann, steht im Mittelpunkt; im Buch Haben oder Sein, 1976, das wohl
vom Diktum des legendenhaften Begründers des Taoismus Lao Tse, auch Laotsi / 老子;
um 600 v. Chr.: „An Haben zu gewinnen heißt
an Sein zu verlieren“ inspiriert wurde.
Weitere (weltbekannt gewordene) Buchtitel:
Die Kunst des Liebens
(1956), Die
Revolution der Hoffnung (1968)
Vgl. Vortrag
Psychologie für
Nichtpsychologen (2 Videos),
Interview,
Erich Fromm-Homepage
°
Jacques
Lacan
(1901-1981): Der Pariser Analytiker
begründete 1953
mit dem Vortrag Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der
Psychoanalyse die Strukturale Psychoanalyse auf philosophischer
und linguistischer Grundlage. In Anlehnung an Claude
Lévi-Strauss
(1908-2009; s. a. o.)
versteht
Lacan
das Unbewusste
als strukturiert wie eine Sprache. Er vertritt ein Konzept des
konstitutiven Mangels des Subjekts, das sich, im Versuch den Mangel zu
beheben, der Sprache als symbolischem System zuwenden müsse.
Lacan
kritisiert auch
das bisherige Verständnis vom Ich, das er als auf andere Ichs angewiesen
versteht. Nur wer ein Konzept vom Anderen habe, könne sich selbst
definieren. Auch das Unbewusste existiere nicht separiert von der Außenwelt. Ziel der Psychoanalyse seien weder das Wiedererinnern verdrängter
Erlebnisse noch das Abreagieren von Affekten oder die Stärkung des Ichs,
sondern die „Artikulation der Wahrheit des eigenen Begehrens“.
°
Heinz
Kohut (1913-1981):
Kohut musste nach seiner
Lehranalyse bei August Aichhorn
(1878-1949) vor den Nazis 1940 aus Wien in die USA fliehen, wo er die Selbstpsychologie begründete und das Wort
„Selbstobjekt“ (das
durch empathische und zugewandte Bezugspersonen
entstehe) prägte. Psychische Leiden entstünden laut
Kohut nicht durch Triebkonflikte,
sondern in einem durch mangelnde Empathie und Zugewandtheit der
Bezugspersonen in der Kindheit verursachten schwachen oder defizitär
entwickelten Selbst. Heilung soll durch eine intersubjektive, empathische
analytische Beziehung erfolgen. Seine bekanntesten Werke: Narzissmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzisstischer
Persönlichkeitsstörungen, Die Heilung des Selbst und Wie heilt
die Psychoanalyse?
(Vgl. a. Wiener Kreis für
Psychoanalyse und Selbstpsychologie)
°
Erik Homburger Erikson
(1902-1994): Indem er historische mit psychologischen Methoden verband, beschäftigte
er sich besonders mit Identitätskrisen und
postulierte psychosoziale Phasen (s. o.).
°
Transaktionsanalyse (TAA): Vom
Kanadier Eric Berne (1910-1970,
eig. Eric Lennard Bernstein; einem
Schüler des Freud-Schülers Paul
Federn, 1871-1950) begründete
Therapieform, die Freuds
topisches Modell (s. o.) ins Soziale wendet.
Bekannt
geworden ist die TAA durch Bernes Bestseller
Spiele der Erwachsenen 1964 bzw. das Buch
Ich bin ok, du bist ok 1967 seines Schülers Thomas
Anthony Harris,
1910-1995. Nach diesem Konzept ergibt sich die Lebenseinstellung des Menschen aus dem Maß der Befriedigung
der
3 Grundbedürfnisse:
+ Hunger nach
Zuwendung
+ Hunger nach
Zeitstrukturierung
+ Hunger nach
Aktivierung.
Die verschiedenen Ausrichtungen (Lebens-Skripts;
s. o.) werden durch eine
Skriptanalyse erfasst. Darauf aufbauend ergeben sich 72 mögliche Kommunikationsformen
(Transaktionen; zu einem gewissen Teil nichtsprachlich),
die auf den
3 Ichs:
+ Kindheits-Ich
(die ungefilterten Erfahrungen der naiven Frühzeit)
+ Eltern-Ich (die
erfahrenen Überzeugungen und Regeln der Autoritätspersonen)
+ Erwachsenen-Ich
(das heutige, rationale Selbst),
die jeder Mensch in sich vereinigt, beruhen. Transaktionen („Grundeinheiten
aller sozialen Verbindungen“) können vom Sender
anders gemeint sein, als sie vom Empfänger verstanden werden - oder auch
nicht. Sie können relativ problemlos komplementär (auf
akzeptierter Ebene) stattfinden (z. B. Erwachsenen-Ich spricht zu Erwachsenen-Ich,
das auch im selben Modus antwortet), gekreuzt (Rollenkonfusion
zeigend) und damit unter „Störfeuer“ auftreten (z. B. Eltern-Ich
spricht zu Kindheits-Ich, das die Rolle nicht akzeptiert und im
Erwachsenen-Ich-Zustand
antwortet; etwa: „Iss doch nicht so viel!“ - „Immer musst du wie meine
Mutter an mir herumerziehen.“) oder verdeckt (parallel zur
„offiziellen“, sozialen Kommunikation existiert unterschwellig - als Duplex-Transaktion - eine zweite und entscheidendere psychologische
Schiene) erfolgen.
Zu berücksichtigen ist auch, dass sich die emotionalen Zustände, in denen
sich interagierende Personen befinden, während des Kommunikationsvorganges
ändern können. Die
Aufgabe des Therapeuten liegt darin, dies alles zu durchschauen und Zusammenhänge zu
entschmelzen,
die Aufgabe des Klienten wäre es in der Folge, die typischen Muster seines
(unerwünschten) Verhaltens zu erkennen, zu verstehen und zu verändern.
(Vgl. Seite über
Transaktionsanalyse,
transaktionsanalyse-online.de und Seite eines österreichischen
Transaktionsanalyse-Instituts)
Ein aus der TAA erwachsenes psychologisches und soziales Modell ist
das zuerst von Stephen Karpman
beschriebene Drama-Dreieck: Ein
„Retter“ hilft einem von einem „Verfolger/Täter“ bedrohten „Opfer“, das den Anschein erweckt, Hilfe zu
benötigen, vielleicht aber unter Nutzung seiner eigenen Fähigkeiten das
Problem auch alleine bewältigen könnte. Die Positionen können wechseln.
(Eignet sich als Folie für Verhaltensanalysen, z. B. beim Helfersyndrom -
s. o.)
°
Transference-Focused-Psychotherapy (TFP,
Übertragungs-fokussierte Psychotherapie): von
Otto
Friedmann Kernberg
(*1928; s. a. o.) für schwere
Persönlichkeitsstörungen mit dem Ziel, die Objektbeziehungen nachhaltig zu
verbessern, entwickelte Methode, die auf der Durcharbeitung und Analyse der
Übertragungsbeziehung (s. o.)
zwischen Klient und Therapeut - anstatt sich auf diese regressionsfördernd
einzulassen - basiert.
°
Ethnopsychoanalyse:
wurde im Rückgriff auf Freuds von
Wundt (s. o.)
angeregtes Buch Totem und Tabu (1913; Untertitel Einige
Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker)
vom Schweizer Paul Parin
(1916-2009) u. a. begründet und entwickelt. Sie verbindet psychologische mit
sozialanthropologischen Fragestellungen.
°
Mentalization-Based-Treatment (MBT;
Mentalisierungsbasierte Therapie): Eine von Peter
Fonagy (*1952) und anderen
vor allem als Behandlungsprogramm für Borderline-Fälle entwickelte (nicht
ausschließlich)
psychoanalytische Technik, die die Fähigkeit, psychische Vorgänge als kausal
für eigene und fremde (auch Therapeuten-) Handlungen zu verstehen, fördern
will (Mentalisierung). Dadurch soll es möglich werden, reflexiv zu erfassen, welche
mentalen, geistigen und emotionalen Umstände und Erfahrungen zu den jetzigen
Wünschen, Gedanken und Überzeugungen geführt haben. Der Fokus liegt dabei
weniger auf der unbewussten Vergangenheit des Klienten als auf der Qualität
der wechselseitigen Einschätzung der gegenwärtigen therapeutischen
Beziehung. (Ist die Sicht des Klienten auf das Verhalten des Therapeuten
richtig? Könnte er die Situation auch anders verstehen? Auf welchen Gefühlen
und Wünschen beruht das Verhalten des Klienten? etc.) Das Therapieziel
besteht darin, durch besseres Verstehen des eigenen Fühlens und Denkens (und
damit des Verhaltens) Beziehungsfähigkeit herzustellen.
°
Spezifische Traumatherapien: Zur Behandlung von PTBS/PTSD (s. o.)
entwickelte die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Francine
Shapiro (1948-2019) die EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)-Methode, deren Ziel
es ist, den nach einem Schicksalsschlag auftretenden Speechless Terror
(Sprachloses Entsetzen) zu überwinden. Dabei erfolgt während der
Zurückversetzung in die Angst machende Situation eine bilaterale
Hirnstimulation durch verschiedenartige Reize (meist Augenbewegungen). Daraus
wurde 2003 vom Psychoanalytiker David
Grand (*1968) der
neuropsychotherapeutische Ansatz Brainspotting entwickelt, mithilfe
dessen traumaverarbeitende Gehirnregionen, die aufgrund bestimmter
Augenpositionen und -fixierungen identifiziert werden, aktiviert werden.
(Diese Therapieformen sind nicht direkt psychodynamisch, aber indirekt davon
beeinflusst.)
°
Cyberanalysis: Online-Therapie auf der Basis von E-Mail, Chatroom oder
Videokonferenz (zunächst umstritten und z. T. als unseriös bezeichnet,
seit der COVID 19-Pandemie 2020 zunehmend akzeptiert); z. B.
Online-Therapien,
Internet-Therapists. Bezeichnet eher die
technische Durchführung als die zugrunde
liegende Theorie. Mit dem Fortschreiten der IT-Wissenschaften werden
allerdings immer häufiger Computer in das Therapiegeschehen miteinbezogen,
z. B. um durch Algorithmen das Abbruchrisiko berechnen zu lassen oder sie
unbeeinflusst von persönlichen Werthaltungen als Therapiemanager (z. B.
Trier Treatment Navigator TTN von Wolfgang
Lutz, *1966) die Methode der
Wahl vorschlagen zu lassen. (Schon 1966 entwickelte Joseph
Weizenbaum, 1923-2008, das
Computerprogramm ELIZA, das als früher Umsetzungsversuch des Turing-Tests
- s. o. -
psychotherapeutische Gespräche in der Art von Carl R. Rogers -
s. u. - ermöglichen sollte
und damit zum ersten Vorläufer moderner Chatbots wurde.)
Hinter der (am Behaviourismus -
s. o. - orientierten)
Verhaltenstherapie steht - gemäß einem mechanistischen Menschenbild - die Auffassung, dass allem Verhalten
- auch dem
unerwünschten, neurotischen - (ev. fehlgegangene) Lernprozesse zugrunde
liegen, die wieder rückgängig gemacht werden können. Die Neurose könne daher
verlernt bzw. durch inkompatibles Verhalten - z. B. ist Essen angstinkompatibel
- vermieden werden (Reziproke Hemmung). Der Startschuss der VT fiel, als
der Südafrikaner Joseph
Wolpe (1915-1997) als Medical
Officer im 2. Weltkrieg erkannte, dass psychodynamische Talking Cures bei den
Angst- bzw. PTSD-Zuständen der Soldaten nicht halfen, gewisse
Entspannungstechniken und Konditionierungen jedoch sehr wohl. Er griff auf die
Ergebnisse der behaviouristischen Schule (s. o.)
zurück und versuchte, nicht die Verhaltensweisen, sondern die emotionalen
Reaktionen auf traumatisierende Reize zu konditionieren.
°
Achtsamkeit:
die Fähigkeit, sich seiner Erfahrungen bewusst zu werden, ohne sie zu
beurteilen. Sie ermögliche, Negatives im Wissen zu registrieren, es werde
vorübergehen.
°
Erkenntnis, Mensch unter Menschen zu sein:
Sie erlaube, Verbundenheit mit jenen zu fühlen, die Ähnliches erlebt haben.
°
Selbstakzeptanz:
Sie sei die Voraussetzung für die Umsetzung des Selbstmitgefühls (self compassion)
im Leben.
Diese „dritte Kraft“ (Bezeichnung von Abraham Maslow,
1908-1970; s. u.)
verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und betont in ihrem Menschenbild den schöpferischen und auf
Selbstverwirklichung ausgerichteten Aspekt der Persönlichkeit des intentional
agierenden und in sozialen Zusammenhängen lebenden Klienten, dessen vielfältige
eigene Ressourcen genützt werden sollen. (Ressourcen sind - nach einem
Interview mit Michael Musalek;
s. o. - definierbar als
unmittelbar verfügbare, in bestimmten Aufgabenstellungen angewendete und
bezüglich des Nutzwertes beurteilbare Potentiale und Kompetenzen, die zu
Kraftquellen werden können, als materielle, soziale und personale Charakteristika
eines Menschen, die genutzt werden, um sich in Richtung persönlicher Ziele
bewegen zu können, zur Bedürfnisbefriedigung beitragen und das Wohlbefinden
steigern bzw. Potentiale der Person selbst und ihrer sozialen Umwelt, deren
Einsatz lebenserhaltende bzw. lebensverbessernde Effekte produziert.) Eine
ressourcen- statt defizitorientierte Therapie
soll bei der Identifizierung von Lebenszielen und Lebenssinn helfen. Wolfgang Metzger
(1899-1979) beschrieb 1962 die dieser Richtung zugrunde liegenden
°
Nicht-Beliebigkeit der Form
(man kann nur entfalten, was an Möglichkeiten angelegt ist)
°
Gestaltung aus inneren Kräften
(die in den Klienten selbst ihren Ursprung haben)
°
Nicht-Beliebigkeit der
Arbeitszeiten (sondern Ausnutzen der fruchtbaren Augenblicke der
Zugänglichkeit)
°
Nicht-Beliebigkeit der
Arbeitsgeschwindigkeit (Prozesse haben ihr eigentümliches Ablauftempo)
°
Duldung von Umwegen
°
Berücksichtigung der
Wechselseitigkeit des Geschehens
°
Bedürfnisbefriedigung: Streben nach Wohlbefinden
und persönlicher Zufriedenheit
°
Selbstbeschränkende Anpassung: Streben nach
Sicherheit und Konfliktvermeidung
°
Schöpferische Expansion: Streben nach
Potentialverwirklichung, Kreativität und Selbstentfaltung
°
Aufrechterhaltung der inneren Ordnung: Streben nach
Ausgeglichenheit und Stabilität
Abb. 4/17:
Viktor E. Frankl
°
Daseinsanalysen gibt es seit
Ludwig
Binswanger
(1881-1966, der unter dem Einfluss von Freud,
Edmund Husserl,
1859-1938 und Martin Heidegger,
1889-1976, stand und die Liebesfähigkeit im Zentrum sieht).
Die Logotherapie und Existenzanalyse von Frankl
(=
„dritte Richtung der Wiener Psychotherapie“
neben Freud und Adler), die Freiheit und Verantwortlichsein bewusst macht und damit
eine bestimmte zugrundeliegende Anthropologie berücksichtigt, konstatiert
„existentielle Frustration trotz herrschendem Wohlstand“ als Leiden unserer
Zeit und strebt Heilung durch Sinnfindung an. Es gelte, eine Aufgabe im
Leben zu finden. (Vgl. Nietzsche-Zitat:
„Wer ein Warum zum Leben hat,
der erträgt fast jedes Wie.“) Neben unbewussten Trieben, Begierden,
Wünschen, Phantasien usw. gebe es auch eine unbewusste Geistigkeit mit
mehreren Anteilen (ethisches Unbewusstes, ästhetisches Unbewusstes). Das im
dreidimensional (als biologisch-physiologisches,
psychologisch-soziologisches und - Selbsttranszendenz ermöglichend - geistig-noetisches Wesen) angelegten
Menschen auftretende Bedürfnis nach Sinn werde durch Abhandenkommen einer
Wert- und Weltanschauung nicht erfüllt. Dies führe zu Neurosen, die sich in
sturer
Selbst-Zentriertheit zeigen. Nicht ein (vorher)bestimmter, sondern ein zu
suchender, selbst zu gebender und für sich verbindlich zu machender Sinn
ist in diesem Zusammenhang gemeint. (Für Frankl
selbst z. B. bestand er darin, anderen zu einem Sinn zu verhelfen.)
°
Techniken: die folgenden von Frankl
entwickelten bzw. verwendeten psychotherapeutischen Techniken rekurrieren auf die dritte der eben
erwähnten Dimensionen:
+
Dereflexion:
Symptome sollen ignoriert werden. („Man darf sich von sich selbst nicht alles
gefallen lassen.“) Es existiere eine Trotzmacht des Geistes, der Patient solle in der Mitwelt handeln, nicht über sich
nachgrübeln.
+
Paradoxe Intention (s. hier)
des Patienten
(zur Paradoxen Intervention des Therapeuten
vgl. u.): Eine im Bereich der Vorstellung angesiedelte Technik, die eine Distanzierung von der Neurose
ermöglicht. Das Gefühl der Unterworfenheit
weicht dem des Beherrschens des Symptoms. Ein eingespielter Circulus diaboli
bzw. vitiosus wird durch diese ungewöhnliche Maßnahme durchbrochen, neue Möglichkeiten, mit
einer Therapie anzusetzen, öffnen sich. (Beispiel: Bei Prüfungsangst soll
man damit unvereinbare Gedanken der Vorfreude auf die bestandene Prüfung
produzieren.)
+
Einstellungsmodulation:
zielt auf eine
Veränderung der Sichtweise ab. Die Klienten sollen das Positive auch an schwierigen Situationen zu
erkennen imstande sein (tragischer Optimismus) und sich von der
Vorstellung lösen, dass Lebenswege ohne Schwierigkeiten verlaufen können. Grundlage dafür ist, sich selbst zu verändern und nicht
auf eine Veränderung der Umstände zu hoffen, ähnlich dem Aristoteles
(384-322 v. Chr.) zugeschriebenen Aphorismus: Wir können den Wind
nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen. (Der US-amerikanische Vertreter
einer existentiellen Psychotherapie und Mitbegründer der
American Association for Humanistic Psychology Rollo
May, 1909-1994, empfiehlt,
negative Gefühle zu akzeptieren statt zu unterdrücken, um ein
Persönlichkeitswachstum zu ermöglichen.)
+
Sokratischer Dialog: Wie Sokrates
(Σωκράτης, 469-399 v. Chr.;
s. o.) hilft der Arzt dem Patienten nach der
Hebammen-Methode (Maieutik),
die Erkenntnisse selbst zu vollziehen und Sinnstiftung zu betreiben. Sinn könne nicht - von außen - gegeben, er
müsse - von den Klienten - gefunden werden. Diese sollen sich dabei nicht
mit ihren Erwartungen an das Leben, sondern mit den Erwartungen des Lebens
an sie beschäftigen.
°
„3 Hauptstraßen“ zum Sinn:
(Näheres s. u.)
+
Schöpferische Werte (Freude über das
durch eigene Arbeit Geschaffene)
+
Erlebniswerte (statt Konsum)
+
Einstellungswerte (Man
kann sich nicht frei von negativen Gefühlen machen, ist aber durch die
Trotzmacht des Geistes frei, zu ihnen Stellung zu nehmen)
°
Empathie: Einfühlungsvermögen ohne zu urteilen
°
Akzeptanz: ermöglicht erst eine nutzbringende Beziehung zum
Therapeuten
°
Kongruenz: zielt auf die Authentizität des Therapeuten ab, dessen
Kongruenz (Erfahrungen, Bewusstsein und Sprache müssen fassadenfrei mit dem Verhalten
übereinstimmen) als Vorbild für seine Klientel bei der Entwicklung eigener
Kongruenz zwischen Ideal- und Realbild dient.
°
Übermitteln nicht wertender Beobachtung („Wenn ...)
°
Darstellen von damit verbundenen Gefühlen (..., dann fühle ich mich
...)
°
Offenlegung der dahinter stehenden Bedürfnisse (..., weil ich ...
brauche.)
°
Äußern von auf konkrete Handlungen bezogene Bitten (Deshalb möchte
ich gerne ... .“)
Vgl. ÖVG,
DVG,
Lexikon der Gestalttherapie
und Seite des Symbolon-Instituts
°
Sichzusammennehmen (entspricht der schizoiden Persönlichkeit)
°
Ansichhalten (entspricht dem oralen Charakter)
°
Drinnenhalten (entspricht dem masochistischen Typ)
°
Drüberhalten (entspricht psychopathischen Mustern)
°
Zurückhalten (entspricht rigiden Strukturen)
°
Okkupationssysteme (z. B.
wenn Eltern ihr Kind als Hoffnungsträger für selbst nicht erreichte Ziele
okkupieren)
°
Substitutionssysteme: Nach Horst
Eberhard Richter
(dt. Psychoanalytiker, 1923-2011) substituiert sich jede kranke Familie
+ als Festung (die paranoide Verteidigung
betreibt)
+ als Sanatorium
(das angstneurotische Selbstbemitleidung zeigt)
+ als Theater (in
dem hysterische Verdrängung gespielt wird).
°
Ausgangspunkt: Ein Symptom (z. B.
psychosomatische Beschwerden wie Asthma, psychische Labilität etc.) oder ein für einen Teil der
Familie unerträglicher Zustand fällt auf. Es besteht der Verdacht, dass der
/ die Symptomträger/in nur in Zusammenhang mit der Restfamilie verstanden
werden kann.
°
Ansatzpunkte:
+
Familienkonstellation (Ränge,
Rollen und deren Zuweisung, Machtverhältnisse, Sozialdistanz etc.)
+
Familienatmosphäre (Stimmungen,
Begegnungsweisen)
+
Familienregeln
(Art der ausgesprochenen und der unausgesprochenen Regeln, Form des Zustandekommens, Weise des Einhaltens)
°
Methoden:
+
Familienaufstellungen: Auf einem
Systembrett (oder auch in der Realität) werden symbolisch Figuren (oder real Personen)
von den Klienten positioniert. Alle für deren Probleme in Vergangenheit oder
Gegenwart potentiell Verantwortlichen sollen berücksichtigt werden. Distanz, Winkel und Blickrichtung lassen sich
später systemisch interpretieren. (Bekannt geworden sind v. a. die Familienskulptur-Methode von
Virginia
Satir, 1916-1988,
s. u. - und
die auf die drei Grundbedürfnisse Ausgleich, Ordnung und Bindung
bzw. Zugehörigkeit abzielende Aufstellungsmethode von Bert
/ Anton Hellinger,
1925-2019.)
+
Genogramme
(entwickelt in den 70er-Jahren von Bowen,
popularisiert 1985 von Monica
McGoldrick,
*1943 und Randy Gerson,
*1928?-1995, in Genograms in Family Assessment): Graphische
Darstellungen der Generationenverhältnisse im Hinblick auf die jeweilige
Beziehungsstärke (im Positiven wie im Negativen)
visualisieren - oft im Zusammenhang mit Aufstellungen - nicht nur
verwandtschaftliche, sondern darüber hinaus auch inhaltliche Beziehungen
zwischen Familienmitgliedern. Berücksichtigt werden Konstellationen,
Beziehungen, die medizinische oder therapeutische Vergangenheit der Personen
und ähnliche Faktoren. Anne Ancelin
Schützenberger (1919-2018),
eine Mitarbeiterin Morenos (s. u.),
entwickelte die Psychogenealogie, die den Zusammenhang zwischen
Traumata und Spannungen im Leben der Vorgeneration(en) und
Verhaltensstörungen der Nachfahren aufdecken soll.
+ Offenlegung von
Familienaufträgen: Unausgesprochene und sich oft über Generationen
hinziehende Familienaufträge (z. B. wenn sich Kinder verpflichtet fühlen,
den Betrieb der Eltern zu übernehmen oder den Beruf des Vaters / der
Mutter zu ergreifen etc.) beeinflussen den Lebensweg oft negativ, wenn sie
den eigenen Wünschen widersprechen und die
innere Kraft (das Selbstbewusstsein) nicht aufgebracht werden kann,
rechtzeitig eigene Pläne zu entwickeln
und deren Realisierung einzufordern.
+
Systemische
Fragen: Dazu zählen zirkuläre Fragen, die auf den
vermuteten Standpunkt Dritter abzielen und Zusammenhänge und
Wechselwirkungen sichtbar machen, Skalierungsfragen, die eine
objektive Messbarkeit subjektiver Zustände oder Empfindungen unterstellen,
hypothetische Fragen wie z. B. die bekannt gewordene sog. Wunderfrage
vom in Wien verstorbenen Steve
de Shazer (1940-2005): „Woran würden Sie und Ihre
Umgebung - ohne Absprache - merken, dass Ihre Probleme gelöst seien, wenn
dies wie durch ein Wunder über Nacht geschähe?“, paradoxe Fragen, die
durch ihre Widersprüchlichkeit und Überzeichnung verblüffen sollen, und
lösungs- bzw. ressourcenorientierte Fragen, die das Gespräch
konstruktiv zu gestalten imstande sind.
+
Gesprächs-
und Gruppentherapie: wird in den verschiedensten Formen eingesetzt.
+
Spieltherapie: wird bei Kindern nicht nur therapeutisch, sondern auch
als diagnostisches Mittel verwendet.
°
Psychodrama von
Jakov
Levy Moreno (1889-1974,
Erfinder des Soziogramms -
s. u.; aus
Bukarest stammender Österreicher, der mit Adler
- s. o. -
zusammenarbeitete und 1925 in die USA ging): Älteste Form der
Gruppentherapie. Durch dramatische Darstellung der lebensbestimmenden
Konflikte (z. B. mit den Eltern und dem Umfeld: die Gruppenmitglieder übernehmen -
ähnlich einer Familienaufstellung;
s. o. - deren Rollen)
soll in einem Konzept der Kreativität und Spontaneität eine Bewusstmachung und eine Affektabfuhr erfolgen,
die das Potential für adäquate Lösungsansätze freisetzt (Einfluss des Wiener
Stegreiftheaters). Der Ablauf gliedert sich in:
+
Erwärmungsphase
(Schaffung eines angstfreien Klimas)
+
Handlungsphase
(Arbeit am Problem)
+
Integrationsphase
(Reflexion)
Vgl. ÖAGG (Österreichischer
Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik - Psychodrama Austria)
°
Encounter-Gruppen: Im Anschluss an die T-Groups
/ (Sensitivity)trainigsgruppen)
von Kurt Lewin
entstandene Begegnungsgruppen. Als Bekanntengruppen, Fremdgruppen oder
Betriebsgruppen sollen sie dem Einzelnen bei der Persönlichkeitsstärkung
oder als Selbsterfahrungsgruppen beim Kennenlernen seiner selbst helfen.
Bekannt geworden sind v. a. die
Balint-Gruppen
(nach dem 1939 nach England emigrierten, analytisch orientierten Ungarn Michael
Balint, 1896-1970, Teil der
„Budapester Schule“, Begründer
der Fokaltherapie, einer Kurztherapie, die einen thematischen Schwerpunkt =
Fokus hat), in denen 8 bis 12 Angehörige der gleichen Berufsgruppe unter
professioneller Leitung (Supervision - s. o. - durch einen Ausbildungspsychologen)
ihren Berufsalltag (ihre Beziehungen zu allen Menschen, denen sie im Beruf
begegnen) bzw. andere Probleme besprechen.
°
Selbsthilfegruppen: Sie beruhen als zunächst nicht
institutionalisierte, selbst organisierte Einheiten darauf, dass alle ihre
Mitglieder - mit Ausnahme eines eventuell begleitenden Therapeuten -
gleiche oder ähnliche Probleme haben und sich aneinander aufrichten können.
Man findet Kolleg/innen vor, die weiter als man selbst sind und daher als
Vorbild und Ansporn dienen können, aber auch solche, die noch am Beginn stehen und dadurch den Weg, den man selbst zurückgelegt hat, deutlich
werden lassen. (Beispiel: Anonyme Alkoholiker, eine 1935 vom Börsenmakler William
Griffith Wilson,
1895-1971, und dem Arzt Robert
Holbrook Smith,
1879-1950, gegründete
Basisgruppe, in der nach einem 12-Punkte-Programm versucht wird, die
unheilbare Alkoholerkrankung abzustoppen.)
Abb. 4/18: Paul
Watzlawick
°
...dass
es wichtiger ist, was für wirklich gehalten wird, als ob etwas „wirklich“
wirklich ist.
°
...dass
wir auf unsere Interpretation von Wirklichkeit reagieren und nicht auf die
„Wirklichkeit“.
°
...dass wir unsere eigene
Wirklichkeit schaffen (was manchmal dazu führt, dass wir sogar dann in Daten
Muster erkennen, wenn gar keine vorhanden sind: Clustering-Illusion;
vgl. a. die Apophänie, die Schizophrene Regelmäßigkeiten und
Beziehungen in bedeutungslosen Einzelheiten sehen lässt).
°
1. Problem definieren, zwischen echten und Pseudoproblemen unterscheiden
°
2. Bisherige Lösungsversuche untersuchen und überprüfen, ob die Probleme
nicht durch Fehllösungen entstanden sind
°
3. Ziele bzw. Lösungen definieren, utopische und vage Lösungen
unberücksichtigt lassen
°
4. Konkrete Planungen durchführen
°
eine enge (als wichtig
empfundene) Beziehung der Interaktionspartner (andernfalls können
Aussagen anderer Personen nicht toxisch werden, da sie zu wenig Stellenwert
haben)
°
eine Mitteilung, die etwas aussagt und gleichzeitig über ihre eigene
Aussage etwas aussagt, so, dass beide Aussagen unvereinbar sind (durch
Befolgung missachtet bzw. auch durch Missachtung nicht wirklich befolgt werden, z. B. die
Aufforderung: „Sei
spontan!“, der nicht nachgekommen werden kann; vgl. Seite der
HfH)
°
Die paradoxe Mitteilung ist, obwohl
logisch sinnlos, pragmatische
Realität. Ihr Empfänger kann der Situation nicht durch
Metakommunikation (diese zielführende und sinnvolle Möglichkeit steht nur
bei einem gewissen Abstraktionsniveau und der Möglichkeit, sich emotional zu
distanzieren offen), Ironisierung oder Flucht entkommen und läuft Gefahr, für richtige
Wahrnehmungen bestraft und als verrückt bezeichnet zu werden. (Beispiel aus
dem Partnerschaftsbereich: „Du könntest ruhig etwas zärtlicher zu mir sein“
sagt A zu B. Kommt B dieser Aufforderung nach, muss er/sie sich vorwerfen
lassen, nicht von sich aus gehandelt zu haben, ignoriert er/sie den Wunsch,
wird auch dies nicht goutiert werden.)
Spielschema
Prisoner's
Dilemma
B
b1
b2
+5
-5
+8
-3
Vgl. auch The Prisoners' Dilemma
(Videodiskussion)
oder Dutzende andere Seiten
Vgl.
nlp.at,
nlp.de u. v.
Als wichtigste Annahmen gelten nach einer Zusammenfassung von Thies Stahl (*1950):
| ° | Menschen reagieren auf ihre subjektive Abbildung der Wirklichkeit und nicht auf die äußere Realität. |
| ° | Geist und Körper sind Teile des gleichen kybernetischen Systems und beeinflussen sich wechselseitig. |
| ° | Viele Verhaltensmöglichkeiten sind wichtig, weil ein System immer von dem Element kontrolliert wird, das am flexibelsten ist. |
| ° | Ein Mensch funktioniert immer perfekt und trifft stets die beste Wahl auf der Grundlage der für ihn verfügbaren Informationen. |
| ° | Jedem Verhalten liegt eine positive Absicht zugrunde, und es gibt zumindest einen Kontext, in dem es nützlich ist. |
| ° | Das Ergebnis von Kommunikation ist das Feedback, das der einzelne bekommt; Fehler oder Versagen gibt es nicht. |
| ° | Kann ein Mensch lernen, etwas Bestimmtes zu tun, können es grundsätzlich alle Menschen. |
| ° | Menschen verfügen über alle Ressourcen, die sie brauchen, um eine von ihnen angestrebte Veränderung zu erreichen. |
Weitere Annahmen wären:
| ° | Wir leben sowohl in der Welt der Sprache und Symbole wie auch in der realen Welt der Erfahrungen. „Die Landkarte ist nicht das Gebiet“. (Zitat vom polnisch-US-amerikanischen Autor und Ingenieur Alfred Wladyslaw Augustyn Korzybski, später Alfred Habdank Skarbek Korzybski, 1879-1950, der u. a. Berne - s. o. - und Bateson - s. o. - unterrichtete) |
| ° | Der positive Wert eines Menschen bleibt konstant, sein jeweiliges Verhalten kann aber unangemessen sein. |
| ° | Wenn etwas nicht funktioniert, tue etwas anders. |
| ° | In einem ansonsten gleich bleibenden System hat das Element mit den größtmöglichen Verhaltensmöglichkeiten die Kontrolle. |
| ° | Widerstand beim Klienten bedeutet mangelnde Flexibilität des Therapeuten. |
| ° | Der Sinn jeder Kommunikation ist nicht die Absicht, sondern die Reaktion, die sie beim Gegenüber auslöst. |
NLP verwendet verschiedene Verfahrensweisen:
Unter (oft durch Mirroring - Spiegeln - unterstütztem) Rapport (der Begriff stammt ursprünglich aus dem Bereich der Hypnose) wird dabei der anzustrebende problemlose Kommunikationsfluss, das Erzeugen einer vertrauensvollen Übereinstimmung, verstanden.
Um Reaktion anderer bewusst zu steuern, wird vor allem der Priming-Effekt (= Bahnung) eingesetzt. Darunter versteht man die unbewusst bleibende Beeinflussung der Informationsverarbeitung (Reizkognition), dadurch, dass davor ein anderer Reiz vorhandene Gedächtnisinhalte aktiviert (innere Bilder abgerufen) hat. Diese Aktivierung spezieller Assoziationen im Gedächtnis aufgrund von Vorerfahrungen wurde von John A. Bargh (*1955) experimentell untersucht. Dabei wurden Gedächtnisinhalte durch Worte, Gerüche, kinästhetische Erfahrungen (Triggerreize, Anker) etc. aktiviert, die Bewertungen, die ja als rational gesteuert gelten, drehen können (vgl. die Arbeit der im Bereich der Politik tätigen Spin-Doktoren). Zum Beispiel wurde in einem Ex. die Aussage „Ein Vertreter klopfte, aber Donald ließ ihn nicht herein.“) umso eher als feindselig bewertetet, je stärker die Vpn. davor mit subliminal emotional feindselig gefärbten Begriffen (wie „Beleidigung“, „unfreundlich“) beeinflusst wurden. Andere Beispiele für beeinflussende Reize: Harte/weiche Sessel für Verhandlungspartner, heiße/kalte Getränke während Beziehungsstreitigkeiten etc. Bargh u. a. entwickelten in diesem Zusammenhang 1996 das folgende, so genannte
| Vpn. sollten gemäß der Cover story einen sprachlichen Test durchführen, indem sie mit Vokabeln wie Florida (in den USA ein sprichwörtliches Pensionistenparadies), vergesslich, Glatze, grau oder Falte Sätze bilden. Das eigentliche Ex. folgte jedoch erst danach: Ohne dass dies den Vpn. mitgeteilt wurde, maß man die Gehgeschwindigkeit dieser Gruppe im Vergleich zu einer Kg., die keine oder andere (mit Jugendlichkeit konnotierte) Wörter als Material zur Verfügung gestellt bekommen hatten. Allein das Lesen der seniorenbezogenen Vokabel beeinflusste das Verhalten der Probanden, ohne dass diese davon etwas bemerkten: sie gingen - womöglich einander unbewusst verstärkend - signifikant langsamer zum Lift als die Kg. |
Dieses Phänomen wird Florida-Effekt oder ideomotorischer Effekt genannt. Zugrunde liegt die „assoziative Aktivierung“, die unkontrolliert in System 1 - s. o. - abläuft. - Vgl. dazu folgenden FAZ-Artikel
Weitere mit NLP in Zusammenhang stehende und z. B. in Reden verwendete Techniken sind u. a. Framing (s. o., z. B. wirkt die Aussage eines Arztes „90% überleben diesen Krebs“ beruhigender als die Aussage „10% sterben an diesem Krebs.“) bzw. Refraiming, Pacing (= nach Richard Bandler, *1950, und John Grinder, *1940, die als NLP-Erfinder angesehen werden, „sich in der Körperhaltung, dem Sprachverhalten, der Gestik und/oder dem Atemrhythmus dem Gesprächspartner anzupassen. Dadurch entsteht auf einer unbewussten Ebene ein intensiver und zuverlässiger Kontakt. Dieser Kontakt ist unabhängig von inhaltlichen Übereinstimmungen und daher besonders gut geeignet, auch in schwierigen und kontroversen Situation eine stabile und positive Beziehung zu gewährleisten.“ ), Leading (= das durch Herstellung von Rapport, Framing und Pacing vorbereitete „Führen“, Beeinflussen oder Manipulieren der angesprochenen Personen), das Milton-Modell (beschreibt, wie Verallgemeinerungen, Tilgungen und Verzerrungen sprachlich so eingesetzt werden können, dass die Angesprochenen aus ihrer Erfahrungswelt assoziativ Bedeutungen hinzufügen können; benannt nach dem Hypnosetherapeuten Milton Erickson, 1901-1980), Ankern (= bewusst herbeigeführtes Verbinden bestimmter Reize mit bestimmten Reaktionen; Anker können in jedem Sinnesbereich installiert werden. Ein spezifischer Reiz wird - wiedererinnerbar - dann gesetzt, wenn ein bestimmter Zustand erlebt wird; zum Ankereffekt s. a. o.)
Tversky und Kahneman (s. a. o.) teilten schon 1974 ein Ex. mit, das den Ankereffekt bewies: Die Vpn. der Gruppe A sollten innerhalb von 5 sec. das Produkt aus 1x2x3x4x5x6x7x8=? schätzen, die der Gruppe B erhielten dieselbe Aufgabe, aber verkehrt herum angeschrieben (8x7x6x5x4x3x2x1=?). Im Durchschnitt tippte Gruppe A auf 512, Gruppe B auf 2250 (beides keine sehr exakten Schätzungen). Erklärung: Die jeweils erste Multiplikation ergibt unterschiedlich hohe Werte (2 vs. 56) und beeinflusst den folgenden Gedankengang. Dieser Effekt wird im Marketing tagtäglich ausgenutzt. (Ein zunächst erwähnter hochpreisiger Artikel lässt z. B. alle danach präsentierten Produkte billig erscheinen.)
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Es existieren zahllose weitere - seriöse und unseriöse oder zumindest unwissenschaftliche Therapieformen (die es immer schon gab: z. B glaubte der zu seiner Zeit weithin einflussreiche Franz Anton Mesmer, 1734-1815, dessen Theorien in die berühmten Portraitplastiken des Franz Xaver Messerschmidt, 1736-1783, einflossen, Krankheiten durch „animalischen Magnetismus“ und Berührungen heilen zu können), zum Beispiel: Beschäftigungs-, Schlaf-, Rebirthing-Therapie, Lachyoga oder die Hypnotherapie von Milton Erickson (1901-1980), die eine höhere Lernfähigkeit durch Rückversetzung in einen kindlichen Zustand mittels Trance erzielen will. (In Abgrenzung zur bewusstseinsmodifizierenden Hypnose entwickelte der Kolumbianer Alfonso Cayedo, 1932-2017, die Bewusstseinsphilosophie Sophrologie, die das „reine Bewusstsein“ herstellen will, um alles Erlebte integrieren zu können.). Auch die Logopädie bei tonischem (Blockade und Herausplatzen einzelner Wörter) oder klonischem (Repetieren von Wörtern oder Satzteilen) Stottern (vgl. Speech and language disorders), die Lichttherapie (s. o.) u. v. a. m. enthalten psychotherapeutische Elemente.
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